Bundestagsabgeordnete im Interview

Ronja Kemmer: "Menschen merken sehr schnell, wenn man sich verstellt"

01.03.2018 - Alia Hübsch-Chaudhry

Mit 25 Jahren wurde sie die jüngste Bundestagsabgeordnete ihrer Legislatur. Mittlerweile die Bundestagsabgeordnete der CDU seit fast drei Jahren im Amt. DAS MILIEU sprach mit der Politikerin Ronja Kemme über ihren Alltag als konservative junge Frau, Emotionen und Authentizität und die Vertrauenskrise der Politik.

DAS MILIEU: Vor etwa zehn Jahren traten Sie der CDU bei. Damals galt diese Partei als konservativ. Heute wird sie als Partei der politischen Mitte betrachtet. Haben Sie sich mit Ihrer Partei verändert?

Ronja Kemmer: Die CDU wurzelt in drei verschiedenen Flügeln: einem konservativen,  einem christlich-sozialen und einem liberalen. Das ist nach wie vor der Fall. Es stimmt, dass sich die Partei in der letzten Zeit zur Mitte geöffnet hat. Das ist aber auch nicht verkehrt, weil sich die Gesellschaft insgesamt entwickelt. Dennoch denke ich, dass das konservative Profil wieder geschärft werden sollte.

MILIEU: Wie zeitgemäß finden Sie die Einteilung in liberal und konservativ, links und rechts? Oder anders gefragt: was bedeutet für Sie konservativ?

Kemmer: Ich würde das an inhaltlichen Punkten festmachen. Zunächst einmal an dem Thema „Innere Sicherheit“. Viele verbinden mit der Union dieses Thema. In den letzten Monaten und in der letzten Wahl wurde uns aber diesbezüglich weniger Vertrauen entgegengebracht. Daher sehe ich dort den größten Handlungsbedarf. Das Einordnen in „liberal“, „konservativ“, „links“ und „rechts“ ist für viele Menschen wichtig, um Parteien zu kategorisieren. Gleichzeitig ist zu beobachten, dass sich die klassische Einordnung im Parteisystem insgesamt verändert. Das erschwert es, die Dinge in unsere heutige Zeit zu übersetzen. Was heißt denn konservativ? Das kann für eine ältere Person etwas ganz anderes bedeuten, als für jemanden, der jung ist.  

MILIEU: Umfragen zufolge besteht die Mehrheit der CDU-Wähler aus Männern über 60, die patriotisch und christlich sind. Interessant auch: sie sind besser verdienend, Kopfmenschen und offen für sozialdemokratische Positionen. Entspricht das auch Ihrem Bild von der CDU?

Kemmer: Meinem Bild entspricht dies nicht, weil die Wirklichkeit viel heterogener ist. Auch im Hinblick auf meine persönlichen Erfahrungen innerhalb von Parteigliederungen ist eine Einordnung der Union in solche Strukturen problematisch. Da muss ich nur in meinen Wahlkreis schauen. Ich denke nach wie vor, dass die CDU eine Volkspartei ist. Die Beschreibung des „klassischen Wählers“ ist schwieriger geworden als früher, weil die Wähler sich noch mehr an punktuellen Fragen orientieren und im Vergleich zu früher mehr Wechselwähler vorhanden sind. Die klassischen Stammwähler gibt es noch und die sind auch wichtig. Aber ich glaube, dass man sich generell weniger über diese Zielgruppen definieren sollte, sondern mehr über das Programm, das einen ausmacht. Deswegen unterstütze ich auch sehr, dass in der CDU eine breite Diskussion über ein neues Grundsatzprogramm angestoßen worden ist.

MILIEU: Wofür steht Ihrer Interpretation nach das C in der CDU?

Kemmer: Wir sind eine christlich-demokratische Partei, in der der Glaube eine große Rolle spielt und die Grundlage das christliche Menschenbild bildet, von dem sich viele Programminhalte und politische Handlungen ableiten lassen.

MILIEU: Was genau ist Ihrer Meinung nach das christliche Menschenbild?

Kemmer: Die Menschen sind unterschiedlich, doch vor Gott sind alle gleich. Auf das Thema Bildung bezogen, bedeutet dies, dass Menschen verschiedene Bildungsbiographien und unterschiedliche Bedürfnisse haben und daher auch unterschiedliche Ausbildungswege benötigen. Das wäre einer der Grundfeste. Ein anderes Beispiel ist die Subsidiarität. Jeder hat Verantwortung für das was er tut. Das bedeutet auch, dass alles was politisch vor Ort geregelt werden kann, dann auch vor Ort geregelt wird - und sich nicht die höheren politischen Ebenen damit befassen. Probleme, die sich in der Kommune gebildet haben, sollen auch da gelöst werden. Genauso verhält es sich mit Problemen im Landkreis und im Land. Erst dann sollte die nächst höhere Ebene involviert werden.  

MILIEU: Sie waren in der letzten Legislatur die jüngste Bundestagsabgeordnete Deutschlands. Welchen Teil Ihrer Jugend mussten Sie aufgeben, um dieses Ziel zu erreichen und hat es sich gelohnt?

Kemmer: Es war nicht mein ausgesprochenes Ziel, mit Mitte zwanzig Abgeordnete zu werden. Es war eine Verkettung von vielen Umständen, die dazu geführt haben, dass ich Abgeordnete geworden bin. Dennoch habe ich es keinen Tag bereut. Ich habe es als große Chance und als Ehre empfunden und tue das nach wie vor. Ich würde nicht sagen, dass irgendein Teil meiner Jugend darunter gelitten hat, weil ich am Ende meiner Ausbildung gestanden habe und damit an einem Punkt, an dem viele ins Berufsleben eintreten. Meine Jugendzeit habe ich so verbracht, wie die meisten anderen auch.

MILIEU: Kommt es oft vor, dass Sie auf ihr Alter, Geschlecht oder auf Äußerlichkeiten reduziert werden?

Kemmer: Das Alter war zu Beginn tatsächlich ein Thema. Gerade als Jüngste fiel ich auf. Man kann es negativ sehen und sagen, dass ich darauf reduziert wurde. Ich habe aber versucht, es immer positiv zu sehen, weil mein Alter auch Türen geöffnet und mich dazu befähigt hat, viele Gespräche zu führen und Themen zu platzieren, die mir wichtig sind. Von daher muss man abwägen.

MILIEU: Was war im Hinblick darauf konkret die negativste Erfahrung?

Kemmer: Ich war 25 Jahre alt, als ich in den Bundestag eingezogen bin und dazu eine junge Frau - auch wenn das nicht ausgesprochen wird. Man wird genauer beobachtet und muss immer eine Schippe mehr drauflegen, um sich zu beweisen. Dann gab es Aussagen von Politikern und Medien darüber, dass ich viel zu jung bin. Dieser Stempel wurde mir aufgedrückt, bevor ich angefangen hatte zu arbeiten. Das fand ich schon etwas ärgerlich. Aber generell habe ich bis jetzt nicht viele negativen Erfahrungen gemacht.

MILIEU: Wie viel Prozent Ihrer Zeit investieren Sie jeweils für bürokratische Prozesse, parteiinterne Auseinandersetzungen, konstruktive Arbeit und Privates?

Kemmer: Da fange ich mal bei dem letzten an: ziemlich wenig Zeit. Es ist schwierig das in Prozent anzugeben, aber man hat sehr wenig Freizeit. Wenn ich in den letzten drei Jahren insgesamt drei Wochen Urlaub hatte, wäre das viel. Man ist ständig bei Terminen unterwegs, auch am Wochenende und das gehört mit dazu. Da beklage ich mich auch nicht. Vieles bei uns im Bundestag ist bürokratisch geregelt, dazu gehören zahlreiche Formulare etc., aber es ist schwierig das zu beziffern.

MILIEU: Der Politikerberuf muss sehr belastend sein: der Stress, die Routine, Rollenstereotypen, die vielen Abwertungen und Kränkungen. Wie schaffen Sie es, die Realität auszuhalten?

Kemmer: Man braucht immer eine gute Erdung im Leben. Man muss wissen: wer steht hinter einem? Die Menschen, die hinter einem stehen, sind dann wie ein Anker im Leben. Familie und Freunde spielen eine große Rolle. Ohne sie hätte ich das nicht geschafft. Auch wenn es nicht einfach ist, muss man das, was man tut, gerne tun und aus Überzeugung. Dann ist es auch okay, wenn man mal einen schlechten Tag hat.

MILIEU: Wie oft müssen Sie sich verstellen oder anpassen, um gut bei den Wählern anzukommen?

Kemmer: Ich bin der Meinung, dass die Menschen sehr schnell merken, wenn man sich verstellt. Auch wenn es nicht einfach ist, muss man lernen auch mal „Nein“ zu sagen. Das wird am Ende stärker honoriert, als wenn man Sachen suggeriert oder Dinge in Aussicht stellt, die nicht realistisch sind.  Man muss einfach offen sein und es mögen, mit anderen Menschen zu sprechen. Und ich glaube, dass die Leute es bemerken, wenn man das nicht tut.

MILIEU: Laut einer Umfrage gaben im Herbst 2017 rund 61 Prozent der Befragten an, dass sie den politischen Parteien eher nicht vertrauen. Wie können Sie das verloren gegangene Vertrauen wieder zurückgewinnen?

Kemmer: Das ist die große Aufgabe, die vor uns liegt. Da gibt es auch kein Patentrezept. Wenn man nach der wirtschaftlichen Situation im Land fragt, beschreiben viele Menschen diese als gut, trotz aller persönlichen Probleme die man hat. Ich würde behaupten, unsere wirtschaftliche Situation ist so gut wie selten zuvor. Trotzdem ist eine Unsicherheit und ein Unbehagen vorhanden. Da ist es dann unsere Aufgabe Antworten zu geben, um das Vertrauen zurückzugewinnen und auch mal ehrlich zu sagen, wo man Fehler gemacht hat. Das wird stärker angerechnet, als zu behaupten, dass man immer alles richtig gemacht hat. Ansonsten gibt es wichtige Fragen zu Themenbereichen wie beispielsweise der Mindestrente, die wir auch im Koalitionsvertrag angehen wollen. Wir müssen konkrete Antworten liefern auf Fragen, die an uns herangetragen werden – dann steigt auch das Vertrauen.

MILIEU: Es heißt, der Horizont der meisten Politiker endet bei der nächsten Wahl. Es werden kurzfristige Geschenke an die eigene Klientel gemacht, ohne auf langfristige Auswirkungen zu achten. Alles Klischee?

Kemmer: Ich kann da nur für mich sprechen, weil das gerade für junge Abgeordnete, die vielleicht auch länger politische Verantwortung übernehmen ein sehr wichtiges Thema ist. Betrachten wir beispielsweise das Thema Rente. Es gibt in dem Bereich einen großen Handlungsbedarf, der nicht klein geredet werden sollte. Aber wir müssen schauen, dass wir nicht nur noch Rentenwahlkämpfe führen. Ich überspitze das zwar: aber wenn wir das jetzt schon tun, was machen wir dann in 20 Jahren? Von daher ist es wichtig, dass ein Ausgleich vorhanden ist, dass auch der Blick der jungen Generation auf weitere Themen wie zB. Schulden gelenkt wird. Mir geht es darum, dass langfristige Ergebnisse erzielt werden. Ich finde es nicht in Ordnung, dass gesagt wird, dass immer nur Wahlgeschenke verteilt werden. Schließlich werden ja auch täglich Erwartungshaltungen an jeden Abgeordneten herangetragen.  

MILIEU: In einem Video der „Jungen Unternehmer“ warben Sie im vergangenen Jahr für das Format „Germanys Next Bundeskanzler/in“. Ein Wettbewerb, der bei jungen Menschen Interesse an Politik wecken soll. Was muss passieren, damit Germanys Next Topmodel weniger spannend wird, als Germanys Next Bundeskanzler/In?

Kemmer: (lacht) Vielleicht sollte Heidi Klum Germanys Next Bundeskanzlerin werden.
Das war ein Format, der dem Zeitgeist entsprochen hat. Für Politiker ist es immer schwierig sich zu behaupten, wenn es viele Lifestyle-Themen gibt, die die Menschen bewegen - und die dann auch noch prominenter besetzt sind. Oft ist zu hören, dass sich viele junge Leute nicht für Politik interessieren. Das stimmt aber nicht. Viele interessieren sich vielseitig aber es gibt auch einige, die das nicht tun. Pauschal zu sagen, dass sich „die Jungen“ überhaupt nicht dafür interessieren, finde ich falsch. Das angesprochene Format war schon mal ein richtiger Ansatz, sich zu überlegen, wie man junge Leute heutzutage besser ansprechen kann.

MILIEU: Ich habe gesehen, dass die meisten dieser Videos nicht mehr als 1000 Klicks hatten...

Kemmer: Man muss solche Formate weiter versuchen und ausprobieren. Und man sollte sich immer überlegen, welche weiteren ansprechenden Formen es für junge Menschen gibt. Vieles ist heutzutage sehr kurzlebig. Wenn man eine Botschaft setzen will, dann braucht man Aufmerksamkeit. Wir leben in einer Zeit in der überall eine Informationsflut vorhanden ist. Da Gehör zu erlangen ist nicht so einfach. Man muss sich darauf einstellen, dass die Aufmerksamkeitsspanne geringer ist.

MILIEU: Ich habe den Eindruck, dass Politiker in den USA stärker unterhalten, Witze reißen, locker sind. Warum scheint es hier in Deutschland anders zu sein?

Kemmer:. Es stimmt, dass die Politiker in Deutschland eine sehr starke Seriosität ausstrahlen wollen. Ich denke, dass das aber auch eine Generationenfrage ist. Bei den jüngeren Abgeordneten ist das anders, die sind mehr auf den sozialen Netzwerken unterwegs und posten dann auch mal was Privates. Ich glaube, dass sich da einiges bewegt. Es ist aber schwierig unsere Politiker mit den Politikern der USA zu vergleichen, weil die politische Kultur dort völlig anders ist.

MILIEU: Welche gesellschaftliche Entwicklung in Bezug auf die Jugend bereitet Ihnen derzeit die größten Sorgen?


Kemmer:  Mich besorgt schon, dass sich leider nicht so viele Jugendliche für Politik interessieren, wie es sein könnte. Das ist kein Vorwurf, weil es viele Gründe gibt, weshalb das so ist. Wir Politiker und die Parteien sind da auch gefordert, dass wir das Interesse wecken, aber das ist leider gar nicht so einfach. Ich bin oft in meinem Wahlkreis Ulm mit Jugendlichen unterwegs, weil mir diese Entwicklung Sorgen macht. Schauen wir uns das Beispiel des Brexits an:  der Brexit war laut allen Umfragen bei der jungen Generation unpopulär. Aber viele Jüngere sind nicht wählen gegangen, haben deswegen auch nicht für den Verbleib in der EU gestimmt – und dann hat sich eine knappe Mehrheit für den Brexit ergeben. Die Jüngeren haben also die Möglichkeiten der Demokratie nicht genutzt. Hinterher hat man gesagt, dass die Älteren die Chancen der Jüngeren verbaut haben, dabei haben die Älteren nur ihr Wahlrecht genutzt. Um sowas zu verhindern muss man als junge Generation die Dinge selber in die Hand nehmen.

MILIEU: Wenn Sie jetzt eine Woche frei bekommen würden, wie würden Sie Ihre Freizeit gestalten?

Kemmer: Ich würde mit meinem Mann in die Berge fahren.

MILIEU: Vielen Dank, Frau Kemmer

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