Buchauszug

Soziale Netzwerke und rechtspolitische Sprache

01.07.2018 - Frederik Weinert

Immer wieder warnen die Medien und So_warnen Hersteller vor gefährlichen Viren, die unser Computersystem angreifen könnten. Aus Angst kaufen wir teure Anti- Viren-Programme, um die Schadsofware galant auszutricksen. Der Begriff Virus kommt aus der Medizin. Bei einem Computervirus passiert eigentlich dasselbe wie beim Menschen. Ein Programm wird in das System eingeschleust. Dort richtet es von innen her Schaden an. Bekommt ein Mensch plötzlich Fieber, weiß er, dass etwas nicht stimmt. Vielleicht ist es die Grippe oder gar ein Zeckenbiss. Ein guter Arzt weiß Rat und hilft. Bei einem Computer merkt das der Laie oft nicht sofort. Meistens läuft der Computer langsamer als gewohnt. Mit etwas Glück reagiert das Anti-Viren-Programm mit einem Alarmsignal. Fieberthermometer und Schutzsoftware liefern rationale Fakten, wenn mit dem System etwas nicht stimmt. Das ist praktisch und gibt Sicherheit – quasi schwarz auf weiß. Doch was ist, wenn sich ein mentaler Virus in unser Gehirn frisst und für immer einpflanzt?

In der Leistungsgesellschaft von heute sind es meist die handfesten Dinge, vor denen die Menschen Respekt haben. Viel Geld, teure Mode und schöne Autos als Schmuck – das macht Eindruck. Die Macht der sprachlichen Kommunikation wird dabei außer Acht gelassen, obwohl sich der komplette Alltag kommunikativ abspielt: verbal, nonverbal und paraverbal. Sprachliche Manipulation ist meist nicht sofort zu erkennen. Sie zeigt sich erst dann, wenn wir Dinge tun, die uns eigentlich nicht guttun. Manche wachen nach Tagen oder Wochen auf, andere erst nach Jahren oder Jahrzehnten.

Sozialer Druck und Schuldgefühle sorgen dafür, dass sich die eigene Persönlichkeit schrittweise verändert. Das hat wohl jeder schon einmal erlebt – wenngleich auch in abgespeckter Form. Die sprichwörtliche rosarote Brille kann das Leben schöner machen, doch sie blendet auch Alarmsignale aus. Noch gefährlicher ist die „völkische Nazibrille“. Blickt man nämlich durch sie, wird die Welt immer einfacher – so glaubt man es zumindest. Die regierenden Politiker und Flüchtlinge sind die Bösen. Dass das Gemauschel in der AfD genauso heftig ist, wird da mal schnell ausgeblendet. Denn die Gehirnwäsche hat schon begonnen und ist beinahe abgeschlossen.

Virales Marketing

Der Begriff Virus ist negativ behaftet, weil ein Virus meist Schaden anrichtet. Bei Computerviren unterstellen wir dem Absender sogar böse Absichten. Wenn sich digitale Botschaften allerdings rasch wie ein Virus in den sozialen Medien verbreiten, gilt das als Geniestreich. Das nennt sich dann virales Marketing. Das Ziel ist es, dass die Internetuser die digitalen Botschaften aus eigenem Antrieb weiterverbreiten. Ein gutes Beispiel für virales Marketing ist das Edeka-Video #heimkommen mit dem alten Opa, der Weihnachten ganz alleine feiern muss. Erst als er vorgibt, tot zu sein, reist die komplette Familie an. 60_Millionen Klicks hat das Video auf YouTube mittlerweile.

Das Erfolgsgeheimnis: Der Spot ist sehr emotional. Die User verbreiten den Spot deshalb weiter, weil er zum Nachdenken anregt. Durch Mundpropaganda erhöht sich die Authentizität der digitalen Botschaften. Denn wenn uns Freunde und Verwandte das Video schicken, schauen wir es mit großer Aufmerksamkeit an. Virales Marketing hat nicht den Anschein einer typischen Werbekampagne, sondern vermittelt einen Mehrwert für den User.

Das erklärt, warum so viele lustige und schockierende Videos auf Facebook viral gehen. Die User fühlen sich unterhalten. Das Verschicken solcher Videos ist auch ein Teil der medialen Selbstinszenierung. Wer angesagte digitale Botschaften verbreitet, erntet Anerkennung. Likes und viele digitale Freunde sind die Währung der sozialen Medien. Manche Menschen driften regelrecht in die Virtualität ab, weil die Möglichkeiten der Selbstdarstellung schier unerschöpflich sind.

Es gibt viele junge Leute, die sich teure Autos und schöne Frauen für ein Shooting mieten, damit sie Freunden, Fremden und vor allem sich selbst ein beneidenswertes Leben vorgaukeln können. Selbst „Asylanten-Bashing“ ist mittlerweile en vogue. Schließlich war es schon in der Schule so: Wer die Schwächeren hänselt und mobbt, gilt als Alphatier in der Schulklasse, wird möglicherweise sogar zum Klassensprecher gewählt. Der Mensch fühlt sich stärker, wenn andere Wesen unterdrückt werden. Nur so ist es wohl zu erklären, dass so viele Menschen Videos von Tierquälereien ins Internet hochladen. Vor Jahrzehnten und Jahrhunderten wurden die schlimmen Dinge im stillen Kämmerlein erledigt. Heute begaffen wir das – und viele beklatschen es. Soziale Medien können manchmal ganz schön asozial sein.

Für den Erfolg in den sozialen Medien müssen möglichst viele Normen gebrochen werden. Nur was auffällt, sorgt nämlich für den rechten K(l)ick. Provokante Botschaften stehlen den sachlichen Inhalten die Show. Die Sprache der Rechten hat es deshalb einfach. Sie braucht keine Inhalte, um aufzufallen. Ganz im Gegenteil: Je seichter die Botschaften sind, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit eines viralen Effekts. In Sachen Social Media sind die Rechten weitaus kompetenter als die Vertreter der Altparteien, die teilweise geradezu verklemmt rüberkommen. Während die Altparteien von ihrem Elfenbeinturm aus dozieren, sprechen die Rechten dem kleinen Mann aus der Seele. Die SPD und FDP meiden den Ausdruck des kleinen Manns übrigens mittlerweile, weil sie schon gar nicht mehr wissen, wer oder was das eigentlich ist.

Die Angst vor Ausbeutung durch eine fremde Kultur steckt schon seit langer Zeit in den Köpfen der Deutschen. Den Rechten gelingt es, diese Ängste wieder hervorzuholen, indem sie den Menschen in die Seele greifen. Die Rechten reden uns nämlich ein, dass die Ausländer wie ein Virus sind und uns krank machen. Versprochen wird ein Medikament: Rechtsradikalismus. Und jeder, der in den sozialen Medien aktiv ist, kann infiziert werden: Widerstand ist zwecklos!

Blutspritzer und ein blaues Auge

Augenzeugenberichte erzielen fast immer einen viralen Effekt in den sozialen Medien. Das Prinzip ist simpel: Ganz normale Menschen erzählen in einfach gestrickter Sprache aus ihrem Leben. Das ist

authentisch und oft nachvollziehbar. Ein Mann veröffentlicht auf Facebook zwei Fotos von sich. Er ist blutüberströmt. Der Anblick ist ein Schock. „Ich wurde von drei Asylanten überfallen“, schreibt der Mann. Sie schlugen ihn „mit einem Knüppel zu Boden und die anderen zwei traten in mich rein“. Es folgt ein Seitenhieb auf Angela Merkel: „Das geht auf ihre Kappe.“ Die Facebook-Gemeinde feiert die Offenheit des Mannes.

Dass so ein Beitrag online auftaucht, ist erst einmal gar nicht so schlimm. Erstens könnte die Geschichte durchaus wahr sein, zweitens sehen den Beitrag zunächst wenige User. Gefährlich wird es erst, wenn sich der berüchtigte virale Effekt einstellt. Das geht so: Zunächst kommentieren, teilen und liken die nahen Freunde des Zusammengeschlagenen den Beitrag. Das sehen dann die Freunde der Freunde, dann wieder die Freunde der Freunde, und so geht das immer weiter. Rechte Hetze hat das Potenzial, sich wie ein Buschfeuer auszubreiten. Es ist nicht möglich, diese Brandbombe zu löschen.

Noch effektiver ist es natürlich, wenn man einen Ausländer dabei ertappt, wie er krasse Parolen schwingt. Auf Facebook schreibt ein gewisser Mohammad Miri: „Ich bin der Meinung das der Mann die Frau schlage sollte ohne Anzeige zu bekommen.“ Die Tippfehler machen den Beitrag natürlich erst glaubwürdig, unterstreichen sie doch die verpasste Integration des Mannes. Sofort wird der frauenfeindliche Beitrag auf der Seite Erfurt sagt NEIN veröffentlicht. Und von dort aus verbreiten ihn unzählige Rechte weiter. Selbstverständlich ist die Aussage des Mannes eine Katastrophe. Doch die Anonymität des Internets hat auch eine andere Seite. Denn hier kann jeder die Identität eines anderen annehmen. Das sind dann die sogenannten Fake-Profile. Es gibt sie in Internetforen, auf Facebook, in Single- Börsen und überall dort, wo Menschen unaufrichtige Absichten verfolgen. Das bedeutet: Gibt es diesen Mohammad Miri wirklich? Oder hat ein Rechter dessen Identität angenommen, um Hetze zu betreiben? Man weiß es nicht, und das macht es spannend. Die Rechten haben nun auf jeden Fall die Möglichkeit, als Bewahrer der deutschen Tugenden aufzutreten. Die Rechten kämpfen an vorderster Front für das Vaterland – und im Internet tummeln sich Millionen „Graue Eminenzen“. Sie sind die wahren Königsmacher des Rechtsextremismus.

Augenzeugenberichte von drangsalierten Usern tauchen vor allem im Jahr der großen Flüchtlingskrise Ende 2015 vermehrt auf. Eine Frau zeigt sich im Internet mit blauen Flecken im Gesicht. In blumigen Worten beschreibt die Frau, wie sie von Flüchtlingen verfolgt und zusammengeschlagen wurde. Selbst als Refugee-Freund kann man dagegen wenig sagen, weil die Wahrheit dieser Behauptung nicht ohne Weiteres – sprich durch Polizeiberichte oder Prüfung im wahren Leben – abgestritten werden kann. Alarmierend hingegen sind die Reaktionen der Internetuser. So viel Hass auf einen Schlag. Da fallen Wörter, die wir im echten Leben da draußen nur selten hören. Die Hemmschwelle in den sozialen Medien ist gering. Flüchtlingskritische Augenzeugenberichte werden meist über hunderttausendmal geteilt. Dieser virale Effekt ist jedoch nicht nur ein Virus im Sinne des Marketings. Es ist vor allem ein mentaler Virus. Der Hass auf Ausländer wird immer größer, obwohl gar nicht klar ist, ob die Anschuldigungen so passiert sind. Doch eins ist klar: Wenn wir viele hasserfüllte Dinge lesen, verändert sich auch unsere Weltsicht. Es gibt Menschen, die ganz bewusst keine Zeitungen lesen oder Nachrichten schauen. Warum wohl? Es geht ihnen damit besser.

Es ist jedoch ganz normal, dass wir Menschen an Gerüchte glauben, sofern wir was davon haben. Es kann sich auch um ganz harmlose Themen handeln. Fans des FC Bayern München freuen sich natürlich, wenn Gerüchte aufkommen, dass ein Cristiano Ronaldo der neue Megatransfer werden könnte. Man möchte das Gerücht dann sogar glauben, weil man vielleicht sogar Fan des Exzentrikers ist. Genauso ist es in der Politik. Menschen mit völkischer Einstellung fühlen sich in ihrem Denken bestätigt, wenn sich Flüchtlinge mal wieder danebenbenehmen. Dann tritt nämlich keine kognitive Dissonanz auf. Die Rechten reden sich die Welt mit Absicht schlecht und machen die Flüchtlinge für ihr Leben verantwortlich.

Auch bei den Linken gibt es natürlich üble Zeitgenossen. Einige der Linken hetzen gegen den Staat und gegen die Polizei. Sie verurteilen die freie Marktwirtschaft, die Globalisierung – und natürlich die Rechten. Gewalt ist immer schlimm. Es ist völlig egal, von wem sie ausgeht. Mal sind es die Linken, mal die Rechten, mal Besoffene ohne politisches Kalkül oder auch Leute, die grundlos durchdrehen. Eine philosophische Theorie lautet, dass der Mensch von Grund auf schlecht ist. Das sagen sogar Kriminalpsychiater. Angeblich ist es dann sogar nur die Erziehung, die einen Menschen sozial verträglich macht. In den sozialen Medien haben die Rechten schon längst die Erziehung der Jugend übernommen.

 

Frederik Weinert. Die Sprache der Rechten. Wie wir täglich manipuliert werden, ISBN 978-3-8288-4045-4, 336 Seiten, Klappenbroschur Tectum Verlag 2018

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