Buchauszug

Sandseele

01.02.2022 - Wolf Gregis

Der Roman Sandseele ist das Debüt von Wolf Gregis. Als einziger deutscher Afghanistanroman beruht er auf wahren Begebenheiten und authentischen Erfahrungen, die der Autor als Soldat im Auslandseinsatz am Hindukusch sammelte. Im Folgenden ein Buchauszug:

Schweigend stand ich mit dem jungen Afghanen auf dem Flur. Ein langer leerer Gang, geschlossene Türen. Kargheit. Steiner hatte mich zurückgelassen. Ich war ihm egal, ISAF war ihm egal.
Meine Wangen glühten, als hätte ich Ohrfeigen rechts und links erhalten. Was sollte das hier? Was brachte das? Wenn niemand zusammenarbeiten wollte.
Von dem Mann neben mir fiel alle Anspannung ab. Er atmete aus und richtete sich auf, als ich in mich zusammenfiel. Er schien erleichtert zu sein, Khans Nähe verlassen zu haben. Wie ich. Er lächelte, und ich sah zum ersten Mal seine braunen Augen strahlen. Auch sie waren aus der Deckung gekommen.
Es war still.
»Mein Onkel ist oft streng«, sprach er mich auf Deutsch an.
»Was? Sie sprechen deutsch?«
»Mein Deutsch ist nicht so gut«, er lachte, »mein Englisch ist besser. Deutsch ist schwer, aber Deutsch ist schön. Ich habe Deutsch gelernt an der deutschen Schule Kabul. Ich mag Deutschland. Von welcher Stadt kommst du?«
»Die kennen Sie bestimmt nicht.«
»Berlin? Von Berlin?«
»Ja, von Berlin. So ungefähr. Ganz ungefähr.«
Er kramte in seiner Hosentasche und zog einen kleinen Schlüsselanhänger heraus. »Schau.«
In seiner Handfläche lag ein Schlüsselanhänger. Er war angestoßen und fleckig. Sein Goldschein stumpf, angekratzt und trotzdem hielt er mir den Anhänger wie einen Schatz unter die Nase.
Er hatte die Form zweier Flaggen, die übereinanderlagen, wenn auch in unterschiedliche Richtungen zu wehen schienen, eine deutsche und eine afghanische. »Deutschland und Afghanistan. Gemeinsam.« Er legte seine rechte Hand auf die Brust und deutete eine Verbeugung an. »Ich bin Abdul Rahman, Mohammed Sahib ist mein Onkel.« Er strahlte.
Sein Lächeln sagte, alles nicht so schlimm. Schön, dass du da bist.
Es wäre das erste Mal, dass das jemand hier zu mir sagte.
Und dann von einem Afghanen. Ich legte meine rechte Hand auf die Brust und deutete eine Verbeugung an. Zum ersten Mal. Es fühlte sich an wie Schauspielerei.
»Salaam alaikom.« Ein Tor öffnete sich.
Keine dreckige Panzerglasscheibe lag zwischen seinen Augen und meinen, keine Powerpoint-Statistik, keine Excel-Tabelle. Ich blickte in Augen. Ich konnte Afghanistan durch meine Hand und meine Stimme erfahren.
Salaam alaikom. Meine ersten Worte auf Dari. Ich hatte sie schon lange vorher im Kopf gedreht, immer wieder, mir ausgemalt, wie es sein würde, sie auszusprechen, es aber nie getan. Bis jetzt. Sie waren wie ein Schlüssel, ein Zauberwort, das man laut aussprechen muss, damit es seine Wirkung entfaltete. Erst wenn sie in Tönen Gestalt wurden, brachte das Lied, das darin schlief, die Welt zum Klingen.
Salaam alaikom – Friede sei mit dir, Abdul. Was für eine Begrüßung. Wie reich war eine Sprache mit einer solchen Begrüßung. Wie reich ein Volk. Der Schlüssel war ins Tor gestoßen. Afghanistan öffnete sich und vor dem geheimen Wort log mein ganzes verkehrtes Leben fort. Ich hielt meine Hand auf der Brust und schaute in Abduls Augen. Diese strahlenden braunen Augen. Alles an ihm lachte.
An mir nichts. Was stimmte nicht mit mir?
Abdul bedeutete mir mitzukommen und ich ließ mich darauf ein. Er führte mich durch das Stabsgebäude. Die Gänge waren lang und leer, alle Türen geschlossen. Abdul hielt vor dieser oder jener Tür, nannte mir stolz Namen von Oizieren und wer mit wem hier, in Kunduz oder Kabul, in Herat oder Peschawar verwandt war. Ich verstand die Namen nicht, ich folgte nur ihrem Klang.
Ich war Einzelkind, Kind von Einzelkindern. Mich hatte so etwas nie berührt, ich hatte immer nur aus mir schöpfen können, nie aus Familienbande. Hier sprach ein anderer Reichtum.
Ich verstand Abdul nur schlecht, er sprach nach vorn oder halb zur Seite, ich folgte ihm orientierungslos und schwieg. Immer häufiger warf er mir einen Blick über die Schulter zu, lächelte, forderte mich auf zu reagieren, aber ich war ein Klotz. Der Stock. Was sollte ich sagen? Ich lächelte und schwieg.
Im zweiten Stock verstummte auch Abdul, endlose Meter gingen wir schweigend. Eine peinliche Stille. Wortlose Sekunden. Er würde denken, mich interessierte das nicht. Ich wäre gelangweilt. Ablehnend. Wie die anderen von »drüben«.
Irgendetwas musste gesagt werden, egal was, irgendetwas sagen. Mein Blick fiel auf das einzige Porträt an den Gangwänden. Massoud.
»Wer ist das?«
Abdul blieb stehen. »Der Löwe von Pandschir?« Sein Gesicht verhärtete sich, Wolken zogen auf. »Achmad Schah Massoud«, setzte Abdul nach, »der Löwe von Pandschir.«
Ich kannte Massoud: Tadschike, Freiheitskämpfer gegen die Kommunisten, brillanter Stratege, Verwaltungsgenie, Talibanjäger, Hazaraschlächter, Nationalheld. Außer bei Nicht-Tadschiken.
»Er ging ins Pandschir«, Abdul hatte sich gefangen, »mit zwanzig Männern befreite er das Tal von den Roussi und kämpte gegen viele – ein Krieger für Afghanistan. Auch gegen Taliban. Jeder kennt Massoud.«
»Ach, Massoud, ja, natürlich, Massoud, ich kenne Massoud.« Wie peinlich. »Ich habe ihn nicht gleich erkannt. Er wurde von al-Qaida getötet.«
»Gemordet! Ein Held mit Herz und Verstand und Kraft und Mut. Er gab den Menschen Hoffnung. Niemand gab dem afghanischen Volk so viel Hofnung. Massoud wurde gemordet!«
Abduls Worte hallten durch den Gang. Er erschrak, sah sich flüchtig um, horchte und bedeutete mir, ihm auf dem Fuße zu folgen. Wir flohen ins Treppenhaus und er lauschte in den Gang. Türen wurden geschlagen. Eine Stimme bellte den Flur herunter.
»Nicht jeder mag Massoud. Er war Tadschike, er tötete viele Paschtunen. Nicht jeder mag Massoud.«
Aber ich mochte Abdul.


Wolf Gregis, Sandseele. Roman. Rostock: Isegrimm Literatur, erschienen: Oktober 2021, 382 Seiten, 15,-€ (eBook: 9,99 €)

Wolf Gregis, 1981 in Wismar geboren, wuchs in Schwerin auf und lebt heute in Rostock. Seine Erfahrung als Bundeswehroffizier in Afghanistan thematisierte er bereits in „Afghanistan surreal. Wahrnehmungen eines deutschen Soldaten“ (2013). Der Autor ist Redakteur von Risse. Zeitschrift für Literatur in Mecklenburg und Vorpommern und war 2019 Juror beim Landeswettbewerb "Die Freiheit ist ja da." Literaturwettbewerb zum 30. Jahrestag des Mauerfalls. Für die Arbeit an seinem Romandebüt „Sandseele“ erhielt er 2020 das Literaturstipendium der Hanse- und Universitätsstadt Rostock. Webseite: wolf-gregis.de

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