Ausgabe #154

Schattenarbeit

01.10.2020 - Olivia Haese

Liebe Leserinnen und Leser,
Liebe Autorinnen und Autoren,

kennen Sie sich aus mit dem Konzept der Schattenarbeit? Der psychologische Schatten eines Menschen beinhaltet die Anteile, die er im täglichen Leben nicht zeigen oder selbst wahrhaben will. Sprich: Erfahrungen, Charakterzüge und Glaubenssätze, die sich nicht auf angenehme Weise in das persönliche Bewusstsein integrieren lassen. Sie manifestieren sich im Unterbewusstsein, wodurch sie zum Schatten des bereits "beleuchteten" Bewusstseins werden.

In der Schattenarbeit beschäftigt man sich also mit all diesen Dingen und versucht sie somit ins Bewusstsein zu bringen. In letzter Zeit ist meine Neugier an dieser größtenteils durch Carl Gustav Jung begründeten Herangehensweise gewachsen. Wie der Name meines Abonnentenbriefes "Leben - Nebel" so schön ausdrücken soll, spielt sich unsere menschliche Existenz ja in einem – nicht ganz uninteressanten… – Wechsel zwischen Licht und Schatten (Verständnis und Unverständnis, Bewusstsein und Unbewusstsein) ab.

Dabei lässt sich nicht ignorieren, dass sich die beiden Aspekte gegensätzlich bedingen. Verständnis kann nur existieren, wenn es etwas zu verstehen gibt. Je mehr der Schatten in das Bewusstsein gebracht wird, desto stärker strahlt das Licht. Vor kurzen war ich auf folgendes Zitat gestoßen:
"Es ist wie bei einer Mondfinsternis. Erst wenn es von der Dunkelheit verdeckt ist, werden die Menschen aufmerksam auf das Licht."

Nicht selten fasziniert es mich, wie weitflächig sich dieses Konzept von Licht und Schatten anwenden lässt. Wir erleben diese Dualität auf allen Ebenen des individuellen Daseins: spirituell, emotional, mental und sogar physisch. Auch eine somatische Krankheit lässt sich schließlich schlecht behandeln, wenn sie nicht diagnostiziert wurde.

Aber auch im größeren, gesellschaftlichen Kontext stoßen wir auf diese Dynamik. Alle soziologischen, politischen und wirtschaftlichen Missstände lassen sich (mit viel Mühe?) auf die jeweiligen psychologischen Miseren von individuellen Menschen zurückführen. Nicht wenige Psychologen gehen davon aus, dass die meisten Machthaber dieser Welt tiefe Traumata in sich tragen und deshalb zu Machthabern geworden sind. Dabei kann man natürlich nicht negieren, dass die Dunkelheit noch beschleunigter an Macht zunimmt, wenn mehrere Individuen ihre persönlichen Schatten nach außen projizieren und miteinander vereinen. Es ergibt sich sozusagen ein kollektiver Schatten.

Im Geiste eben dieses Themas möchte ich hier noch einmal eine Angelegenheit erwähnen, die die Aspekte des individuellen wie kollektiven Schattens auf schreckliche Weise illustriert. Tagtäglich werden auch während der Coronakrise unzählige Menschen in Deutschland zu Prostitution oder Pornographie gezwungen. Im Juli hatte DAS MILIEU sowohl ein Interview als auch Eine Frage des MILIEUS veröffentlicht, die unter anderem die Geschichte der in Deutschland zur Zwangsprostitution gezwungen Katharina M. behandeln. Die junge Frau hat ihre Geschichte vor Kurzem in einem Buch namens "Schneewittchen und der böse König" publik gemacht hat, aus dem wir in dieser Ausgabe auch einen kleinen Buchauszug publizieren. Deutsche gehören zu den fünf Nationalitäten, die am häufigsten zu Betroffenen als auch Tätern von Zwangsprostitution werden. Weitere Fakten und Zahlen sowie Information zu Prävention und Opferhilfe finden Sie auf der Seite des Vereins "Gemeinsam gegen Menschenhandel".

Leider wird auch dieses Thema – wie so viele andere Untergrundthemen – weiterhin nicht oft genug im öffentliche Dialog zur Ansprache gebracht. Außerdem scheint vor allem die Politik ein geringes Interesse an diesem Problem zu haben.

Was bleibt uns also übrig? Aufklärungsarbeit, oder mit anderen Worten: Licht in das Dunkel bringen…

In diesem Sinne freue ich mich über eine weitere Ausgabe unseres Magazins. Ich bedanke mich für die Zusammenarbeit mit den Autoren und – meines Erachtens – für die Schattenarbeit relevanten Artikel, die wir diesen Monat veröffentlichen können. Es geht diesem Monat unter anderem um produktive Kommunikation während der Coronasituation, posttraumatische Reifung im allgemeinen Sinne, der Umgang mit dem Klima und die Frage, ob eine Zukunft ohne Auto vorstellbar ist.
Außerdem haben wir ein Interview mit dem US-amerikanischen Jazz-Musiker Gregory Porter, der von seiner Kindheit, seinem Glauben und seiner Perspektive auf den amerikanischen Rassismus erzählt.


Beste Grüße
Olivia Haese

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