Kurzgeschichte

Soweit die Füße treten

01.02.2014 - Theresa Kirsten

Du brauchst weniger, als du glaubst - Es ist hell geworden. Ich ziehe den Reißverschluss herunter und krieche aus dem Zelt. Kurze Morgentoilette im Gebüsch, Katzenwäsche am Flussufer. Dann sammle ich Handtuch und Kleidung zusammen und stopfe sie in die Fahrradtasche. Das Bestreben meine Sachen zusammenzulegen verflog mit der Zeit. Jetzt stopfe ich sie nur noch in die Tasche.

Hier draußen in der Pampa  sind Äußerlichkeiten von keiner Bedeutung. Es ist egal, wenn die Kleidung zerknittert, solang sie nur ihren Nutzen erfüllt. Wie das allmorgendliche Zähneputzen, ist nun auch das Zeltabbauen Teil meiner Routine. Ich schüttle den Morgentau von der Zeltplane, lege sie kurz in die Sonne zu trocknen, währendes ich schnell noch die Karte studiere. Heute verlasse ich den Oder-Neiße-Radweg und biege in die Uckermark. Bei Stolpe, einem kleinem Ort, der mich im Namen an meine Heimatstadt Stolpen erinnert, werde ich nach Westen radeln.

 

Es ist immer das Gleiche. Abends die Tasche vom Rad abschnüren. Im Halbdunkel das Zelt aufbauen, Isomatte und Schlafsack ausrollen, um müde in eine barmherzige Ohnmacht zu fallen. Jeden Morgen sammle ich meinen Kram zusammen, und jedes Mal scheint mir das eine schiere Ewigkeit zu dauern. Der Glaube, ich könne in diesem Urlaub einen 600-Seiten Wälzer lesen, war reichlich selbstbewusst. Ein älterer Radurlauber erzählte mir vor zwei Tagen, er nehme sich nie Bücher mit. „Wenn du lang genug unterwegs bist, denkst du irgendwann nicht mehr. Du bist frei.“, hatte er erklärt.

 

Kein abendliches sich Ablenken? Kein Lesen um müde zu werden, sich mit erfundenen Geschichten zu unterhalten? Einfach nur Nacht und das Zirpen von Grillen. Er hatte das mit einer solchen Ruhe gesagt und mir dabei tief in die Augen geblickt, dass mir kein Zweifel darin bestand, der Mann wüsste nicht, wovon er spräche.

Willkommen und Abschied.

Es ist stürmisch geworden. Ich schalte einen Gang runter, unwissentlich dessen, dass mich mein Weg heut noch an die Grenzen meiner Belastbarkeit führen würde. Ich muss mir die Kräfte einteilen, auch mein Wasser. Zwei Tage zuvor traf ich Bernhardt in einem Biergarten. Ein Schweizer in den mittleren 50ern. „Er seie bereits in der Schweiz gestartet, habe nun noch geplant, die Oder nach Polen zu überqueren, um von da ab mit einem Schiff Richtung Skandinavien zu fahren.“ „Zeltplätze wären da rar.“, erklärte er. Im Wald wolle er kampieren, sich einen 3-Literbottich mit Wasser besorgen, weil es in Polen doch nur diese gibt. Mein kleiner Urlaub im sicheren Gefilde entlang der Oder erschien mir plötzlich bequemlich und einfach. Aber eine Frau, die ihr Ein-Mann-Zelt einsam und allein irgendwo in der freien Natur aufschlüge, solle sich in Acht nehmen. „Das wäre quasi eine Einladung.“, hatte mir der Bernhardt noch auf den Weg gegeben.

 

Doch ob wildcampen oder Herberge, es bleibt ein Abendteuer, bei dem sich plötzlich Türen öffnen und Gedanken zum Vorschein bringen, die man längst vergessen glaubte. Ähnliche Erfahrungen bestätigten mir Menschen, mit denen ich bei einer Rast, im Biergarten oder abends am Zeltplatz ins Gespräch kam. Es ist so. In den ersten Tagen denkt man viel nach. Man mag alles klären, was in sich ruht. Dann sind es irgendwann nur noch die Beobachtungen. Das Moment, was gerade geschieht. Man will alles aufschreiben und in eine Geschichte packen. Doch irgendwann, wird auch das hinfällig. Man ist nur noch Teil und bewegt sich frei wohin auch immer es einen gerade zieht.

Vorbei am Biosphärenreservat Unteres Odertal fährt man über einen schmalen Weg, links und rechts umgeben von Wasser. Lange Strecken der Einsamkeit. Ich und mein Rad, mein Rad und ich und kein Dorf, das da kommen mag. Nach ca. 2 Stunden begegnet mir ein erster Radfahrer. Ebenfalls allein. Wir lächeln uns zu.

 

Kurz vor Stolpe setze ich mich noch einmal ans Flussufer. Es ist ein kleiner Abschied, von meinem langtägigen Wegbegleiter. Ich lasse die bisherige Route Revue passieren. Der Tag im Zisterzienserkloster Neuzelle, die Nacht auf der Wiese im Vorgarten eines Fremden. Der kostenlose Besuch im Kleist-Museum Frankfurt-Oder. Der Tag an dem ich mich furchtbar verfahren hatte, von einem Einheimischen auf den richtigen Weg geführt wurde und 2 Stunden lang dessen Weltsicht erklärt bekam. Und schließlich die Einladung Bernhardts zum Lübzer-Bier.

 

Jährlich lockt der Oder-Neiße-Radweg Hunderte Naturbegeisterte, wie Radsportler, Kanufahrer oder Wanderlustige an. Ob mit Zelt und Schlafsack, oder von Herberge zu Herberge, für jeden Typ findet sich eine Reisevariante. Einmal begegnete mir ein über 80-jähriges Ehepaar. Die waren seit einer Woche mit den Rädern unterwegs. Schliefen in Hotels und verzichteten auf die schwere Last am Rad. Tolle Begegnungen ergeben sich. Man spricht und dann ist immer wieder Abschied.

 

Es ist nicht nur die Lust am Radfahren, die die Menschen an diesen Fluss zieht. Unberührtes Land, 457 km weit. Im Naturschutzgebiet Unteres Odertal begegneten mir Seeadler, Fischotter und Haubentaucher. Hier soll es übrigens die größte Brutkolonie der Trauerseeschwalbe geben. Schnell fällt mir auch die Flaumeiche ins Auge, die ihren Namen, den samtigen Blättern verdankt. Bekannte hatten mich im Voraus auf diese seltene Eichenart aufmerksam gemacht.

 

Für mich ist es die erste Auszeit nach einem Jahr harter Arbeit in 3 verschiedenen Jobs. Automatismen, Wechsel von Nacht- zu Frühschicht, Handgriffe, die im Akkord passierten, und meinem limbischen System die Zeit für Gedanken raubten, um diese gleichermaßen, kurz vorm Schlafengehen alle auf einmal auszuschütten.

 

Auf Rast erzählt mir eine Dame mit Hund, dass sie regelmäßig am Fluss spazieren geht. „Den Luxus gönn ich mir.“, verrät sie, als wär es ein Geheimnis.
Bevor ich den Fluss verlasse und meine Reise in die Uckermark fortsetze, streife ich mir einen Pulli über. Der Nachmittag ist spät und ich freue mich auf den Zeltplatz Angermünde, der in meiner Fahrradkarte als Geheimtipp verzeichnet ist.

 

Bis dahin fahre ich, soweit die Füße treten.

 

 

 

Foto: © Christiaan Triebert

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