Rezension

Schwankender Westen - Wie sich ein Gesellschaftsmodell neu erfinden muss

15.12.2015 - Dr. Burkhard Luber

“The West and the Rest” titelte der britische Historiker Ferguson einmal eines seiner Bücher, um mit gewisser Arroganz die Überlegenheit der westlichen Kultur zu markieren. Udo di Fabio ist von solchem West-Zentrismus frei. Er macht sich stattdessen ernsthaft Sorgen, wohin “der Westen” hindriftet. Wobei schon die Kategorie “Der Westen” dem Leser Kopfzerbrechen bereitet.

Sicherlich ist der Westen mehr als Deutschland. Aber gehören Polen und Ungarn mit ihren neuen nationalistischen Regierungen auch jetzt immer noch zum “Westen”? Oder ist der Westen einfach gleichzusetzen mit der NATO oder der EU? Solchen geografischen Präzisierungen entgeht di Fabio, weil er den Westen nicht territorial begreift, sondern als ein politisches und kulturelles Modell, das durch persönliche Freiheit und demokratische Selbstbestimmung geprägt ist. Dieser Westen ist in Gefahr - Staaten zerfallen, der Krieg ist nach Europa zurückgekehrt, der innere Zusammenhalt der westlichen Gesellschaften bröckelt. Dennoch hat di Fabio weiterhin große positive Erwartungen an das westliche Gesellschaftsmodell (der Autor würde es wohl sogar als “Erfolgsmodell” kennzeichnen).

Was bei einem so scharfsinnigen Denker wie di Fabio verwundert, ist, dass er trotz der neuen intensiven Debatte über Kontrolle und Überwachung in Deutschland,  jüngst durch die Terrorangst verschärft, nicht den drohenden Verlust von Autonomie in unserer Gesellschaft thematisiert. Überhaupt kommen die meisten Kapitel des Buches daher, als ob es das Internet mit seinen Bedrohungen unserer demokratischen Kultur noch gar nicht gäbe. Kein Wort über die neuen Weltmächte Amazon, Google, Facebook und deren Expansion als Datenkraken und Superkontrolleure. Di Fabio bleibt da bei seinem Alarmismus erstaunlich konservativ, letztlich pre-Internet orientiert. Und neben diesem großen blinden Fleck verwundert ein zweiter, zwar kleinerer aber doch störender, nämlich in seiner Passage “Rückkehr der Gewalt”. Dort ist nirgends von den Militärinterventionen der USA im Irak und in Afghanistan und den verheerenden Einsätze der US-Killerdrohnen mit ihren immer zahlreicheren zivilen Toten nicht die Rede. So bleibt die Fabios Verteidigungsschrift im Duktus leider wenig prägnant, obwohl der Autor eine Fülle von Perspektiven und Argumenten rund um den “Schwankenden Westen” auftischt. Wie sich dieses Gesellschaftsmodell neu erfinden soll, woher die Triebfedern für eine solche Reform kommen könnten und wo die Agenten für die Etablierung eines Neo-Westens zu finden sind, wird in der Schrift leider nicht deutlich. Dennoch erhält der Leser wenigstens eine enzyklopädische Auflistung vieler westlicher Facetten, die di Fabio kenntnisreich und illustrativ präsentiert.

Udo di Fabio:; Schwankender Westen. Wie sich ein Gesellschaftsmodell neu erfinden muss. C.H.Beck Verlag. 272 Seiten. September 2015. 19.95 Euro

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