Zugehörigkeit

So gleich–und doch so ganz anders

01.12.2021 - Daniela Ribitsch

Wir Menschen sind doch komische Geschöpfe. Furchtbar wählerisch. Und furchtbar pingelig beim Einteilen von Menschen: nämlich in die Menschen, die zu uns gehören dürfen, und die, die von uns abweichen und damit keinen Platz in unserer Gruppe finden. Dabei ist die Welt mitsamt ihren Menschen so bunt. Doch unsere unflexible Einteilung ignoriert leider viel zu oft diese unglaubliche Vielzahl an Farbschattierungen und verursacht dadurch viele eigentlich vermeidbare Konflikte und unnötigen Schmerz.

Basierend auf Hautfarbe, muttersprachlichem und fremdsprachlichem Akzent, Kleidung, Verhalten, Sichtweisen und Werten unterscheiden wir (bewusst und unbewusst) streng zwischen unserer Eigengruppe und jenen Personen, die unserer Gruppe nicht angehören und somit AußenseiterInnen sind. Innerhalb unserer Eigengruppe teilen wir körperliche und charakterliche Eigenschaften sowie Sichtweisen mit den anderen Gruppenmitgliedern; wir sind also gleich wie die anderen und fühlen uns daher akzeptiert und sicher. Die Konsequenz davon ist, dass wir tendenziell dazu neigen, eher den Mitgliedern unserer Eigengruppe zu helfen als AußenseiterInnen. Denn AußenseiterInnen sind so anders als wir und unsere Gepflogenheiten, und da wir diese Personen auch nicht wirklich kennenlernen wollen, führt das zu vielen Vorurteilen und Stereotypen. Doch, wie ich selbst immer wieder erfahre, ist es auch ganz, ganz einfach, innerhalb der Eigengruppe ein(e) AußenseiterIn zu sein. Das ist sogar erschreckend leicht. Denn auch innerhalb der Eigengruppe wird mit dem Maßstab des „Normalem“ gemessen. Dieses „Normale“ setzt sich aus „Normen“ etwa betreffend unserer Hautfarbe oder sexuellen Orientierung zusammen. Hier bestimmt der Großteil der Gruppe, welche Hautfarbe oder sexuelle Orientierung „normal“ ist. Der Großteil der Gruppe bestimmt zudem, welchen sozialen Gepflogenheiten wir folgen müssen, um „normal“ zu sein. Passen wir nun in dieses von der Gruppe angelegte  „Normenkleid“, so werden wir von den anderen Gruppenmitgliedern akzeptiert. Weichen wir aber davon ab, werden wir als AußenseiterInnen kategorisiert.

Auf den ersten Blick bin ich eine weiße Frau, etwas zart gebaut und mit mädchenhaften Zügen. Ehrlich gesagt habe ich mich in meinem ganzen Leben noch nie minderwertig behandelt gefühlt, weil ich eine Frau bin. Wegen meiner weißen Hautfarbe bekomme ich aber immer wieder komische Blicke und Kommentare. Ich mag meine weiße Haut mit den vielen Muttermalen sehr. Leider ist sie jedoch extrem empfindlich. Rötungen brauchen ewig, bis sie verschwinden, ich bekomme leicht einen Sonnenbrand und habe ein hohes Hautkrebsrisiko. Deswegen bin ich das Gegenteil von einer Sonnenanbeterin. Doch ironischerweise bin ich für die Mitglieder meiner weißen Eigengruppe zu weiß. Wie das sein kann? Weiße Menschen haben diese komische Mode entwickelt, sich zu bräunen, weil das so schick aussehen soll. Was natürlich ein Widerspruch in sich ist. Menschen mit dunkler Hautfarbe werden immer noch diskriminiert, aber weiße Menschen mit bronzefarbener Haut sind schick? Weiße Menschen finden das sogar so schick, dass sie sich in die glühende Sommersonne und auf die Sonnenbank legen, obwohl sie wissen, dass sie damit ihre Hautkrebschancen um ein Vielfaches erhöhen, ihre Haut immens schädigen und den Alterungsprozess beschleunigen. Aber weil gebräunte Haut ein Schönheitsideal ist, wollen sie den Schaden, den sie ihrer Haut damit zufügen, gar nicht sehen. Sie sind „absichtlich blind“. Ich für meinen Teil habe allerdings beschlossen, dass ich meine Haut so gut es geht schützen will. Also habe ich auch im Sommer „kasige Füße“, wie die Leute meine Beine beschreiben, und steche somit heraus. Und ziehe damit komische Blicke auf mich. Und manchmal auch Kommentare. Einmal wurde ich beispielsweise gefragt: „Bist du in die Milchkammer gefallen? Ha ha ha!“

Im Sommer leide ich. Damit meine ich nicht die Blicke oder Kommentare. Ich meine die viel zu heiße Sonne. Ich bin ein Winterkind und fühle mich in der Hitze alles andere als wohl. In China habe ich mir daher den wundervollen Brauch mit dem Sonnenschirm abgeschaut. Als ich auf dem riesigen Tian’anmen-Platz mit meinem Sonnenhut und dem Schirm in der Hand stand, berührte mich plötzlich die Hand einer jungen Chinesin an der Schulter, und sie bat mich, sie und ihre Freundinnen zu fotografieren. Als ich mich umdrehte, wich sie erschrocken zurück. Sie hatte mich wegen meines Schirms für eine Chinesin gehalten. Was für eine wunderschöne Verwechslung! Ich versicherte ihr, dass ich sie und ihre Freundinnen auch als Nicht-Chinesin gerne fotografieren könnte, und sie reichte mir nach kurzem Zögern ihre Kamera.

Zurück in der westlichen Gesellschaft konnte ich natürlich in meiner Eigengruppe unmöglich als Weiße mit einem Sonnenschirm im Sommer herumspazieren. Oder vielleicht doch? Mein Mann kaufte mir einen silbernen Schirm mit UV-Schutz, der wie ein Regenschirm aussieht und auch als solcher verwendet werden kann. Wenn es keinen Schatten gibt, spanne ich ihn auf. Anfangs musterten die Leute mich kritisch. Jetzt scheinen sie es nicht mehr zu tun, oder ich habe mich mittlerweile daran gewöhnt. Aber freilich steche ich trotzdem heraus, denn ich bin meistens die Einzige mit einem Schirm gegen die Sonne. Manchmal zieht der Schirm auch Kommentare an. Beispielsweise am Samstagsmarkt im norditalienischen Badeort Caorle. Zwischen Ständen mit Lederjacken, Kleidung, Schuhen, Modellautos, Uhren, elektrischen Geräten und allerlei anderem Kram sagte ein italienischer Verkäufer in gebrochenem Deutsch: „Es regnet nicht. Für was brauchen Sie einen Regenschirm?“ Ich erklärte ihm, dass es sich um einen Schutz gegen die Sonne handelte. Er jedoch schüttelte den Kopf, sah mich an, als hätte ich nicht alle Tassen im Schrank, und wiederholte: „Es regnet nicht.“ Die ganze Zeit über saß er allerdings in seinem Campingsessel unter dem Dach seines Zeltes - im Schatten…

In China verwandelte mich der Sonnenschirm einen Moment lang in eine Chinesin. Als Volksschulkind waren es meine Augen, für die ich genauso wenig etwas kann wie für meine zu weiße Haut. Ich finde meine Augen total okay. Aber es stimmt schon: Wenn ich lache, dann zwicke ich sie ganz eng zusammen und sie werden richtig schmal und mandelförmig. Auf Fotos muss ich mich immer extra anstrengen und sie beim Lachen so weit wie möglich öffnen, damit sie nicht ganz verschwinden. Und genau deshalb, weil meine Augen so schmal und mandelförmig werden, nannten mich andere Kinder meiner weißen Eigengruppe „Chinesin“. Sie meinten das nicht als Kompliment. Heute würde ich mich aber darüber freuen, denn ich habe viele liebe ChinesInnen in meinem Leben kennenlernen dürfen und ich mag das Land und seine Menschen sehr. Komisch finde ich es aber schon, dass manche Kinder so sehr mit meinen Augen beschäftigt waren. Und ebenso komisch ist es, dass meine Augen anscheinend doch nicht „chinesisch“ genug sind, um mit meinem Sonnenschirm in der westlichen Welt kommentarlos durchzugehen…

Eine Außenseiterin bin ich irgendwie schon mein ganzes Leben lang. Ich rede nicht gerne und bin das komplette Gegenteil einer geselligen Person. Das macht mich für viele Menschen langweilig. Hinzu kommt außerdem, dass mir kein Alkohol schmeckt. Das macht mich dann doppelt so langweilig, weil ich mit Tee oder Mineralwasser statt mit Alkohol anstoßen möchte. Es gibt immer wieder Leute, die gerne sagen: „Sei doch nicht so langweilig, trink doch auch ein Glas.“ Ich zerbreche mir bis heute den Kopf darüber, warum ich Alkohol trinken muss, um interessant zu sein…

Vor einigen Jahren ging meine damals beste Freundin mit ihren KollegInnen in die Oper. Sie erzählte mir, dass alle danach, so um 23:00 Uhr herum, noch in einem Lokal einkehrten. Der Neuzugang in der Kollegschaft allerdings sei, so sagte sie, „total fad gewesen“. Er wollte weder ein ordentliches Essen bestellen noch Alkohol trinken. „So was von komisch ist der“, schloss sie ihren Bericht. Warum eigentlich? Warum ist er komisch? Nur weil er um 23:00 Uhr keinen Teller voller Essen bestellen und keinen Alkohol trinken möchte? Leitet sich daraus wirklich ab, dass er ein langweiliger Mensch mit schlechtem Charakter ist? Es ist schon komisch, an welchen Kleinigkeiten sich die Menschen doch stoßen…

Es ist wirklich so einfach, in der Eigengruppe als „abnormal“ herauszustechen. Wenn du der/die Einzige bist, der/die nicht mitmacht. Dabei sollte es doch vollkommen egal sein, dass ich keinen Alkohol trinken und nicht schlemmen will und lieber zuhöre als rede. Natürlich steche ich heutzutage noch mehr heraus, weil ich nicht nur keinen Alkohol trinke und nicht nur nicht gerne rede, sondern weil ich auch vegan lebe. Als ich vor einer Weile bei einem Familientreffen in einem Vergnügungspark war, war ich die Einzige, die kein Eis, keine Schokolade und keinen Hotdog aß. Schön langweilig, nicht wahr? Doch im Grunde sagt mein Herausstechen absolut gar nichts darüber aus, ob ich nett und vertrauenswürdig bin, hilfsbereit und offenherzig, ob ich gute Ratschläge geben und zuhören kann.

Der Wunsch, dazuzugehören, ist tief in uns verwurzelt. Wir sind soziale Geschöpfe und wir wollen dazugehören. Manche von uns wollen es mehr als andere. Ich will es nicht so sehr, weil ich mich alleine viel wohler fühle. Aber viele Menschen wollen dazugehören, und das wird ihnen gar nicht leicht gemacht. Zu viele Menschen haben eine bestimmte Vorstellung davon, wie die anderen Gruppenmitglieder sein müssen. So und nicht anders. Und das ist sehr traurig. Sehr traurig, weil die Welt von Natur aus bunt und vielfältig ist. Wir müssen nicht jede(n) und alles mögen. Natürlich nicht. Und wir alle haben neben verschiedenen Stärken auch verschiedene Schwächen. Aber ob eine Person nun eine dunkle oder sehr weiße Hautfarbe hat, große oder kleine Augen, einen Schirm gegen die Sonne verwendet oder nicht, Alkohol trinkt oder nicht, hat keinerlei Aussagekraft über den Charakter dieser Person. Statt uns also an solch oberflächlichen Kleinigkeiten zu stoßen, sollten wir lieber unsere „Normen“ überdenken. Denn alles, was am Ende zählt, ist doch, dass die Person nett, freundlich, mitfühlend, warmherzig, ehrlich und respektvoll ist.

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