Gesellschaft

Schreib mir! - Generation Smartphone

01.02.2014 - Sumbal Jawid

Der Kopf nach unten geneigt, ein konzentrierter Blick auf dem Display und plötzlich lacht man auf, weil man eine lustige, frohe Nachricht erhalten hat. Schade nur, dass der Gesprächspartner dein Lächeln nicht sieht, schade, dass diese Emotionen nur durch “Smileys“ ausgedrückt werden können. Schade, dass wir dabei sind, uns an diese Art von Kommunikation zu gewöhnen. Was für ein Verlust, dass sich dein wundervolles Lächeln hinter dem leuchtenden Display einer irrealen, digitalen Welt versteckt.

Mit einem Smartphone kann man vieles machen, es ist Navigationsgerät, Spielkonsole, Digitalkamera und vieles mehr und das alles in einem kompakten Gerät. Doch steht die Kommunikation beim Smartphone in erster Linie im Vordergrund. Handelt es sich hierbei nur um einen Trend oder ist es der Beginn einer Kommunikationswende? Klar ist nur, diese Art von schneller Kommunikation ist aus unserer Kultur nicht mehr wegzudenken.
Die frohe Botschaft ist: Wir kommunizieren mehr miteinander! Doch hat diese Kommunikation noch  Substanz und nützt sie uns überhaupt? Wir kommunizieren zwar mehr, aber mit wem, über was und wie oft und warum? Die schlechte Botschaft: Die Kommunikation findet auf digitaler Ebene statt. Das Kommunikationsinstrument ist eine virtuelle Tastatur, die weder unsere Emotionen- noch unsere Körpersprache mit einbezieht. Soziale Kontakte pflegt man jedoch langfristig anders. Aber wenn wir in der realen Welt kommunizieren, dann landet dieses Ding wieder auf dem Tisch, immer in Reichweite. Ein Massenphänomen, auf das sich die ganze Welt gerade einzustellen scheint.


Wie ein Bestandteil unseres Körpers ist es immer bei uns, wie ein Organ, das funktionieren muss, damit wir auch funktionieren. Seine "Nahrung", den Strom, bekommt es regelmäßig von uns, damit es unseren Körper intakt hält. Doch was begleitet uns da eigentlich genau? Es ist mehr als nur etwas Materielles. Es ist das Gefühl, immer erreichbar zu sein, das Gefühl nichts zu verpassen. Das Gefühl, nicht alleine zu sein und irgendwie auch ein Gefühl von Sicherheit. Sicherheit, weil wir alle unseren lieben Menschen,  Freunde, Verwandte , Bekannte erreichen können - und das zu jeder Zeit. Und umgekehrt,  weil diese uns ebenfalls erreichen können, wann und wo immer sie möchten. Doch stellt sich die Frage, ob wir es wirklich wollen. Wollen wir immer erreichbar sein? Und tut es uns gut? Langfristig tut es niemandem gut, immer unter Strom zu stehen und wie ein Roboter Befehle entgegenzunehmen. Es schränkt uns ein. Wir verlagern unsere reale Kommunikationseben in eine virtuelle, digitale Welt und neigen immer wieder dazu dorthin abzudriften und unsere kostbare Zeit dort zu lassen. Das Gute dabei ist jedoch, dass wir nicht alleine mit diesem Problem dastehen, dass wir alle davon betroffen sind, die ältere Generation wahrscheinlich weniger, aber es betrifft uns doch alle direkt oder indirekt. Indirekt, wenn man versucht sich mit seinem Gegenüber zu unterhalten und dieser lieber auf sein Display schaut, anstatt in die Augen seines Gesprächspartners. "Phubbing" wird es auch genannt, diese Art von Unhöflichkeit. Die Smartphonenutzer sind sich aber nicht immer bewusst, mit was für einem Desinteresse sie dem anderen gegenübertreten. Der digitale Gesprächspartner ist wichtiger als der, der gerade anwesend ist. Es ist auch die Rede von einer neuen Unhöflichkeit, die sich gerade zu etablieren scheint.

Wir verlernen den persönlichen Kontakt

 

Echte Face-to-Face Kommunikation und soziale Bindungen sind für jeden Menschen wertvoll und überlebenswichtig. Diese sozialen Bindungen sind wie die Nahrungszufuhr - ein wichtiger Bestandteil eines jeden Lebens. Diese auch richtig zu pflegen, ist die Aufgabe jedes Einzelne. Wir können nicht erwarten, dass andere uns verstehen, wenn wir uns nicht versuchen mitzuteilen. Sich dabei für den digitalen Weg zu entscheiden ist schlichtweg falsch. Nicht nur die Technologie, auch die Umgangsformen verändern sich. Die Möglichkeit 24/7 erreichbar zu sein besteht, doch müssen wir diese nutzen und findet der Begriff  "offline" in unserer Gesellschaft noch Anwendung? Unsere Eigenart sich auszudrücken, unsere Intonation während wir reden, unsere Gestik und Mimik, unsere Körpersprache, sie sind es doch, die uns als Individuum ausmachen und eine lebendige Kommunikation ermöglichen. Die Unterhaltung via Kurznachrichten, lässt freie Bahn für Missverständnisse, da unterstützende, natürliche und individuelle  Kommunikationsmittel fehlen und wir diese nicht einfach mit den kleinen gelben Smileys ersetzen können.                                                             

Jugendliche und Mediennutzung

 

Das Hauptproblem sin die Heranwachsenden, die mit solch einer Technologie aufwachsen und diese als Selbstverständlichkeit wahrnehmen. Geprägt ist dieses Verhalten durch wenige Berührungsängste mit der neuen Technik. Die Jugend ist eine Zeit, in der man seine Identität bildet - und seine Persönlichkeit entwickelt. Wenn diese so wichtige Zeit eines Lebens durch starke Mediennutzung geprägt ist, dann werden diese jungen Erwachsenen irgendwann auf der Suche nach dieser verlorenen Zeit gehen und diese Suche nach ihrer Identität und Persönlichkeit im fortgeschrittenen Alter fortführen, was psychologisch gesehen nicht unbedingt ideal ist. “Die Mediennutzung von Jugendlichen zeichnet sich durch eine Koexistenz von Stabilität und Wandel aus“ schreibt der mpfs (Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest) in ihrer 15-Jahre JIM  (Jugend, Information, Media)-Studie, die sich mit der Mediennutzung von Jugendlichen zwischen 12-19 Jahren beschäftigt hat. Welche Auswirkungen die Koexistenz von Stabilität und Wandel der technischen Welt haben wird, lässt sich nicht genau prognostizieren, weil dieser Prozess noch andauert. Wenn Jugendliche damit aufwachsen, dass es normal ist, sein Smartphone immer bei sich zu haben und die persönliche Kommunikation digitalisiert fortzuführen, dann wird dies sicherlich seine Spuren in ihrer Persönlichkeit hinterlassen.

Wir müssen lernen damit umzugehen


 Natürlich bringt die fortschreitende digitale Kommunikation auch viele Vorteile mit sich, doch neigt man oft dazu, sich nur auf diese zu verlassen. Wenn wir bedenken, wie viel Zeit wir damit verbringen, dann erkennen wir, dass wir uns dabei eigentlich oft vom wahren Leben entfernen. Wir führen nur noch ein fremdbestimmtes, ferngesteuertes Leben.


Jan Koum der Mitgründer des beliebten Messaging-Dienstes Whatsapp spricht von seiner Vision, Whatsapp als ein weltweites Synonym für die Messaging-Plattformen zu etablieren. "Ich möchte, dass es normal ist, mit WhatsApp sich, Gute Nacht’ zu sagen und am nächsten Tag sich eben auf diesem Weg einen, Guten Morgen’ zu wünschen." Dass diese Vision Wirklichkeit wird, scheint wohl nur eine Frage der Zeit zu sein.

Die Technologie wird immer schneller und komplexer. Wir denken nicht großartig nach und gehen einfach mit. Vielleicht sollten wir einmal innehalten und für uns selbst entscheiden ob wir mitgehen oder uns für einen anderen Weg entscheiden. Zurzeit sieht es ganz danach aus als beherrsche uns die Technologie, doch die Herausforderung liegt darin, dass wir die Technologie beherrschen und verantwortungsvoll mit ihr umgehen. Vielleicht gibt es irgendwann auch eine Art von Innehalten, und wir merken, dass wir ohne diese zeitintensiven Technologien mehr Zeit für andere, reale Dinge haben. Die Welt ist zu groß und spannend, um seine Sicht auf ein kleines Display einzuschränken. Am Ende gilt: Das Smartphone ist nur so smart wie sein Benutzer.

 

 

 

 

 

Foto: © Christiaan Triebert

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