Reflexionen

Sehnsucht nach Stille

01.07.2022 - Daniela Ribitsch

Um 3:05 klingelt der Wecker. Schnell schlüpfen mein Mann und ich in unsere Kleider und schleichen leise den schwach beleuchteten Gang hinunter zur Kirche, wo sich bislang nur wenige Mönche versammelt haben. In den nächsten paar Minuten kommen aber immer mehr von ihnen hinzu und dann läutet auch schon die Glocke. „O Gott, komm mir zu Hilfe - Herr, eile mir zu helfen“, singen wir alle. Wir alle - das sind die Mönche und einige Klostergäste. Eine halbe Stunde lang beten wir zu Gott. Danach kehren wir in unsere Zimmer zurück. Während Rick und ich wieder schlafen gehen, lesen die Mönche alleine in ihren Zimmern in der Bibel. Um 5:45 treffen wir uns wieder in der Kirche zu den Laudes, gefolgt von der Eucharistie.

Die Abbey of Gethsemani ist ein Schweigekloster der Trappisten, einem strengen Orden der römisch-katholischen Kirche, im US-Bundesstaat Kentucky. Dieser Abbey gehörte auch der heute noch viel gelesene amerikanische Trappist und Schriftsteller Thomas Merton an, dessen berühmtestes Werk wohl seine Autobiografie The Seven Storey Mountain (Der Berg der sieben Stufen) ist. Sowohl das Kloster als auch der Friedhof, auf dem Merton seit 1968 neben anderen Mönchen begraben liegt, stehen für BesucherInnen offen. Manche BesucherInnen kommen nur für einen Tag, nehmen an einem Gebet teil, erkunden den Klosterladen und gehen auf dem Klostergelände spazieren. Andere wiederum bleiben für einige Tage. Jene Gäste, die einige Tage im Kloster verbringen, heißen Retreatants. Englisch retreat bedeutet Rückzug, Zufluchtsort. Die Idee ist, dass wir uns für paar Tage von der Außenwelt zurückziehen und in der Stille sowie im Gebet Gott näherkommen. Natürlich steht das Kloster auch jenen Menschen offen, die nicht an Gott glauben und sich nach ein paar Tagen Ruhe und Frieden von unserer hektischen Welt sehnen. Wir Retreatants haben unsere eigenen Zimmer, dürfen an allen Gebeten der Mönche teilnehmen, bekommen Frühstück, Mittagessen und Abendessen und dürfen den ganzen Tag über so viel Kaffee und Tee nehmen, wie wir wollen. Die Mönche verlangen nichts für ihre Gastfreundschaft. Doch jeder Retreatant hinterlässt üblicherweise eine freiwillige Spende nach eigenem Ermessen.

Die mehr als 34 Mönche leben in Abgeschiedenheit, beten und arbeiten und sprechen nicht viel außerhalb ihrer täglichen sieben Gebetszeiten: Vigil, Laudes & Eucharistie, Terz, Sext, Non, Vesper und Komplet. Überall am Klostergelände finden wir das gleiche Schild: „Silence is spoken here.“ Ich liebe diese Regel. Ich finde es so wunderschön, dass hier nur „Stille gesprochen wird“, weil ich so Teil einer Gemeinschaft sein kann, ohne sprechen und gesellig sein zu müssen. Außerdem erlaubt mir ein solcher Klosteraufenthalt, Zeit ohne Internet zu verbringen: kein Surfen, keine E-Mails. Stattdessen kann ich der Natur bei den täglichen Wanderungen mit Rick nahe sein. Obwohl Rick und ich uns ein Zimmer teilen und den ganzen Tag zusammen verbringen, sprechen auch wir nicht. Normalerweise diskutieren wir viel, da wir von Natur aus immer unterschiedlicher Meinung sind, doch im Schweigekloster können wir nicht miteinander debattieren. Somit ist es uns möglich, diesen entschleunigten Ort in Zweisamkeit zu genießen und auf unseren Wanderungen nur von den Lauten des Waldes und seiner BewohnerInnen umgeben zu sein.

In seinem Essay Duft der Zeit schreibt der Philosoph Byung-Chul Han, dass unser Leben  „hektischer, unübersichtlicher und richtungsloser“ geworden sei. Unsere Zeit sei eine bloße Chronologie von Ereignissen. Wir hasteten von einem Event zum nächsten anstatt zu bummeln. Es gebe keinen Platz mehr zum „kontemplativen Verweilen“. Aber erst durch dieses kontemplative Verweilen enthülle sich uns die Schönheit der Dinge. Statt mehr zu tun, sollten wir also entschleunigen und weniger machen.

Entschleunigen und weniger tun ist genau das, was im Gethsemani-Kloster passiert. Wie die Mönche folgen auch die Retreatants jeden einzelnen Tag der gleichen Routine mit der gleichen Langsamkeit und Ruhe. Wenn ich dieser Routine folge, vergesse ich, wie laut die Welt außerhalb der Klostermauern ist. Die Menschen in unserer Gesellschaft sind hektischer geworden und somit auch sehr viel lauter. Mich fordert der Lärm besonders, weil ich einem sehr leisen Haushalt aufgewachsen bin. Wir schließen die Türen leise, reden während der Nachtstunden nicht laut im Stiegenhaus und schreien des Nachts nicht auf der Straße. Und von meinen vielen Aufenthalten auf dem Land, wo ich von nichts als Wäldern umgeben bin, bin ich es gewöhnt, nachts nichts anderes zu hören als das Reh, das unsere Rosen mampft.

Ich kann nicht behaupten, dass mich das Leben in einem lauten Wohnhaus über die Jahre hinweg gegen Lärm abgehärtet hätte. In meinem Wohnhaus schlagen die Leute nachts um 11:00 mit den Türen und manchmal saugt die Reinigungsdame noch das Stiegenhaus. Auch die vielen singenden Betrunkenen in den frühen Morgenstunden haben meine Toleranzgrenze für Lärm nicht angehoben. Im Gegenteil. All dieser Lärm hat mich traurigerweise noch mehr verbittert. Ich kann einfach nicht begreifen, warum Menschen um 1:00 früh laute Musik spielen oder Wäsche waschen müssen oder genau vor meinem Fenster den Automotor laufen lassen (insbesondere jetzt, wo sich alle über die Benzinpreise beschweren und ganz leicht Geld sparen könnten, indem sie einfach den Motor abstellten). Und warum es bei jeder Bahnfahrt Personen gibt, die im Ruhewagon telefonieren oder laut mit den NachbarInnen reden müssen, wird mir wohl immer ein Rätsel bleiben. 

Wenn es laut ist, will ich einfach nur weglaufen. Doch wenn es still ist, dann schließe ich die Augen und bleibe sitzen. Es ist die Stille, die mich zum „kontemplativen Verweilen“ einlädt. Sie erlaubt meinem Geist, an verschiedene Ort zu reisen. Manche Orte verlasse ich sehr schnell, bei anderen halte ich mich länger auf. Es ist eine Art Meditation: Ich beobachte einfach nur und erzwinge nichts. Ich beobachte die Gedanken in meinem Kopf und die Geräusche um mich herum. Die Stille lädt mich auch dazu ein, aufmerksam hinzuhören. Manchmal höre ich meine eigenen Gedanken als Sätze in meinem Kopf. Andere Male höre ich Vögel plaudern, Zweige knacken oder Blätter rauschen. Stille bedeutet den Lauten der Natur lauschen. Wenn ich vollkommen still mit geschlossenen Augen da itze und es kein einziges Geräusch um mich herum gibt, höre ich nach einer Weile eine Art sanftes Rauschen, wie etwa ein Radio oder Fernseher mit schlechtem Empfang, und ich frage mich, ob ich tatsächlich den Klang der Stille selbst höre oder ob mein Körper für dieses Geräusch verantwortlich ist. Wenn ich dort lange genug sitze, zieht die Stille auch verschiedene Düfte an: jene von Rosen oder Flieder, Curry oder Rosmarin aus der Küche oder den Duft eines Kuchens, der gerade im Ofen bäckt. Manchmal, wenn mein Geist verschiedene Orte besucht, rieche ich auch Erinnerungen. Ich rieche die Wohnung meiner Großeltern, die Seife, die mein Vater immer benutzt hat, und die Seiten des Lustigen Taschenbuchs aus meiner Kindheit.

Stille bedeutet für mich vollkommenen Frieden. In der Stille fühle ich mich im Einklang mit mir selbst und der Welt. Die Stille erlaubt es mir, die Schönheit der Dinge außerhalb unseres hyperaktiven Lebens zu entdecken. Doch dazu ist auch kontemplatives Verweilen nötig, denn ohne kontemplatives Verweilen kann die Stille erst gar nicht existieren. Wir können also nur in der Entschleunigung Stille und somit Frieden finden.



Foto: Rick Lilla

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