Ausgabe #156

Sind Sie authentisch?

01.12.2020 - Olivia Haese

Liebe Leserinnen und Leser,
Liebe Autorinnen und Autoren,

sind Sie authentisch? Und empfinden Sie diese Frage genauso unerträglich wie ich?

Sollte Ihnen noch niemand den persönlichen Rat gegeben haben, einfach "authentisch" zu sein, sind Sie sicherlich in der Minderheit. Ich denke nicht, dass der Vorschlag an sich ein schlechter ist, doch bin ich mir unklar über seine Implikationen. Falls Sie eine akkurate, greifbare Definition für dieses Wort kennen, lassen Sie mich es doch gerne wissen, denn ich suche noch danach. Und doch weiß ich aus irgendeinem Grund eigentlich genau, was damit gemeint ist.

In unserer aktuellen Ausgabe haben wir wieder viele Menschen unterschiedlicher Hintergründe für unser neues MILIEU-Mosaik befragt. Sie sollten aus Ihrer individuellen Perspektive sagen, was der Menschheit am meisten fehlt. Meiner Meinung nach fehlt es der Menschheit am meisten an Authentizität. Wegen der – meines Erachtens – anscheinend so ungeheuren Wichtigkeit dieses Begriffs, dachte ich mir, ich versuche ihn einfach nochmal selbst zu definieren. Unter 6000 Zeichen war ich leider nicht gekommen.

Es scheint mir, als könnte man alles "Gute" in dieser Welt vorgeben, zu haben – Talent, Empathie, Intelligenz, Großzügigkeit, Ordnung,  Liebe – doch sofern es nicht authentisch ist, ist es bedeutungslos. Sicherlich ist das Attribut "echt" bzw. "authentisch" in unseren Gedankengängen oftmals bereits impliziert, und doch habe ich das Gefühl, dass wir in unserer Gesellschaft, in unserer Wissenschaft und selbst in unserer Philosophie die Bedeutung von Authentizität irgendwo missverstanden haben.

Ich habe mich unter anderem gefragt, ob man wissenschaftlich nachweisen kann, dass unsere hochmoderne Gesellschaft tatsächlich mehr Wert auf den äußeren Schein legt als die Generationen vor uns (aber vielleicht wurde das auch schon getan und ich habe nicht aufgepasst). Spannender jedoch finde ich die Tatsache, dass wir durch unsere Sozialisierung dazu geformt werden, von einer Art projizierten Kopie unseres "wahren ichs" zu handeln. 

In der Ausgabe diesen Monats haben wir einen Buchauszug aus der Biographie der amerikanischen Schriftstellerin und Regisseurin Susan Sontag. Ich fand diesen Text besonders spannend, da er illustriert, wie die Persönlichkeit eines Menschen durch bestimmte Kindheitserfahrungen sozusagen hergestellt wird.

Darüber hinaus haben wir auch einen Beitrag von Mohammed Saboor Nadeem, der die Rolle der Muslime in unserer immer wieder von islamistischen Anschlägen erschütterten Welt hinterfragt. Außerdem macht sich unser Kolumnist Nicolas Wolf einige Gedanken darüber, was die Entwicklung und Verteilung des Corona-Impfstoffes über unsere Gesellschaft aussagt.

Ich wünsche eine gesegnete Adventszeit und, wie immer, viel Freude beim Lesen!

Viele Grüße,
Olivia Haese
Chefredakteurin

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