Tebartz-van Elst

Religion stirbt nicht durch Limburg

01.11.2013 - Iftikhar Bajwa

Ich saß am Frühstückstisch. Ein schneller Blick in die Zeitung. Dort wieder eine große Schlagzeile: "Fall Tebartz-van Elst". Die Berichterstattung über den sogenanten "Protz-Bischhof" war über mehrere Wochen das alles beherrschende Thema. Alle diskutierten über ihn, über die katholische Kirche, über Religion im Allgemeinen. Tag für Tag las ich Berichte von Leuten, die aus der katholischen Kirche austraten und überhaupt der Religion den Rücken kehrten.

Ist Religion noch modern? Sorgt sie für oder: Schafft sie mehr Probleme als sie löst? Brauchen wir Religion? Fragen über Fragen schießen mir durch den Kopf. Haben sich die Katholiken dieselbe Frage gestellt? Wochenlang machten die Medien eine regelrechte Hetzjagd gegen den Bischof. Ständig wurden neue Artikel mit weiteren pikanten Details publiziert. Trotz des beschlossenen Abzugs aus Limburg sind alle Details zur Rolle des Bischofs noch gar nicht geklärt. War es der Bischof, der über Jahre alle Komitees und Ausschüsse, die an diesem Bauwerk beteiligt waren, hinters Licht geführt hat und wenn ja, in welcher Form? Oder hat die katholische Kirche  für sich ein strukturelles Problem, das sich in solchem Fehlverhalten widerspiegelt?


Genau dies sind die Fragen, die viele Katholiken beschäftigten und dazu führten, dass viele aus der Kirche austraten und wahrscheinlich sogar die Religion hinter sich ließen. Und dies, obwohl sie ihr lebenlang von ihr übezeugt waren. Es muss eine schwierige Entscheidung gewesen sein.
 
Darf ich die Religion für menschliches Unvermögen verantwortlich machen? Diese Frage lässt mich nicht mehr los. Denn in jeder Religion gab es immer wieder Individuen, selbst religöse Würdenträger, die die Religion nur als Vorwand benutzten. Spiegeln diese Individuen die jeweilige Religion und ihre Lehren wieder?

 

Meiner Meinung nach nicht. Die Religion an sich ist ein Weg. Ein Weg zur inneren Zufriedenheit. Diesen Weg zu finden ist eine persönliche Aufgabe, die ich unabhängig von dem Verhalten anderer Menschen bewältigen muss. Diesen Weg zu finden, ist die Antwort auf die eine existenzielle Grundatz-Frage: "Was ist der Sinn des Lebens?"

Diese Frage stellt sich jeder Mensche zu irgendeinem Punkt seines Lebens. Auf Grundlage der Antwort definiert man sich selbst und sein Verhalten. Jeder Mensch muss für sich selbst die Frage beantworten: Glaube ich an ein göttliches Wesen oder nicht? Wenn ich nicht an eine göttliche Existenz glaube, wofür lebe ich dann? Verschwende ich keine Gedanken an ein Leben nach dem Tod, dann versuche ich natürlich ein möglichst angenehmes Leben zu haben. Ich versuche möglichst erfolgreich zu sein. Ich suche mir etwas, das meinem Leben einen Sinn gibt. Ich finde etwas, worin all meine Erwartungen liegen. Etwas, das mir Tag für Tag Hoffnung gibt. Etwas, wofür ich ich jeden Tag aufstehe. Sei es die Arbeit, sei es ein Projekt, sei es die Familie oder sei es ein besonderer Mensch. Diesem Zweck und einem guten Leben widme ich all meine Aufmerksamkeit.

Ich persönlich halte ein solches Leben nicht für erstrebenswert. Ein Leben, in dem ich nur für mich und die meinigen lebe? Ist ein Leben erstrebenswert, in dem es kein übergeordnetes Ziel gibt? Ein Leben, gemäß der durchschnittlichen Lebenserwartung nach 80 Jahren endet? Danach gibt es nichts mehr? Schnitt? Klappe zu? Abspann? Aus die Maus? Ein Leben, in dem ich nur meine kurze Zeit auf der Erde verbringe und dann für immer verschwinde? Mir sagt meine Vernunft: wenn mein Körper vergangen ist, muss es für die Seele einen Ort geben, wo sie sich aufhält. Ein Ort, der nicht materiell ist. Auch die Wissenschaft sagt, dass alles was existiert nicht einfach verschwindet, sondern sich umwandelt. Wie etwa elektrische Energie, die in Licht oder Wärme übergeht. Ich bin davon überzeugt, dass die Evolution des Menschen in der spirituellen Welt weitergehen muss. Und ich denke, dass wir Menschen im tiefsten Sinne auch nicht akzeptieren könnten, dass nach dem Tod alles einfach so vorbei ist. Denn wir wünschen uns ein Wiedersehen mit unseren Liebsten.

 

Deshalb gibt es eine andere Möglichkeit, die dem Leben ein höheres Ziel setzt. Diese Möglichkeit besteht darin, an ein göttliches Wesen zu glauben. Ein Wesen, das das Universum, die Erde und uns Menschen erschaffen hat. Ein Wesen, das den Urknall auslöste und den Menschen nach einer langen Evolutionsphase, die Möglichkeit eröffnete, von der Vernunft gebrauch zu machen und göttliche Leitung zu erfahren. Ein Wesen, das durch seine Propheten die Menschen lehrte und sie immer wieder prüfte. Ein Wesen, vor dem ich nach meinem Tod Rechenschaft ablegen muss. Ein Wesen, dessen Wohlgefallen zu erlangen, der Sinn meines Lebens wird. Die befristete Zeit auf der Erde wird zu einer Prüfung, die darüber entscheidet, wie sich mein Leben nach dem Tod gestaltet.  Um diese Prüfung bestmöglich zu bestehen, entscheide ich mich für eine Religion, die nach meiner Meinung den besten Weg zu dem Schöpfer bietet. Die Religion, die ich unter dem Gebrauch meiner Vernunft als die eine richtige aussuche.

 

Die zweite von mir genannte Möglichkeit  erfordert von den Gläubigen das vollstes Vertrauen in ihren Gott. Ein Vertrauen, das nicht durch andere Menschen erschüttert werden sollte. Welchen Wert hat der Glaube, wenn wir ihn durch solche "Kleinigkeiten" verlieren? Wenn ich die Religion aufgebe, gebe ich einen ganzen Lebensweg auf. Ich müsste viele meiner grundlegendsten Entscheidungen neu reflektieren, da ich sie im Einklang mit meiner Religion getroffen hatte.

 

Die eigene Religion aufzugeben, sollte keine Entscheidung sein, die ich von heute auf morgen treffe. Es sollte keine Entscheidung sein, die abhängig vom Fehlverhalten anderer getroffen werden sollte. Wenn mir die eigene Religion nicht mehr zusagt, sollte ich mich mit anderen Religionen beschäftigen. Die Aufgabe sollte sein, einen anderen Weg zu meinem Schöpfer zu finden. Doch wenn ich mich ganz abwende von der Religion und dem Glauben, stehe ich wieder am Anfang aller Überlegungen.

Nämlich: Was ist der Sinn des Lebens?

 

 

 

 

Foto: © kursikowski

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