Kurzgeschichte

S

01.05.2014 - Jennifer Linda Kreis

Der Plastikhörer drückte kalt gegen ihre Ohrmuschel. Das Rauschen in der Leitung kam in Wellen, es war ein Zeichen für die Unüberwindbarkeit der Entfernung, die zwischen ihnen lag. Sie, ein paar Blocks von zuhause entfernt, an der Straßenecke, in einer Telefonzelle, gelb und unübersehbar, von innen jedoch beschlagen, eine kleine Welt für sich – die Passanten draußen konnten ihre Silhouette erahnen, unbemerkt die Röte ihrer Wangen und das leichte Zucken der Mundwinkel. Er irgendwo, auf einer Straße in einer Stadt nach dessen Name sie nicht fragte; vermutlich im schwarzen Winterparka, sein Telefon zwischen Schal und Gesicht geklemmt, auf kaltnassen Straßen, vorbei an Cafés und den leuchtenden Buchstaben von Apotheken und Supermärkten.

Draußen fuhr ein Lastwagen an der Telefonzelle entlang. Dann Stille. Nur das Rauschen. Sie musste ans Meer denken, wie sie vor Zeiten auf dieser Düne gesessen hatte, den Wind im Gesicht. Es war kühl gewesen, ungewöhnlich kühl für einen Sommertag im August, und Jens hatte am Strand Steine gesammelt. Er sammelte immer nur die dunklen und verwahrte sie in Gläsern, die auf der Kommode im Schlafzimmer standen, alle mit dem Datum des Urlaubs und dem jeweiligen Ort versehen. Und dort standen sie nebeneinander, gegenüber des Bettes.

Er hatte ihr vom Strand aus zugewunken, mit ausladenden Bewegungen der Arme über dem Kopf, die Hände zu Fäusten geballt, innen drin die neu errungenen Schätze. Sie sah ihn zuhause am Küchentisch sitzen, und auf den weißen Stickern mit blauem Kugelschreiber „Sylt. Zweitausendvier,  August, 13.-21.“ schreiben, mit akribischer Genauigkeit, daneben die Gläser und die Steine, die über dem Tisch zerstreut lagen. Sie sah nicht zu ihm herüber, drehte den Kopf im salzigen Wind und schloss die Augen.

Stille. Dann: „Wie kalt ist es bei euch?“. Seine Stimme drang durch das Rauschen und kam so plötzlich, dass sie beinahe erschrak. Sie schloss die Augen, wie auf der Düne, doch diesmal nicht um jemandem auszuweichen, sie wollte jedes Wort, jeden Buchstaben, die Schwingungen und Vibrationen seiner Stimme einsaugen, durch den kalten Plastikhörer in ihr Inneres einströmen lassen, tief, tief in sich hinein. „Ich weiß nicht.“ Ihre Stimme klang seltsam fremd, sie war etwas zu hoch, höher als sonst; seine Präsenz, die irgendwo am Ende dieser unendlichen Leitung stand, machte sie nervös. Sie fühlte sich beinahe wie ein Mädchen, ein Mädchen, das zum ersten Mal etwas Verbotenes tut, etwas außerhalb des Wissens und der Wirkungskraft seines Elternhauses. „Es ist irgendwas unter null Grad, der Schnee bleibt liegen.“ sagte sie leise. Sie strich mit dem Stoff ihrer Handschuhe über das beschlagene, schmutzige Fenster der Telefonzelle, malte langsam, bedächtig den ersten Buchstaben seines Namens, wischte ihn schnell wieder weg und sah sich um. Keine Beweise, kein Zeugnis, kein Buchstabe in einer Telefonzelle, in der ihr Geruch hing, süßlicher Schweiß gemischt mit ihrem Parfüm. Ein Bekenntnis von Schuld.
„Du fehlst mir“. Die Worte waren nun nicht mehr bloß in der Kälte des Hörers gefangen, sie waren warm, warm und lebendig, sie trieben durch ihren Kopf, weiter nach unten, Richtung Herz, Bauch und sie atmete so leise wie möglich aus. „Wann sehen wir uns? Ich möchte dich berühren. Da wo du es so gern hast. Du weißt an welcher Stelle, nicht wahr.“. Es war keine wirkliche Frage, mehr eine Feststellung. Sie wusste es. Spürte unter den vielen Schichten von groben Stoff den Punkt, den er meinte und alle anderen Punkte, die mit ihm in Verbindung standen, wenn er diesen Einen betastete, vorsichtig, zurückhaltend, dann bestimmt.
Das Piepsen der Leitung holte sie zurück. „Verdammt! Ich.. Die Münzen sind aus,.. Ich muss heim.“. Nächste Woche Minus 18 Grad, im ganzen Bundesgebiet. Sie sah den Metallkasten mit der Regionalzeitung, der schräg gegenüber der Telefonzelle stand. Sie sah ihn durch die verwischten Kondensstreifen, da wo zunächst der Buchstabe, sein Buchstabe stand, der Einzige im Alphabet, der etwas zu bedeuten schien.

„Ich muss.“ Sagte sie noch einmal, das Rauschen wurde eindringlicher, am anderen Ende glaubte sie eine Straßenbahn zu hören.
„Ich weiß.“ sagte er mit melodischer Stimme. Ihre Kehle zog sich zusammen, ein bitterer Geschmack auf der Zunge.
„Rufst du an?“. Sie verzichtete auf eine Antwort, das enge Gefühl in der Kehle stieg hoch in ihre Augen. Das Telefon beendete das Gespräch. Ein lautes, monotones Tuten folgte, sie hängte auf. Der Hörer war pink, ein viel zu grelles pink, es irritierte sie und sie dachte an die Straßenbahn, ob es sie wirklich gab, ob er sie nehmen und zu welchem Ziel sie ihn bringen würde. Wo bist du. Wo.

Als sie sich umdrehte, die Tür der Zelle öffnete, stand sie kurz still und brauchte eine Weile. Realität eines Winternachmittages, Menschen mit hochgezogenen Kragen, manche einen frierenden Hund an der Leine, eilig und hastend, das Licht ein tiefes Blau, schleierhaft und geheimnisvoll. Von irgendwoher drangen Töne eines vorweihnachtlichen Blasorchesters. Sie lief nach Hause.

Sie drehte den Schlüssel in der Tür um, Jens stand in der Küche. Sie konnte das Geklapper von Schüsseln hören, es war warm und es roch nach Rosmarin und Thymian. Sie schüttelte die nassen Stiefel ab, schlang den roten Schal vom Hals. Sie rief „Hallo“ und der Gruß hallte durch den langen Flur mit den Holzdielen und den Bildern von ihrer Mutter mit Pferden, Blumen und Regenschirmen und blieb unbeantwortet.

Als sie in die Küche kam, stand er mit dem Rücken zu ihr. Sie lehnte kurz am Türrahmen, überlegte ob sie vielleicht zurückgehen sollte, wieder raus in die Kälte des winterlichen Spätnachmittags, vielleicht zurück in die warme Seifenblase der Telefonzelle. Die Realität dort war keine echte, sie wusste es, sie war glasig und fein, schirmte sie vermeintlich ab von der Sicht der umgebenen Welt, war jedoch transparent und  zerbrechlich, so gläsern fein und zart. Alle konnten sie sehen, sie war auf dem Präsentiertablett, zwischen sich und der Menge, draußen nur die schmutzige Scheibe. Das Kondenswasser darauf schützte ein wenig, es machte alle anderen jedoch nicht blind für das, was innen drin geschah, machte sie nicht blind für das S auf der Scheibe und das S, das leuchtend rot auf ihrer Stirn stand: Schuld. Die Schuldige. Die Sündhafte. Für einen Moment spürte sie den Hörer an ihrer Wange. Warum konnte Plastik eine solche Kälte annehmen. Warum konnten Telefone und eine rauschende Leitung, eine Stimme dahinter sie nervös machen. Schweiß auf der Stirn.
Sie ging nicht. Sie wartete im Türrahmen, auf Socken, sah ihn von hinten an, er spürte ihre Blicke im Nacken und sagte doch keinen Ton. Er trug das dunkelgrüne T-Shirt, das er in einem Second-Hand-Shop in Zürich gekauft hatte, auf einer Durchreise. Es war heiß gewesen an dem Tag, sie war ganz träge geworden in dem Laden und als er stolz da stand, in dem dunkelgrünen Shirt, das bedruckt war mit einem Affen, der Kopfhörer auf seinen fleischigen Ohren trug, hatte sie nur mit den Augen gerollt und war hinausgegangen und hatte vor dem Laden auf ihn gewartet. Er hatte eine Schwäche für solche Dinge, er mochte bedruckte T-Shirts mit infantilen Motiven darauf, manchmal Boxershorts mit Pikherzen, oder Socken mit dem Emblem eines Superhelden auf dem Bund. Sie hatte es nie verstanden.
Er drehte sich nicht um.

„Ich bin wieder da.“. Sie sprach mit ihrer Stimme, sie hatte sie zurück, sie klang klar und fest, sie klang so, wie sie immer mit ihm sprach.
Sie meinte unter dem grünen Stoff des Affenshirts eine Anspannung seiner Rückenmuskulatur zu erkennen, aber er hantierte weiter mit den Küchengeräten, ignorant, in sich gekehrt. Sie durchquerte die Küche mit langsamen Schritten, leise, und stand neben ihm und schaute ihn von der Seite an. Seine Augen blieben auf der Arbeitsfläche haften, er werkelte mit einer Ernsthaftigkeit als gäbe es in diesem Moment nichts Wichtigeres als ein Hähnchen zu zerkleinern. Sie sah auf seine Hände, die geschickt mit dem Fleisch umgingen. Irgendwo war etwas Blut.
„Hast du gehört?“ hob sie vorsichtig an und traute sich nicht wieder zu ihm hochzuschauen.
„Ja.“ sagte er. „Es gibt später Essen.“ Sie nickte.

Der Affe sah sie unentwegt an, seine Hand lag nachdenklich unter seinem faltigen, behaarten Kinn, seine Augen skeptisch auf sie gerichtet. Sie sah schnell weg.
Gerade als sie sich von der Anrichte abstieß, auf dem Weg ins Schlafzimmer um sich umzuziehen, sagte er: „Du bist spät.“
Ihre Kehle zog sich zu. Doch dieses Mal auf eine andere Weise. Es schmerzte.
Sie räusperte sich: „Ja, du weißt doch, es ist gerade viel zu tun, gerade in der Vorweihnachtszeit, es ist doch immer das Gleiche.“ Sie redete sich heraus, sie wurde rot, sie spürte den Buchstaben auf ihrer Stirn leuchten, fühlte die Schmutzreste, die der pinke Hörer an ihrem Ohr und ihrer Wange hinterlassen hatte, fühlte die Leichtigkeit ihres Portemonnaies, in dem immer Kleingeld fehlte.
„Ich kann dir das nächste Mal Bescheid geben und anrufen von der Arbeit aus, ja, das kann ich tun. Aber sieh‘ nur, das Hähnchen ist ja noch nicht einmal im Ofen, also passt es doch, nicht wahr, es passt.“

Sie warf einen Blick zurück auf ihn, auf seine dunkelgrüne Schulter, den Arm hinunter und sah, dass die Geflügelschere in seiner Hand zitterte.
Einen Moment lang Stille. „Ich rufe dich, wenn alles fertig ist.“
Sie schluckte. Es war schwer, durch die Zugezogenheit Geschlossenheit ihrer Kehle zu schlucken.

Im Schlafzimmer schließlich setze sie sich auf die Kante des Bettes. Draußen war es nun dunkel. Die Telefonzelle würde einsam durch die Nacht leuchten.
Schemenhaft ihr gegenüber die Kommode, aus weißem Holz. Es duftete nach Gewürzen, nach einer Wohnung irgendwann im Winter, nach Heizung, ausgeblasenen Kerzen. Sie schloss die Augen. Die Steine in den Einmachgläsern sahen ihr dabei zu.

 

 

 

 

 

Foto: © Tekke

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