Rezension

Revolte. Der weltweite Aufstand gegen die Globalisierung.

01.05.2020 - Dr. Burkhard Luber

“Dieses Buch ist ein Reisebericht von den Schauplätzen der Revolte, eine detektivische Suche auf den Spuren einer Weltlage in Aufruhr, in ihren lichten und düsteren Bereichen” (S. 22)

 

Nadav Eyal möchte das Thema Revolte in einer Kombination von story telling und analytischen Elementen der Globalisierungskritik verbinden, arbeit also ähnlich wie William Volkmann in seinen “Arme Leute - Reportagen".

 

 

Das gelingt Eyal nur bedingt. Er führt die Leserin an verschiedene Orte dieser Welt. unter anderem nach Sri Lanka, mehrmals in die USA, nach Griechenland, nach Großbritannien, an die Grenze zwischen Serbien und Ungarn. Die Reihenfolge der Orte scheint keiner Logik zu folgen, hier wäre das Aufbauen eines Spannungsbogen als Dramaturgie für den Leser passender gewesen. Das Drehbuch ist immer gleich. Eyal beginnt mit einer Geschichte aus der Welt der underdogs und schließt daran mit kritischen Reflexionen an. Der optimistische Blick Eyals auf die Weltentwicklung der Welt im Zeitalter der Globalisierung ist mit Fragezeichen zu versehen. Es mag zwar sein, wie er auf S.34 darstellt, dass hin und wieder Erfolge bei der Armutsbekämpfung gelungen sind, aber das ändert nichts daran, dass der statistische übergreifende Befund doch der ist, dass die Kluft zwischen reichem Welt-Norden und armen Süden von Jahr zu Jahr immer größer ist. Auch Eyals Adressierung eines “Weltbürgertums” mit Selbstverpflichtung zu einem Wertekanon (S.53) ist erheblich zu hinterfragen. Reckwitz zeichnet in seiner “Die Gesellschaft der Singularitäten” ein ganz anderes, m.E. realistischeres Bild vom Befinden und Selbstbildnis der gegenwärtigen Generation. Überhaupt wird die Gesamt-Analyse Eyals, die besonders nach den Fallstudien einsetzt, umso fragwürdiger je näher Eyals sich der Gegenwart nähert. So haben seine Passagen ab S. 158 über den erstarkenden Nationalismus bedenkliche Defizite, die einen treffsicheren Blick auf das Thema Populismus, “Wutbürger” und das Erstarken rechtsidologischer Parteien verstellen. 

 

 

Wirklich ärgerlich, weil zum Teil weltfremd, zum Teil bedenklich, sind Eyals abschließend präsentierten Reformrezepte: Dass er z.B. auf einen Reformprozess der UNO setzt, die sich doch mit ihren dauernden Vetostreitereien im Sicherheitsrat aber auch beispielsweise mit ihrem kompletten Versagen im Syrienkrieg längst als ernst zu nehmende internationale Agentur disqualifiziert hat. Und wie Eyal dazu kommt, sich in der Ära eines so irrationalen bis gefährlichen Präsidenten wie Trump, einer völlig verfehlten Nahostpolitik der USA und ihrem frontrunner-Status beim internationalen Waffenhandel die USA als “ globale Leitzentrale” zu wünschen, ist - soll man sagen - kühn oder schon weltfremd. 

 

Schließlich muss dem Nachwort Eyals zur deutschen Ausgabe in mehreren Punkten energisch widersprochen werden, weil der Autor offenbar mehr von Wunschdenken gelenkt ist, statt die wirtschaftliche, politische und gesellschaftliche Realität von Deutschland 2020 angemessen wahrzunehmen: Deutschland habe “seinen Mittelschichten die nötige Sicherheit gegeben”? Das möge Eyal mal den deutschen Mittelschichten begründen. “Keine Schuldenberge angehäuft”? Schon vor der Corona-Krise wurden mit blindem verbissenen Euro-Rettungswahn (Draghi: whatever it takes..) die Haftungssummen mit denen jeder deutsche Bürger für den Erhalt der Euro-Währung aufkommen muss, ins Gigantische gesteigert. Und Eyals Hoffnung auf eine “neue Erfindung” der Europäischen Union ist nicht nur weltfremd sondern wird durch die immer stärker zu Tage tretenden Interessengegensätze zwischen den westeuropäischen und osteuropäischen EU-Mitgliedern, nicht zuletzt in der Flüchtlingsfrage aber auch in den Begriffen von Rechtsstaatlichkeit und Demokratie (prägnanteste Beispiele: Ungarn und Polen) regelrecht pulverisiert. 

 

 

Wenn Eyal so sehr auf die EU setzt, muss man ihn schon fragen, welche gemeinsamen EU-Interessen z.B. ein Fischer an der dänischen Küste, eine polnische Krankenschwester in Warschau, ein italienischer Banker in Mailand und eine Frau im Altersheim von Amsterdam aufweisen. Man dürfte ziemlich wenig finden, außer dass der Frieden erhalten bleibt, aber der war auch vierzig und mehr Jahre vor dem Euro-Wahn stabil.

 

Eyal hat sich mit seinen Reportagen bemüht, die Leserschaft mit einigen internationalen Brennpunkten vertraut zu machen. Das gelingt ihm auch in ansprechender Weise durch story telling. Wo sich Eyal jedoch auf das Gebiet der politischen Analyse der internationalen Politik und Globalisierung begibt, wird sein Buch argumentativ nicht überzeugend und im Nachwort sogar ärgerlich, zumindest sollte es auf starken Widerspruch stoßen.  

 

Ullstein Buchverlage: Buch Detailansicht

 

 

Nadav Eyal: Revolte. Der weltweite Aufstand gegen die Globalisierung. Ullstein Verlag 2020. 496 Seiten. 29.99 Euro

 

 

 

 

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