Eine Frage des MILIEUs

"Soll man seinen Feinden verzeihen?"

01.01.2021 - Dr. Martin Grabe

Ob Christentum, Islam, Buddhismus: Viele spirituelle Lehren betonen die Wichtigkeit der Vergebung. Aber ist das Verzeihen auch von einer psychologischen Perspektive aus betrachtet sinnvoll? Kann es tatsächlich zur eigenen Heilung beitragen? Wir haben Psychotherapeuten und Psychiater Dr. Martin Grabe gefragt: Sollen wir denen vergeben, die uns Leid zugefügt haben?

Nein. Eher nicht.

Das Wort „sollen“ ist in diesem Zusammenhang schon oft der Grund für Fehlversuche und langfristige Blockaden gewesen. Vor allem dann, wenn Menschen mit hohem moralischem Anspruch versuchen, eine „Vergebung“ gegen ihre eigenen Gefühle durchzusetzen. Oft ist der Anlass dafür auch ein Druck von außen, ein Gruppendruck – sei es im Verein, in der Politik oder in der Kirchengemeinde.

Allerdings darf man seinen Feinden verzeihen. Und – das ist meine Überzeugung – man kann in diesem Bereich viel lernen, um letztlich leichter durchs Leben zu gehen.

In Psychotherapien zeigt sich immer wieder, welch zentrales Thema unaufgearbeitete alte und neue Verletzungen durch andere Personen sind. Bei Kränkungen, die Menschen erfahren, lässt sich häufig beobachten, dass die anfängliche, eigentliche Verletzung nur einen Bruchteil der emotionalen Belastung ausmacht, die sie später insgesamt für die Betroffenen bedeutet. Eine viel stärkere Rolle spielt der innere Prozess, der sich an die Verletzung anschließt. Die Situation wird immer wieder nacherlebt, meist unter dem Vorzeichen, wie ein Mensch denn besser, schlagfertiger, aggressiver hätte reagieren können. Hinzu kommen Hass- und Rachefantasien. Viel Lebenszeit wird stressig und negativ verbracht.

Der Ausweg aus diesem Negativkreislauf ist das Verzeihen. Verzeihen heißt: Ich wechsele vom immer auch quälenden Modus "Ich bin im Recht und muss dieses mein Recht irgendwie und irgendwann noch bekommen!" in den Vergebungsmodus, und das heißt: "Ich lasse los – es ist alles in Ordnung jetzt". Wo das gelingt, ist auf einmal mein innerer Friede wieder hergestellt. Ich kann meine Energie für mein jetziges Leben einsetzen, kann es freundlich und kreativ gestalten – anstatt immer wieder die Vergangenheit nachzuerleben und mich in finsteren Gedankenspiralen zu bewegen. Vergebung ist eine essentielle Lebenskunst. Aber wie kann Vergebung gelingen? Wie kann man sich ihr annähern? Es gibt dazu prinzipiell drei Wege: das Verstehen, die Relativierung und die Delegation.


Verstehen

In Bezug auf Vergebung geht es nicht um den objektiven Schaden, der uns zugefügt wurde. Vielmehr geht es um das Gefühl, das in uns zurückbleibt. Entscheidend ist, ob wir zumindest ansatzweise verstehen können, was da passiert ist, oder ob wir es im Extremfall für „reine Bosheit“ halten.

Um dieses Verstehen können wir uns aktiv bemühen. Langjährige Freundschaften und Partnerschaften leben davon, dass beide das immer wieder tun, immer wieder diese Energie einsetzen. Es gilt aber wie immer in der Vergebung: dieser Einsatz ist freiwillig. Niemand kann uns zwingen, uns zu bemühen. Allerdings ist die Belohnung groß: gelingende Beziehungen.

Wenn wir uns im Fall einer schweren Kränkung um Verstehen bemühen, merken wir, wie das Konstrukt „Feind“ zu bröckeln beginnt. Der Andere ist nicht nur bösartig, nur gierig, nur rücksichtslos. Vielleicht hat er auch solche Anteile an sich. Aber auch andere. Wenn wir seine Motive, seine Geschichte, seine Ängste beginnen zu verstehen, dann wird er immer mehr zum Mitmenschen. Einem wie uns. Dort, wo wir das Gespräch suchen, wo das Gespräch möglich ist, lernen wir auch mehr darüber, wo wir selbst verletzt haben – oft ohne es recht zu wissen. Die Hürde zur Vergebung wird kleiner. Es geht gar nicht mehr darum, einem „Feind“ zu verzeihen, sondern die Beziehung von zwei – manchmal ganz schön komplizierten – Menschen zu regulieren.

Relativierung

Damit ist gemeint, dass Menschen, die verletzt wurden, sich daran erinnern, dass sie sich auch schon manchen Patzer geleistet haben. Das Vergeben fällt dann leichter. Das Problem ist allerdings, dass uns dieses Bewusstsein sehr oft fehlt. Wir können es gar nicht fassen, wie andere so rücksichtslos, so dumm, so faul sein können. Relativierung gelingt immer dann besonders gut, wenn wir uns gerade selbst darüber klar werden mussten, ebenfalls fehlbare Menschen zu sein. Wer z. B. gerade einen wichtigen Konferenztermin völlig vergessen hat, wird für eine Weile gnädiger mit zu spät kommenden Kollegen sein. Aber die zur Relativierung notwendige Einsicht findet nicht nur auf diese unfreiwillige Weise statt. Nachdenken, mir Zeit zu nehmen, um mehr Klarheit über mich selbst zu gewinnen, ist ein freiwilliger und besserer Weg.


Delegation

Menschen, die von wirklich schweren Kränkungen und Verletzungen getroffen sind, stehen oft die Wege des Verstehens und der Relativierung nicht zur Verfügung. Es ist einfach zu heftig, was da immer wieder aus der Erinnerung hochkommt.

Für Menschen, die im weitesten Sinne einen Zugang zur Religiosität haben – das ist religionsübergreifend immerhin mehr als die Hälfte unserer Bevölkerung – gibt es auf der spirituellen Ebene eine weitere Möglichkeit, zu einer Vergebung zu kommen. Wir erleben in der Klinik immer wieder, wie für Menschen mit traumatischen Erlebnissen, die gar nicht besonders religiös oder kirchenaffin sind, doch dieser Weg gangbar ist und große Erleichterung bringen kann.

Delegation auf der spirituellen Ebene bedeutet: die ganze Rechtsache an Gott abgeben. Mit allen Rechten und Pflichten. Das ist ein echter Glaubensschritt. Denn es bedeutet, Gott eine größere Gerechtigkeit und größere Übersicht zuzutrauen als mir selbst. Es geht nicht darum, ihm vorzuschreiben, was er mit dem Täter machen soll. Stattdessen geht es um das Vertrauen, dass er es – wie auch immer – richtig machen wird.

Es geht auch nicht etwa darum, den Täter anschließend wieder gern zu haben. Es geht stattdessen darum, den Täter nicht weiter zu hassen, sondern loszulassen und abzugeben. Hass ist eine sehr feste Kette seelischer Verbindung. Ähnlich fest wie die Liebe.

Wenn ein Mensch es schafft, seine Rechtssache zu delegieren, dann ist diese Kette endlich gekappt. Auf einmal steht ihm seine Energie für bessere Dinge zur Verfügung als für düsteres Gedankenkreisen. Er kann sich mit Fantasie und Liebe darum kümmern, dass sein Leben eine gute Gestalt bekommt.

 

Mehr zum Thema können Sie lesen in:
Martin Grabe: Lebenskunst Vergebung – Befreiender Umgang mit Verletzungen.

 

Dr. med. Martin Grabe, Psychiater und Psychotherapeut, ist Chefarzt der Psychotherapeutischen Abteilung und Ärztlicher Direktor der Klinik Hohe Mark in Oberursel. Gleichzeitig engagiert er sich als Vorsitzender der Akademie für Psychotherapie und Seelsorge (APS). Lehraufträge in Masterstudiengängen im Fach "Praktische Theologie". Bücher u. a.: „Die Alltagsfalle“, „Wege aus der Trauer“, „Zeitkrankheit Burnout“ und „Wie funktioniert Psychotherapie?“ Martin Grabe ist verheiratet, hat vier Kinder und lebt in Kronberg/Taunus.

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