Reportage

Schweigen ist keine Option!

15.02.2014 - Alia Hübsch-Chaudhry

Einwanderungspolitik und Prostitution: Das Schweizer Votum für einen Ausländer-Stopp sorgt derzeit europaweit für Furore. Dabei hatte Gauck jüngst zur deutschen Debatte über die Einwanderung von Arbeitskräften aus Osteuropa geäußert, Ängste vor Ausländern seien „gefährlich für den inneren Frieden“. Hinter all dem Trubel bleibt die Frage: Was halten die Migranten selbst von der deutschen Gesellschaft? Und welche gesellschaftlichen Verhältnisse und Zustände beeinflussen sie am intensivsten?

Alia Hübsch hat in ihrer Reportage die persönliche Geschichte einer jungen Osteuropäerin zusammengetragen, die in der Hoffnung auf ein sozialeres Leben nach Deutschland kam und dort an ihre psychischen Grenzen gelangte.

 

Maria*(23) ist eine talentierte, intelligente junge Frau. Sie spricht mehrere Sprachen, darunter Englisch, Isländisch und sogar etwas Chinesisch. Obwohl sie erst seit eineinhalb Jahren in Deutschland lebt, ist ihr Deutsch bereits so gut, dass sie ohne weitere Hilfsmittel Romane und Sachbücher lesen und verstehen sowie eigene Texte schreiben kann, von einigen kleinen Grammatikfehlern abgesehen. Im EU-Mitgliedstaat Ungarn aufgewachsen, absolvierte sie dort locker das Abitur und hing noch eine abgeschlossene Ausbildung als Touristenführerin dran. Bevor sie dann in Deutschland als Au-pair-Mädchen anfing, verbrachte sie einige Monate in England als Hotelhilfskraft. Wer sie länger kennt, weiß, dass sie nicht locker lässt, wenn sie sich erst einmal etwas in den Kopf gesetzt hat. Weiß, dass Sie aufgeweckt und zielstrebig ist und vor bunt ausgemalten Zukunftsplänen und Träumen, mögen sie auch noch so fern und groß sein, strotzt. Sie möchte irgendwann einen eigenen alternativen Bücherladen eröffnen, dolmetschen, eine Zeitlang einsam in der Wildnis das Natur- und Tierverhalten erforschen. Maria ist eine selbstbewusste, starke Persönlichkeit. Ein Mensch, der viel lacht, in seiner Freizeit schlechte ungarische Soaps parodiert und sich chinesische Horrorfilme anschaut. Nur wenn es um ihr Heimatland geht, hat sie wenig zu lachen. Ungarn? „Katastrophale Verhältnisse“, sagt sie. „Ich will auf keinen Fall dort leben.“

 

Warum Deutschland?

 

Um der Massen-Arbeitslosigkeit in ihrem Heimatland zu entrinnen, beschließt sie daher nach Ihrem beendeten Arbeitsverhältnis als Au-Pair hier zu bleiben. Sie scherzt, „der offiziell demokratisch gewählte Präsident Ungarns ist der inoffiziell selbsternannte Diktator des Volkes.“ Die Korruption und die gesellschaftlichen Missstände seien nicht auszuhalten. Ihr Vater war jahrelang arbeitslos, jetzt verdient er einen Tagelohn. Der alkoholkranke Onkel lebt in einer Wohnung voller Kakerlaken. Der Bruder sitzt wegen Diebstahls und Kleinkriminalität im Gefängnis. Sie sieht wie Bekannte Bankkredite abbezahlen müssen, endlos. Die Armut engt die Menschen ein und zerstört ihre Identität. Sie wusste, Ungarn ist keine Option. Ungarn hat keine Zukunft. Aber Deutschland. Deutschland hat eine gerechte Sozialpolitik zu bieten, anständige  Arbeitsverhältnisse; Deutschland steht für Wohlstand. Und bisher hatte ja auch alles nach Plan funktioniert, warum sollte es nicht so weiter gehen?


American Dream reloaded: Vom Minijob zur Festanstellung

 

Vielleicht kann man Maria mutig nennen, naiv ist sie keineswegs. Sie wusste, es wird kein einfacher Weg werden. Sie wollte es ein bisschen so machen wie im American Dream, nicht gerade vom Tellerwäscher zum Millionär, sondern vom Minijob zur Festanstellung. Von der Gemachten zur Macherin.

 

Ein Studium kam für Maria erst einmal nicht in Frage. Zum einen, da sie so schnell wie möglich Geld für eine Wohnung verdienen musste. Zum anderen, weil sie nicht wusste, ob ihre schulische Ausbildung aus Ungarn hier anerkannt würde.

 

Auch wenn das Sozialgericht in Dortmund einer spanischen Familie kürzlich Hartz IV zusprach, wird EU-Ausländern in der Regel keine Sozialhilfe gezahlt.  Sie haben zwar ein Anrecht auf Wohngeld oder einen Lastenzuschuss, aber den Migranten selbst ist das oft nicht bekannt oder sie sind aufgrund bürokratischer Hürden mit der Situation überfordert. „Die deutschen Beamten sind kalt und herzlos. Ich habe mich sofort nicht willkommen und alleine gelassen gefühlt.“, sagt mir Maria. Ich erwidere, dass der äußere Schein oft trügt. Sie scheint nicht gerade überzeugt. „Mag sein.“

 

Aber Maria lässt sich nicht abschrecken. Es ernüchterte sie auch nicht, als sie aufgrund ihrer „geringen Arbeitserfahrung“ in ihrem Alter nicht in dem Bereich arbeiten konnte, in dem sie auch ihre Ausbildung abschloss. Sie wurde mehrfach abgewiesen.  Sogar als Hotelhilfskraft sei sie nicht gut genug. „Ich bin mir für keine Arbeit zu fein. Man sollte sich dankbar schätzen, wenn man überhaupt arbeiten kann.“


Hinter der Maskerade der Run ums blanke Überleben


Als ich sie im Rahmen der interkulturellen Wochen während eines interreligiösen Frauenfrühstücks kurz nach ihrem beginnenden Deutschlandaufenthalt kennen lernen durfte, entwickelte sich eine bis heute andauernde Freundschaft. Wir trafen uns öfters in der Stadt, ich lud sie zu mir nach Hause zum Essen ein und wir diskutierten über Gott und die Welt. Sie erzählte mir Mythen von ungarischen Wahrsagerinnen und zeigte mir, wie man Tarot-Karten liest. Aber davon abgesehen und ungeachtet der Tatsache, dass sie die Sesamstraße nicht kannte, bestätigte sich kein Vorurteil über die kulturelle Fremdheit des Ostens. Heute weiß ich: Hätten wir uns nicht so häufig getroffen, hätte sie wohl kaum den Mut gehabt mir zu erzählen, was sich hinter ihrer so stabil wirkenden Maskerade wirklich verbarg. Sie hätte nicht erzählt, was sie an Verzweiflung und Wahnsinn erlebte, während sie zig Bewerbungen schrieb, von einem Bewerbungsgespräch und Minijob zum nächsten rannte, von einer Wohnung in die nächste zog und zusehen musste, wie ihr Arbeitseifer schamlos ausgenutzt wurde.

 

Ich verstand erst bei ihr so richtig, wie wenig Talent und Ehrgeiz nützen, wenn es ums blanke Überleben geht.  

 

Der hilflose Blick des Zuschauers auf illegales Terrain

 

Klar, dass sie am Existenzminimum lebte und dass sie sich auch mit Schwarzarbeit über Wasser hielt, wusste ich. Ich erklärte ihr auch, dass sie aufpassen muss. Dass sie ein gefährliches Risiko eingeht, wenn sie sich auf illegalem Terrain bewegt. Aber wer selbst nicht mittendrin ist, ist nur Zuschauer. Er kann aufstehen und seine Meinung sagen, aber er inszeniert nicht das Stück.
In Ungarn fürchtete sie, wie die Armut den Alltag bestimmte und erlebte hier nichts anderes. Als wir einmal zufällig an einer Wahlveranstaltung der Linkspartei vorbeiliefen, verkündete sie: „Ich darf zwar nicht wählen, aber wenn ich könnte, würde ich sie wählen. Die sind für den Mindestlohn“. Ich antwortete, ein Mindestlohn alleine bringt nichts, wenn die Preise am Markt nicht entsprechend sozial reguliert werden. Deutschland ist relativ teuer. Studien zeigen, dass das Preisniveau knapp über den EU-Durchschnitt liegt.
Zwischen Scham und Schuld: Ein zweischneidiges Schwert
Um Geld zu sparen, beobachtete ich wie Maria oft auf Mahlzeiten und Getränke verzichtete, wenn wir uns trafen. Wenn ich für sie zahlte oder sie einlud, schämte sie sich meist und lehnte es ab. Obwohl es psychologisch gesehen völlig normal war, dass sie es tat, fühlte ich mich als Außenstehende hilflos. Man möchte der Person etwas Gutes tun, ohne sie in ihrer Würde zu verletzen. Es war wie ein zweischneidiges Schwert und ich wusste, manchmal muss die Andere zu ihrem Glück gezwungen werden. Dass sie auf Dauer nicht auf Hilfe verzichten kann, zeigte mir dann auch ihr Verhalten als Verkäuferin in einer Kioskbude. Sie zierte sich nicht, abgelaufene Lebensmittel und Getränke mit nach Hause zu nehmen. Schließlich seien sie noch genießbar. Ihre finanzielle Situation wirkte sich auf jeden noch so kleinen sozialen Bereich ihres Lebens aus: Um kein Bahnticket zu zahlen, lief sie zum Teil kilometerweite Strecken zu Fuß oder fuhr mit gebrauchtem City-Roller oder Fahrrad (die dann entweder nicht mehr funktionstüchtig waren oder geklaut wurden). Manchmal fuhr sie auch mit den öffentlichen Verkehrsmitteln schwarz, aber sie versuchte es zu vermeiden. Und statt die Bücherei aufzusuchen, nutzte sie den offenen Bücherschrank der Stadt, der kostenlos Literatur zur Verfügung stellte.
All das war zwar bitter, aber zumutbar - bei dem Gedanken, dass es sich nur um eine kurze Phase in ihrem Leben handelte. Aber wer weiß wirklich, wie lange diese Phase anhalten wird? Ob es tatsächlich besser werden würde?

 

Die Mafia und eine pinke Perücke: Spiel oder Selbstverlust

 

Obwohl ich an einer kurzen Dauer ihrer prekären Lebensumstände zweifelte und sie zu überreden versuchte, sich mit mir über ein mögliches Studium in Deutschland zu informieren, schien sie sich sicher: Es wird alles besser. Sie habe bereits einiges an Geld angespart und es dauere nicht lange, dann könne sie sich eine eigene Wohnung kaufen. Ich glaubte ihr, dass sie mit der Situation zurechtkam. Ich wollte ihr glauben. Als sie mir eines Tages erzählte, ihr Arbeitgeber habe nicht gezahlt und sie wolle ihn anzeigen, dachte ich: Super! Sie kämpft für ihre Rechte, sie lässt sich nicht unterkriegen. Und als sie mir dann mitteilte, dass ihr Arbeitgeber nicht vor Gericht erschien und es sich wahrscheinlich um die Mafia handelte, nahm ich mitleidig Anteil, aber blieb gelassen. So wie sie. Auch als sie zu einem Treffen in der Stadt mit einer pinken Perücke erschien, wurde ich nicht stutzig. Schließlich ist das ihre lebendige Art; sie trug aus Solidarität mit den Muslimen auch schon mal ein Kopftuch. Erst meine Schwester ließ mich nachdenklich werden: Mit Perücken und Verkleidungen wollen wir jemand anderes sein; wollen wir uns selbst fremd werden. So etwas kann ein Signal sein. Kann der Drang sein, in eine andere Rolle schlüpfen zu müssen. Vielleicht damit sie uns eine Stärke vermittelt, die wir glauben, verloren zu haben.


„Das ist meine Biografie“, sagte sie lächelnd

 

Am selben Tag, einige Zeit nach Silvester, zog Maria dann ein paar handgeschriebene Seiten Papier aus ihrer Tasche. „Das ist meine Biografie“, sagte sie lächelnd. Sie hatte mir schon zuvor geschrieben, dass sie an ihrer Biografie arbeite, um Menschen Mut zu machen, die in einer ähnlichen Lage wie sie seien. Aber ich erwartete nichts Neues. Ich meinte den gröbsten Inhalt der Biografie zu kennen und war dennoch neugierig. Also las ich drauf los. Ganz oben stand ordentlich und in vorbildlicher deutscher Schönschrift: „Natalia Salvatore - Leben, überleben und weiterleben“. Dann der Teaser: „Da das Leben unfair ist, befolgt die junge Osteuropäerin Maria ihre eigene Regeln. Sie schließt Freundschaften, verdient Geld. Es gibt Leute die glauben, mit ihr alles machen zu können: verarschen, sexuell belästigen usw. Aber Maria ist nicht so schwach wie man denkt.“

 

Der fragmentartige Text war sehr einfach geschrieben und leicht zu lesen. Maria schrieb von sich in der dritten Person, mit verändertem Namen und inszenierte ein fiktives Interviewgespräch. Ich erkannte mich unter dem Namen Amina wieder. Sie schrieb so, wie sie lebte. Bestimmt und ausdrucksstark.

 

Vor dem Alptraum ist nach der Depression

 

Plötzlich musste ich stocken. Depressionen. Fortwährende sexuelle Belästigungen. Alpträume. Angst vor Vergewaltigungen. Selbstmordgedanken. Und ein aufwühlendes Ereignis, das sie zunächst nicht näher beschrieb. Ich sah sie an: „Was? So schlimm? Davon hast du mir ja nichts erzählt!“ Dann zeigte ich auf die Stelle mit dem Ereignis. „Du musst es mir nicht erzählen, wenn du es nicht willst. Aber vielleicht möchtest du dich mir anvertrauen.“
Sie begann von selbst, nach einigen Ansätzen, etwas zögerlich und mit Tränen in den Augen, die Details zu erzählen.


„Ich habe stundenlang geweint und lange mit niemandem darüber gesprochen. Es war schrecklich, ich dachte mir nur: Besser du bringst dich um, bevor du als Prostituierte endest.“

 

20 Euro in der Hand und kein bisschen Selbstrespekt

 

Sie erzählte mir, wie der Stress ums Überleben sie fertig gemacht habe und von ihrer Angst auf der Straße zu landen. Sie erzählte von dem besagten Ereignis. Wie ihr Vermieter, 20 Euro in der Hand, mit ihr alleine in den Keller lief und sie offen fragte, ob sie mit ihm schlafe. Niemals zuvor habe sie sich so schrecklich gefühlt. Sie verstand nicht wie ein Mensch kein bisschen (Selbst-)Respekt haben könne. Freud schrieb einmal, dass der sexualisierte Mensch nicht mehr „erziehungsfähig“ ist. „Die Zerstörung der Scham bewirkt die Enthemmung auf allen anderen Gebieten, eine Brutalität und Missachtung der Persönlichkeit der Mitmenschen.“


Maria lehnte das Angebot ab und war froh, dass sie fliehen konnte. Er ließ sie gehen.

 

Was man in der Not zuletzt tut, ist nie wirklich freiwillig

 

Was hier wie ein Einzelfall klingt, ist in Deutschland Alltag. Wer meint,  Prostitution sei freiwillig und solle legalisiert werden, folgt der Logik derjenigen, die den Handel mit Organen bejahen. Was man in der Not zuletzt tut, ist nie wirklich freiwillig. Maria war eine von Vielen, die vor diese Wahl gestellt wurde. „Die denken, wir machen alles für Geld!“ fuhr sie entsetzt fort. Mit „wir“ meinte sie wohl Frauen osteuropäischer Abstammung, die besonderen sexistischen Klischees ausgesetzt sind. Und tatsächlich, viele Frauen, nicht nur aus dem Ausland, sehen vor lauter Verzweiflung am Rande des Existenzminimums keinen anderen Ausweg.


Trotz andauernder Angst: Schweigen ist keine Option!

 

Seit dem Vorfall mit dem Vermieter, meidet sie den Kontakt mit ihm, benutzt wann immer sie kann, den Hintereingang. Bisher schien er nicht gewaltsam vorzugehen, aber Menschen sind unberechenbar. Ein Auszug sei zunächst nicht möglich, da sie die Miete im Voraus gezahlt habe und dort „aufgrund von Unterstützung durch Bekannte“ wohnt. Eigentlich müsste man den Mann anzeigen, aber sie hat nach wie vor Angst; möchte keine weiteren Schwierigkeiten bekommen. „Wer weiß überhaupt, ob ich ernst genommen werde? Noch hat er mir keine Gewalt angetan.“ Sie hofft lieber auf Schutz von einem türkischen Freund, der über einige Ecken mit dem Vermieter verwandt ist.  


Als ich Maria vor kurzem erzählte, dass ich ihre Geschichte in einem Artikel veröffentlichen möchte, war sie hocherfreut. Als nächstes möchte sie jetzt auch ihre Biografie vervielfältigen und in den offenen Bücherschränken der Stadt auslegen. Wie es mit ihr weitergeht, ist noch ungewiss. Vielleicht schafft sie es doch noch zu studieren. Am liebsten Soziologie und was mit Sprachen. Eins steht für Maria aber fest: Schweigen ist keine Option!

 

 

 

*Namen von der Redaktion geändert. Auf ihren Wunsch hin wurden zudem u.a. weitere Orts-und Personenangaben verfremdet.

 

 

Foto: © Ed Yourdon

Autoren benötigen Worte.
Worte benötigen Zeit

Spenden & Unterstützen