Rezension

Religiöse Toleranz - eine Vision für eine neue Welt

01.05.2016 - Dr. Burkhard Luber

Die Vielfalt des Islam ist einerseits seine Bürde: Immer wieder müssen sich Moslems zum Beispiel gegen fanatische Islamisten verteidigen. Die Vielfalt des Islam ist aber auch sein Schatz: Wer sich in Geduld mit den Facetten dieser Religion beschäftigt, trifft immer wieder überraschend auf Erstaunliches.

So auch im vorliegenden Buch, eine Sammlung von Reden des in Oman wirkenden Religionsgelehrten und Religionsministers Al Sami. Oman, für viele unbekannt, ist ein eindrucksvolles Beispiel religiöser Toleranz. Ein Land, in dem seit Jahrhunderten Muslime, Christen, Hindus und Anhänger anderer Religionen in friedlicher Koexistenz miteinander leben. In genau dieser Tradition stehen die hier präsentierten Texte, wobei Al Salmi gleichsam als Überschrift den Koran 49:13 wählt, wo die Menschen dazu aufgerufen werden, einander kennen zu lernen (und nicht einander zu beherrschen). Aus diesem Gebot der Toleranz leitet Al Salmi die Perspektive einer pluralistischen Gesellschaft, ja eines “Weltethos” ab, wie es bekanntlich auch Hans Küng entworfen hat. In einer Zeit wie der Gegenwart, wo mehr vom Kampf der Kulturen die Rede ist und die religiösen Gegensätze betont werden, ist dieses Buch sehr willkommen, zu einer anderen Blickrichtung einzuladen. Im Oman, der Wirkungsstätte von Al Salmi, ist man bestrebt nicht die Gegensätze zwischen den Religionen zu betonen, sondern den Abstand zum “Anderen” zu überbrücken, ihn zu verstehen und Unterschiede eher als Bereicherung und nicht als Trennendes aufzufassen. Kein Wunder, dass Al Salmi zentralen Werten wie Frieden, Gleichheit, Gerechtigkeit und Freiheit einen universellen Rang einräumt, die die Grundlagen für die Würde des Menschen darstellen. Al Salmi ist ein großer tiefsinniger Denker. Dass er auf der Höhe der Diskussion in seiner eigenen Religion ist, versteht sich von selbst. Was Al Salmi aber besonders für den Dialog der Religionen qualifiziert, ist sein großes Verständnis für die Weisheit anderer Religionen wie zum Beispiel des Christentums, dem er er mit hohem Respekt begegnet. So entfaltet Al Salmi für den Leser ein anderes Bild des Islam, als es die undifferenzierte Islam-Kritik hierzulande zeichnet: Respekt, Toleranz, Aufeinander Hören, gegenseitiges Lernen - das sind die Kategorie, die Al Salmi in seinen Reden entwirft und es kommt nicht von ungefähr, dass in einer seiner Reden der schlichte, fast demütige Satz steht: “Unter dem Strich wollen die Muslime weder Angreifer noch Opfer sein”.

 



Shaikh Abdullah Bin Mohammed Al Salmi: Religiöse Toleranz - eine Vision für eine neue Welt. Mehrsprachig. Deutscher Textteil 144 Seiten. Olms Verlag 2015. 29,80 Euro

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