Kurzgeschichte

Sommersehnsucht

15.02.2014 - Nasreen Ahmadi

Da saß ich nun in der Bahnhofshalle und wartete. Das Gefühl und die Kontrolle über die Zeit, hatte ich schon lange verloren. Gedankenlos schaute ich immer wieder auf die Uhr und wusste nach kurzer Zeit wieder nicht, wie spät es war. Mit den Kopfhörern in den Ohren beobachte ich die Menschen um mich herum. Wie sie an den Gleisen standen. Wie sie am Bahnhof, dem Ort des Verlassens, aber auch der Heimkehr auf ihre Freunde, Verwandten und den Zug warteten oder selber einfach nur fort wollten. Fort aus dieser Stadt.

Die Menschen schleppten und zerrten an ihren Koffern und Taschen. Durch die Bahnhofshalle wehte ein frostiger Wind. Es war sehr kalt. Kalt und nass. Meine Zehen spürte ich schon fast nicht mehr. In meinem Schuhe bewegte ich sie immer wieder hin und her. Ich hätte mir anderen Schuhe anziehen sollen oder wenigstens dickere Socken, stellte ich fest. Doch woher sollte ich wissen, dass ich so lange warten musste.


Ich zog meinen Schal höher, bis man nur noch meine Augen sah. Meinen blumig, orientalischen Duft, welchen ich auf der Innenseite meines Schals versprüht hatte, konnte ich so besser riechen. Mit dem Duft, war die Flucht aus dem Alltag im Handumdrehen möglich. Ich machte kurz die Augen zu und war plötzlich an einem anderen Ort. Träumte von einer verwunschenen, grünen Landschaft: Bitterorangenbäume, Zitronenbäume, Feigenbäume, von einem, in der Sonne schillernden Fluss...

Wie sehr ich den Sommer doch vermisste. Ich mochte ihn sehr. Liebte es zu sehen, wie im Garten die Rosen in wundervoller Pracht blühten. Wie die Schmetterlinge verträumt durch die Blumenwiesen taumelten und die Maikäfer langsam in die Blüten krochen. Jedes Mal wenn ich über den Sommer sprach, warfen mir meine Freunde vor, dass ich eine Romantikerin sei. Eine Romantikerin war ich nicht, aber eine verliebte Blumenliebhaberin. Wie herrlich schön der letzte Sommer doch war.  Es verging kein Tag, an dem ich nicht an ihn dachte.

An die lauten und warmen Nächte auf der Teerasse. Die hitzigen Diskussionen über das Leben, das Glück und die Freude. Die leisen Gespräche über die Vergangenheit, über die Religion und die Liebe. Die amüsanten Dialoge über skurrile Situationen, die bis in die erfrischenden Morgenstunden gingen. Sanft und frisch wehte der kühle Sommerwind. Die Luft fühlte sich auf der Haut wie Seide an. Und wenn wir uns mal nichts zu sagen hatten, hörten wir dem Atem in der Stille und der flüsternden Natur zu. In einem geheimen Klang streifte der Wind das Grün. „Wenn er sanft die Blätter berührte, säuselte der Wind...“ . Ganz mild fächerte er uns die Düfte zu. Die Sterne funkelten fern und wirkten doch so groß.

Die prächtigen Sommernächte sorgten dafür, dass wir oft über das Glück und das Glücklichsein sprachen und uns damit auseinander setzten. An die Gespräche erinnere ich mich besonders oft. In den Augenblicken der Freude stellten wir oft fest, dass die Welt des Glücklichen anders ist, als die Welt des Unglücklichen. Dass alle Menschen von Natur aus, unaufhaltsam nach Glück streben. Ich fragte mich, woran es liegt, dass wir den Menschen nicht befehlen, oder gar auffordern, glücklich zu sein und warum wir immer Wünsche zu sprechen pflegen. Als Antwort bekam ich, dass das Glück nicht durch einen einfachen Willensakt und Entschluss auf eine Aufforderung hin eingestellt und bewirkt werden kann. Dass Glück nicht direkt intendiert werden kann, sondern aus seiner Natur heraus, nur eine Nebenfolge ist. Hieße das auch, dass wir für unser Glücklichsein nichts tun können? Die ganze Nacht stellten wir uns die Fragen, ob Glück ein Gemütszustand ist, bzw., ob es überhaupt ein Zustand sei. Und falls es kein Zustand ist, was es dann wäre? Ob es vielleicht doch nur eine Tätigkeit ist? Oder ob es vielleicht weder das eine, noch das andere und nur ein Illusion, ein Traum ist? Kurz bevor der Himmel in einem zart rosafarbenen Ton erleuchtete, kamen wir zu dem Entschluss, dass
einzelne Ergebnisse, Glückszufälle nicht erzwungen werden können.
Beispielsweise, dass wir für das Glückserlebnis einen guten Geist brauchen, der uns innerlich erfüllt und das Talent und den Charakter besitzen soll, der die günstigen Fügungen im Leben erkennt und wahrnimmt. Dass der Intellekt des Geistes eine zentrale Rolle im Leben spielt und dass wir ihn schätzen müssen. Doch wie hoch? Um glücklich zu leben, bräuchten wir auch andere menschliche Eigenschaften, wie Fröhlichkeit, Unbeschwertheit, Gemütlichkeit, Zufriedenheit und Toleranz gegenüber den anderen. Aber auch eine gelassene Distanz zu sich und den Dingen der Welt, trugen wir in dieser Nacht zusammen. Eine Weile schwiegen wir, bis die Stille mit der Frage, was für mich das Glück sei, gebrochen wurde. Mit dieser Frage hatte ich nicht mehr gerechnet und ich musste in meinem müden, aber zufriedenen Zustand, einen Moment überlegen, denn ich wollte nichts Falsches sagen. Dabei schaute ich zum Himmel hoch und bemerkte, dass der Tag schon fast angebrochen war. „Was das Glück für mich sei,“ wiederholte ich langsam aber laut. „Glück sei für mich eine warme Hand zu halten, die Sonne auf meiner Haut zu spüren, den azurblauen Himmel zu sehen, im kalten Gras zu liegen und für einige Sekunden die Welt und den Moment vollkommen zu fühlen,“ sagte ich. „Jetzt möchte ich aber auch wissen, was das Glück für dich bedeutet,“ fragte ich.


„Glück ist für mich, sich glücklich zu fühlen, auch ohne das Glück. Dabei ist es wichtig zu wissen, wie man sich zu den Situationen und zu dem Lauf der Dinge mit seinem Herzen, seinem Geist und seinem Verstand verhält,“ hörte ich sagen. „So gesehen gibt es dann aber auch für dich kein schlechtes Wetter,“  bemerkte ich. „Nein, es gibt nur falsche Kleidung“, erwiderte man mir amüsiert zurück. Auch ich musste kurz lachen.


Dann schaute ich wieder hoch, lief langsam zum Geländer und flüstere, dass wir vielleicht nicht direkt Einfluss auf das Glück haben, doch auf negativem Weg kann etwas verhindert werden. „So wie du es gesagt hast. Dass wir aus der Situation, das Beste machen müssen. Wir sollten aufhören, nur Dinge zu verlangen, sondern, mit dem, was geschehen ist, zufrieden sein.“ „ Stimmt!“ ,hörte ich aus der Ferne. „Du solltest wissen, dass Glücklichsein eine Lebenszufriedenheit ist. Diese Lebenszufriedenheit entwickelt sich im Laufe des Lebens. Wenn man sie erreicht hat, dann ruht die Seele. Dann hat der Geist es geschafft den edlen Frieden und die Meeresstille zu erreichen.“ Über die Worte dachte ich einen Moment nach... Da es sehr spät war, verabschiedete ich mich an dieser Stelle und taumelte das Geländer entlang zur Tür.  

Das laute Hereinfahren einen Zuges riss mich aus meinen Gedanken. Die Sehnsucht kommt doch oft in verschiedenen Gestalten und meist zu den unbedeutendsten Stunden. Ich fragte mich kurz, ob ich mich nach der Vergangenheit sehnte, oder ob es die Vorfreude auf den kommenden Sommer war. Ich wusste es nicht. Doch immer wenn ich von den sorglosen Sommertagen träumte, verursachte dieser vor allem eins:
Hunger auf Kirschen! Diese jetzt noch zu dieser späten Abendstunde zu bekommen, würde sich als schwierig gestalten. Wie spät war es und wann kommt endlich dieser blöde Zug?, fragte ich mich. Ich nahm die Kopfhörer aus dem Ohr und hörte die Ansage, dass der Zug gleich hineinfahren würde. Ich stand auf und lief eilig und voller Freude zum Gleis. Fast den halben Tag hatte ich darauf gewartet. Endlich wurde dem Sehnen ein Ende gesetzt.

Doch ich hatte mich zu früh gefreut. Wieder stand ich alleine da. Alle Menschen waren schon ausgestiegen und bei ihren Familien. Als mir der Schaffner entgegenlief, vergewisserte ich mich noch einmal, ob der Zug denn leer sei. Und das war er leider. Unglück und Glück dürfen sich auf unseren Bahnhöfen zu Hause fühlen. Man weiß nie genau, wann sie kommen oder gehen.

 

 

 

 

Foto: © bmward_2000

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