Eine Frage des MILIEUs

"Sind Zeitungshoroskope Quatsch?"

15.06.2016 - Dr. Katja Furthmann

Ja und nein – je nachdem, aus welcher Perspektive man diese raffinierte Textsorte betrachtet. Aus sprachwissenschaftlicher Sicht jedenfalls ist klar: Die Sterne lügen nicht.

Wie wäre es als Antwort mit einem kleinen Horoskop: „Stier: Ein Problem brennt Ihnen schon seit Längerem auf der Seele. Versuchen Sie, die Dinge nicht so schwarz zu sehen. Wägen Sie genau ab, dann könnten Sie schon bald mehr Klarheit gewinnen.“ Oder vielleicht auch so: „Waage: Puh, Sie grübeln gerade recht viel, wollen den Dingen auf den Grund gehen. Neptun, Ihr kosmischer Helfer, ist an Ihrer Seite, weckt Ihr Interesse an spirituellen Themen. Hören Sie auf Ihre innere Stimme, sie flüstert Ihnen die Antwort schon zu.“ Oder, dritte Variante: „Löwe: Toll, dass Sie eine wichtige Frage endlich in Angriff nehmen. Bitten Sie ruhig jemanden um Rat – eine Hand wäscht die andere.“


Haben Sie’s gemerkt? Alle drei Texte treffen nicht nur auf die Chefredakteurin zu, die mich bat, einen Text über Sinn und Unsinn von Zeitungshoroskopen zu verfassen. Auch Sie selbst werden alle Aussagen auf sich beziehen können. Genau das macht Pressehoroskope zu einer so spannenden Textsorte – für die Sprach- und Medienwissenschaft, aber auch für die Soziologie und die Psychologie. Die Horoskope richten sich an ein heterogenes Massenpublikum und gleichzeitig an jeden einzelnen Leser. Die Aussagen müssen so gestrickt sein, dass sie auf alle und auf jeden zutreffen; wie im Großen, so im Kleinen, könnte man sagen. Ein schier unmögliches Unterfangen. Kein Wunder, dass diese Texte belächelt, als Unfug abgetan und als Verdummung kritisiert werden – übrigens auch von Astrologen. Aussagekraft habe schließlich nur ein individuelles Horoskop, das anhand von Datum, Uhrzeit und Ort der Geburt erstellt wurde; alles andere sei banale Vulgärastrologie, so ihr Urteil.


Ausgefeilt bis ins kleinste Detail


Aber halten wir uns doch ans obige Horoskop und sehen die Dinge nicht gleich so schwarz. Tatsächlich schlummert in den Horoskopen ja ein Sammelsurium an Gesetzen, das sie im Innersten zusammenhält. Bei der Wahl der Wörter, Sätze und Themen bleibt nichts dem Zufall überlassen, alles gehorcht dem regierenden Prinzip der Vagheit und Mehrdeutigkeit, der Allgemeinheit und des Sowohl-als-auch. „Omniscopus“ haben Edna Aphek und Yishai Tobin das in ihrer Untersuchung von Wahrsagesitzungen genannt. Schauen wir uns die eingangs geschriebenen Beispielhoroskope an: Substantive wie „Problem“, „Dinge“, „Frage“, „Themen“, „Intuition“ oder „Klarheit“ spannen sich wie ein Schirm über unzählige individuelle Situationen. „Jemand“ und anderen Indefinitpronomen haftet das Etikett „Bitte präzisiere mich!“ an; Modalverben im Konjunktiv („könnten“) lassen offen, ob ein Ereignis eintreten wird oder nicht. Jeder Leser darf selbst bestimmen, wo genau er seine Deutungen auf mitgedachten Skalen („seit Längerem“, „schon bald“, „nicht so schwarz“, „mehr Klarheit“) verortet. Alles ist relativ, dabei aber nicht farblos. Denn bildhafte Ausdrücke wie „brennt … auf der Seele“ wirken sehr anschaulich, ohne dabei auf etwas Konkretes Bezug zu nehmen. Hin und wieder scheint ein pseudowissenschaftliches Erklärungsmuster auf, wie hier der personifizierte Neptun, der das wohltuende Gefühl kosmischer Geborgenheit weckt. Universale Wahrheit begegnet uns im Horoskop auch in Gestalt von festen Redewendungen und Sprichwörtern („eine Hand wäscht die andere“). Der „Omniscopus“ zeigt sich nicht nur auf der sprachlichen, sondern auch auf der inhaltlichen Ebene: Stets schwingt der Rat mit, Extreme zu vermeiden und sich in allen Lebensbereichen angemessen, ja „zeit-gemäß“ zu verhalten, die richtige Balance zu finden. Theodor Adorno brandmarkte dies Anfang der 60er-Jahre als Strategie zur Erhaltung des gesellschaftlichen Status quo. In jedem Fall handelt es sich um einen Topos, mit dem man unendlich viele plausibel anmutende Aussagen ins Horoskoptext-Universum entsenden und maximale Abwechslung erreichen kann. Großzügig verteilen die Horoskopschreiber zudem Komplimente, nutzen jahreszeitliche Themen, Umfrageergebnisse und Informationen aus der Zielgruppenanalyse des jeweiligen Mediums. Kurzum: Horoskope bewerkstelligen den Spagat zwischen Massentauglichkeit und individuellem Stimmt-Effekt so geschickt, dass es nahezu unmöglich ist, sie zu widerlegen. Kognitive Prozesse tragen das Übrige dazu bei: Wir lesen meist nur das Horoskop für „unser“ Sternzeichen, die anderen elf Horoskoptexte nehmen wir nicht zur Kenntnis und ignorieren so, dass deren Aussagen genauso auf uns zutreffen. Ein Effekt, der in der Psychologie unter den Stichwörtern selektive Wahrnehmung und Barnum-Effekt beschrieben ist.


Sinnangebote, die vom Himmel fallen


Bleibt die Frage nach dem Warum. Was motiviert rund ein Drittel der Menschen dazu, Horoskope zu lesen, obgleich sie wissen, dass der Schreiber sie und ihre konkrete Lebenssituation gar nicht kennt? Hier kommt die Unterhaltungsfunktion ins Spiel – Ziel ist es nicht primär, zu informieren, sondern zu unterhalten: mit kurzen Sinnangeboten, die zu nichts verpflichten. Sie sorgen für einen scheinbar persönlichen Moment in einem anonymen Kontext. So wie ein Sudoku dazu animiert, die fehlenden Zahlen zu ergänzen, so ermuntert das Horoskop, kurz mal innezuhalten, die Leerstellen zu füllen und die Aussagen auf sich zu münzen, selbst wenn das „irrational“ erscheinen mag. Die meisten können gar nicht anders, als einen Blick drauf zu werfen, nur aus Spaß und Neugier. Umso schöner erscheint es dann, Bestätigung, Zuspruch, Trost oder Denkanstöße zu gewinnen. Horoskope stabilisieren damit den Kontakt zwischen Leser und Zeitschrift – und sind daher keineswegs so „unbrauchbar wie ausgefüllte Kreuzworträtsel“, wie Alexander von Schönburg in seinem „Lexikon der überflüssigen Dinge" meint.


Ob Zeitschriftenhoroskope nun Quatsch sind oder nicht, muss jeder für sich entscheiden. Die Horoskope lassen auch in dieser Hinsicht alles offen. Man kann sie lieben, man kann sie hassen, man kann sich darüber aufregen, an sie glauben, sie hinterfragen, darüber reflektieren oder sie einfach überblättern. Um in Horoskopsprache zu schließen: „Es eröffnen sich Ihnen viele Möglichkeiten. Wählen Sie mit Bedacht!“

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