Rezension

Ruin und Erneuerung. Die Wiedergeburt der Europäischen Zivilisation

01.06.2022 - Dr. Burkhard Luber

“Auferstanden aus Ruinen und dem Fortschritt zugewandt”

(Erste Zeile der Nationalhymne der ehemaligen DDR)

Paul Betts, Professor an der Oxford-Universität behandelt die weltgeschichtliche Zäsur von 1945 nicht aus der Sicht der Supermächte, sondern konzentriert sich darauf, wie der Begriff der Zivilisation Leitbegriff für politische Eliten aber auch für einfache Bürger werden konnte, mit dessen Hilfe sie sich im Denken und Handeln neu orientieren konnten. In diesem Zusammenhang beschreibt Betts verschiedene Facetten des Zivilisationsbegriffes: Zum Beispiel als Bezugsrahmen für eine neue Selbstvergewisserung nach der Zeit des Ruins für verschiedene politische und gesellschaftliche Gruppierungen, aber auch als offensiver Kampfbegriff von so unterschiedlich orientierten Akteuren wie die katholische Kirche und der Sowjetunion. Ein besonderes Verdienst bei Betts Betrachtung ist dabei sein Vermeiden einer eurozentrierten Perspektive. Gerade in seinem Kapitel über Afrika werden die verschiedenen Versuche afrikanischer Denker, sich in den zivilisatorischen Diskurs mit eigenen afrikanischen Vorstellung einzuschalten, sehr gut gewürdigt.

Als der zweite Weltkrieg 1945 zu Ende ging, wurde das Aufatmen über das Kriegsende weit überschattet durch den gleichzeitigen Schock der Gegenwartsverhältnisse, die Schutt und Asche in den Städten und die Zerstörung der Infrastruktur und vielleicht noch mehr das große Schicksal der Flüchtlinge mit ihrem Leid und ihrer Perspektivlosigkeit. Im Vordergrund stand also die Hilfe – staatliche wie international (z. B. mit UNRA) – und international war das Engagement von Pazifisten, Kriegsdienstverweigerern, religiösen AktivistInnen und SozialarbeiterInnen besonders eindrucksvoll; immerhin kamen die meisten von ihnen aus den “Siegerstaaten” Großbritannien und den USA.

Auch wenn es Kontroversen gab, inwieweit dieses Engagement auch Deutschland zugute kommen sollte, waren solche Aktivitäten doch erste kleine Beiträge zur internationalen Versöhnung und zum Beginn eines Friedensprozesses in der Nachkriegszeit. Aber Betts hütet sich in guter Weise, hier ein zu idyllisches Bild zu zeichnen. Neben seiner Schilderung internationalen Engagements (wie z. B. den Quaker-Speisungen) folgt ein eindrückliches Kapitel über den Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Militärgerichtshof in Nürnberg, gefolgt von einem weiteren Kapitel über das besonders in der amerikanischen und britischen Besatzungszone nachdrücklich betriebenen “Re-Education” Programms.

Mit jedem der auf 1945 folgenden Jahre wurde der Übergang der Anti-Hitler-Koalition, manifestiert in den Konferenzen von Jalta und Potsdam, um die Zeit des nach 1949 alles überschattenden Ost-Westkonflikts deutlicher, wobei sich gerade die sowjetische Ideologie unter Stalins Herrschaft und die, besonders von der katholischen Kirche propagierten Formel einer “christlichen Zivilisation” (mit Rückgriff auf das “Abendland”) als Exponenten gegenüberstanden.

In späteren Kapiteln markiert Betts zunächst die weitere Relevanz des Zivilisationbegriffes in der “Ban the Bomb” Bewegung, eine Kombination eines Lernens aus dem Schrecken von Hiroshima und Nagasaki mit dem Engagements für die Verhinderung eines zukünftigen erneuten Einsatz von Atomwaffen. Des Weiteren stellt er den schrittweise Weg in die Konsumgesellschaft dar, abzulesen an der steigenden Zahl von Kühlschränken, Waschmaschinen und Fernsehgeräten. Zivilisation war nun, so könnte man sagen, das eigene Heim und die gepflegte Häuslichkeit; übrigens beiderseits in westlichen und kommunistischen Gesellschaften.

Ab dem fünften Kapitel ist wird Betts Tour d'Horizon für den Zivilisationsbegriff noch globaler. Spätestens mit dem griechischen Bürgerkrieg, gefolgt von der Gründung der NATO war von einem, gemeinsamen Interessen der Vierer-Koalition gegen Hitler kaum etwas übrig geblieben (wenn es sie überhaupt je gab). Es folgte die Ära der Hegemonien, hier vor allem die der großen Kolonialstaaten wie Großbritannien und Frankreich, dann aber auch Belgien und Portugal. Sich auf Zivilisation als ideologischen Kampfbegriff zu beziehen war ambivalent, denn bald wurden die Widersprüche zwischen der Ideologie und der Praxis der westlichen Kolonialherrschaft offensichtlich. Dieser Widerspruch fand dann auch Eingang in die internationale diplomatische Rhetorik, u. a. auf UNO-Ebene. Mit der Entkolonialisierung Afrikas stellte sich für diesen Kontinent in besonderer Weise die Frage, ob sich in diesem Emanzipationsprozess eine eigenständige afrikanische Zivilisation auf Dauer entwickeln könnte. Hier versuchte der erste Präsident Ghanas, Kwame Nkrumah, der sein Land 1957 in die Unabhängigkeit führte, besondere Akzente im Kulturleben und der Architektur Ghanas. Davon verschieden war der postkoloniale Weg des Senegal mit seinem ersten Präsidenten Leopold Senghor, dessen – durchaus umstrittene – Vision für sein Land von seiner Kategorie der “Negritude” geprägt war, ein Versuch trotz afrikanischer Identitätsfindung eine Verbindung mit dem kolonialen (im Falle Senegal: französischen) Erbe beizubehalten. Für Nkrumah wie Senghor waren bei ihrer Suche nach nationaler Identität das Betonen der Kultur-Dimension von hoher Wichtigkeit. Hier lässt sich auch eine Verschiebung beim Buchthema von Bett erkennen: Diente der Begriff der Zivilisation nach 1945 besonders dazu, Europa nach der Epoche nach dem Faschismus wieder moralisch aufzurichten, wurde nun der Begriff im Rahmen des Antikolonialismus von dessen Repräsentanten genutzt. Später kam mit dem Aufstieg der UNESCO als ehrgeiziger global orientierter Organisation ein neuer Akteur in die Zivilisationsdebatte, dem Betts logischerweise ein ganzes eigenes Kapitel widmet. Während man mit UNESCO in der Öffentlichkeit eher das Erhalten von wichtigen internationalen Kulturstätten assoziiert, war das Gesamt-Programm der UNESCO war weitaus ehrgeiziger, sie wollte eine Art von mondialem Think Tank, ein kulturelles Super-Regime werden, was angesichts der vielen internationalen Bruchstellen schief laufen musste, wenn auch die UNESCO gerade bei den neuen unabhängigen Staaten wegen ihres Engagements gegen Rassismus, Apartheid und Imperialismus reüssieren konnte. So ist es nicht verwunderlich, dass es zu umfangreichen Interaktionen zwischen (europäischen) sozialistischen Staaten und Ländern Afrikas kam, wobei der Kampf gegen das weiße Apartheid-Regime in Südafrika eine Schlüsselrolle einnahm.

Danach wurde auf dem europäischen Kontinent der Begriff der Zivilisation von der Kategorie “Europa” als Anker für politisches Handeln und Neuordnung der politischen Geographie Europa abgelöst. So traten 1981 Griechenland, Spanien und Portugal der Europäischen Union. Aber eine viel nachdrücklichere europäische politische Plattform war 1975 das Helsinki-Abkommen als Schlussstein der “Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit”, das die Endgültigkeit der Ost-West-Grenzziehungen in Europa festschrieb aber auch die Möglichkeiten für mehr Kontakte und Zusammenarbeit zwischen west- und osteuropäischen Bevölkerungen schuf und mit dem Focus auf Menschenrechte und Demokratie den Reformgruppen in Osteuropa besonderen Auftrieb gab. Der in den 60er Jahren im Vordergrund stehende Begriff der wissenschaftlich-technischen-Zivilisation (vgl. das oben über die UNESCO Gesagte) verschwand aus dem europäischen Diskurs. Allerdings blieb auch der Versuch eine islamische Zivilisation zu aktivieren bzw. der Versuch den Begriff einer christlichen Zivilisation zu re-aktivieren erfolglos.

Dem Schlusskapitel seines Buches gibt Paul Betts die Überschrift “Neue eiserne Vorhänge”. Damit spannt er einen Bogen in der Zivilisationsdebatte von dem Versuch von Politikern und Denkern 1945 die Zivilisation nach dem Ende der Nazi-Barbarei wieder herzustellen zum “Flüchtlingsjahr” 2015, vor dessen Hintergrund rechte populistische Strömungen in Europa erfolgreichen Wahlkampf und Propaganda mit der angeblichen Gefahr der Überfremdung und Identitätsverlust Europas machen. Sehr prägnant macht dies Betts an der Abschottung verschiedener Staaten gegen die von ihnen als Bedrohung empfundenen Flüchtlinge deutlich: in Ost- und Südosteuropa wurden in den letzten Jahren mehr als 1200 Kilometer lange Zäune und neue Grenzen errichtet.

So schließt sich der Kreis von Betts' Buch: Begann der Begriff der Zivilisation nach dem Zweiten Weltkrieg als emanzipatorische Freiheitskategorie, die aus der Barbarei des Faschismus hinausführen sollte, ist Zivilisation in der Gegenwart zum ideologischen Kampfbegriff gegen angebliche Überfremdung durch andere Kulturen geworden. Zivilisation ist nicht mehr der Versuch, internationale Solidarität herzustellen sondern wird mit religiöser Identität, kultureller Verteidigung und auch – in Folge der Anschläge am 11. September 2001 – mit militärischer Intervention verknüpft und das weltweit, wie zum Beispiel defensive Reaktionen gegen die Globalisierung (Stichworte: Sinozentrismus, Afrozentrik, religiöser Fundamentalismus und wiederbelebter Eurozentrismus).

Besonders im Schlusskapitel wird deutlich, wie weit Betts bei seiner Zivilisationsanalyse ausgeholt hat. Er hat die mäanderhafte Geschichte dieses Begriffs, seine verschiedenen Politisierungen, der Zugriff auf ihn von ganz unterschiedlichen Ideologien und Kulturen mit großem Detailwissen und analytisch scharfem Blick hervorragend dargestellt. Auch wer sich nicht im engeren Sinne für “Zivilisation” interessiert, kann das Buch als eine instruktive Abhandlung der europäischen Geschichte mit großem Gewinn lesen.

Betts, Prof. Dr. Paul - Ruin und Erneuerung: Die Wiedergeburt der europäischen Zivilisation 1945 Eine vielstimmiges Panorama Europas in der

Paul Betts: Ruin und Erneuerung. Die Wiedergeburt der Europäischen Zivilisation 1945. Propyläen Verlag. 2020. 624 Seiten. 39 Euro

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