Rezension

Rudi Dutschke - Die Biographie

15.08.2018 - Dr. Burkhard Luber

Seine asketische Enthaltsamkeit von Alkohol und Tabak, seine fortdauernde Gleichgültigkeit jedem guten Essen gegenüber, das ihn nur als kalorischen Nachschub interessierte, sein völliges Desinteresse an jeder erdenklichen Art privaten Konsums brachten ihn gar nicht erst in Verlegenheit. Genuss war nicht seine Sache. (Seite 279)

 

Passend fünfzig Jahre nach dem Attentat auf Rudi Dutschke erscheint diese Biographie eines der prominenten Vertreters der “68er”-Bewegung. Ulrich Chaussy geht eindrucksvoll detailliert dem Leben Dutschkes nach, versammelt sehr viele Zitate, Ereignisse und Personen rund um dessen Leben. So entsteht ein lebendiges Porträt, in dem schon früh die energische Widerständigkeit Dutschkes deutlich wird, als er zum Beispiel den Militärdienst in der DDR verweigert. Später wird uns ein Mensch geschildert, der fast wie besessen liest, das Gelesene intellektuell äußerst scharfsinnig verarbeitet und danach Lesen und Handeln stringent verbindet. Einer, dem der Sport eine Passion war. Und jemand der das gegen ihn verübte Attentat sogleich politisch verarbeitete und sogar mit dem Menschen, der ihn töten wollte, einen Briefwechsel begann, mit der Absicht diesen selber zu politisieren. 

Chaussys Buch ist eine Art politisches und philosophische Panoptikum jenes Jahrzehnts, die auftretenden Figuren zeigen es: Herbert Marcuse, Georg Lukacs, Jürgen Habermas, Che Guevara und andere. Dennoch geht das Buch in keiner wesentlichen Weise über einen detaillierten Lebenslauf hinaus, es ist keine wirkliche “Biographie” im klassischen Sinne dieses Genres. Zu sehr überwiegt hier das Aneinanderreihen von events, das - durchaus unterhaltsame, bisweilen auch spannende story telling. Für die Auseinandersetzung mit dem Denken und Handeln Dutschkes, dem der Rezensent selber persönlich an der Universität Frankfurt begegnet ist, fehlt dem Buch die notwendige, tiefer gehende Reflexion und Interpretation der geschilderten Ereignisse. Erst in einem Schluß-Epilog von allerdings nur knappen 15 Seiten wird Chaussy etwas analytischer, aber das ist für eine Würdigung des Lebens von Dutschke zu wenig. Zwar wird zum Beispiel die berühmte Interviewsendung von Günter Gaus “Zu Protokoll” mit Rudi Dutschke auf einigen Seiten dargestellt, aber warum Chaussy die sicher ebenso bedeutende Debatte Ralf Dahrendorfs mit Rudi Dutschke unterschlägt, bleibt unverständlich. Andererseits vermag man nicht nach zu vollziehen, warum in Chaussys Buch dem Attentäter Josef Bachmann als Person so viel Bedeutung eingeräumt wird, wo er doch - so hat es Dutschke ja selber deutlich und richtig erkannt - nur eine, nicht einmal sehr repräsentative Figur in der allgemeinen Anti-Links-Hetze in der Presse und bei den Parteien dieser Epoche gewesen ist. Und die fast miniutiöse Beschäftigung Chaussys mit dem Prozess gegen Bachmann und den damit einhergehenden Ermittlungen und der Prozessführung trägt zu einer Biographie Dutschke nichts bei; sie bleibt im Sensationellen stecken. So ist hier ein Buch entstanden, das viele, für manche LeserInnen vielleicht auch manch neue Details, präsentiert, aber wenig zum gesellschaftlichen Kontext von Dutschkes Leben und Wirken. 

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