Religion

Spiritualität und Weltverantwortung

15.07.2019 - Dr. Burkhard Luber

Das Thema ist so alt wie das Christentum. Schon im Leben Jesu selbst zeigt sich das Spannungsverhältnis: Da gibt es den Jesus, der die Menschen flieht, um endlich alleine beten zu können. Und da gibt es den Jesus, der sich zornig in die Business Welt des Tempels einmischt. Immer wieder fragen ChristInnen, wie sich ihr Glaube und ihre Nachfolge zur Welt verhalten soll, zu Politik und Gesellschaft.

 

Für diese Zuordnung von christlicher Spiritualität und Handeln in der Welt gibt es, vereinfachend formuliert, zwei Varianten: Die erste Variante relativiert die Welt. Weil die Welt sowieso vergänglich ist und der Ewigkeit die absolute Priorität vor der Welt zukommt, ist es mehr oder weniger gleichgültig, was der Mensch mit der Welt anfängt. Ja am besten, er zieht sich aus der Welt in die individuelle Frömmigkeit und spirituelle Innerlichkeit zurück. Solch eine Verinnerlichung kann dann ins Kloster (d.h. wörtlich: der abgeschlossene Raum) führen oder auch in gesellschaftliche Gleichgültigkeit.

Die zweite Variante geht umgekehrt vor: Hier wird dem Handeln in der Welt die christliche Sanktionierung generell schon vorab erteilt, unabhängig davon, welche tatsächlichen Motive dem Handeln zugrunde liegen. Weil das Handeln christlich motiviert ist, muss es von vornherein positiv zu bewerten sein. Im schlimmsten Fall kann dann das Christentum für alles instrumentalisiert werden. Fatale Auswüchse und Facetten dieser Variante sind z.B. die Kreuzzüge oder das Koppelschloss der Wehrmacht mit dem lapidaren Satz „Mit Gott“.

Ich will eine dritte Variante vorstellen, die ich die "Korrelation" nenne. Sie versucht, die Verengungen der beiden anderen Varianten zu überwinden. Mit Korrelation soll hier verstanden werden, dass die Christin / der Christ, sich darum bemüht, aus einer meditativen Betrachtung elementarer Bestandteile des Leben Jesu heraus, diese Elemente bei ihrem/seinem Handeln in der Welt angemessen zu berücksichtigen. Damit ist eine prinzipielle Bejahung christlicher Weltverantwortung eingeschlossen und eine Absage an die Verinnerlichungs-Perspektive. Ebenso wird es aber auch darauf ankommen, dass das Prädikat "christlich" nicht wie bei der zweiten Variante für jedes beliebige Handeln in der Welt herhalten soll.

Im folgenden werde ich drei Elemente einer welt-korrelativen Spiritualität beschreiben und anschließend etwas dazu sagen, wie man sich eine solche Sichtweise aneignen kann.


1. Element: Jesu Liebe für die Peripherie

Wenn wir nach dem Wichtigen, Übergreifenden in den Beschreibungen des Lebens Jesu suchen, fallen folgende Elemente auf:

Jesus steht in kritischer Haltung gegenüber den Machthabern, den Reichen, den Meinungsmachern, gegenüber denen, "die das Sagen hatten"

Jesus hat Distanz zu den offiziellen Lehrern und religiösen Autoritäten seiner Zeit

Jesus sucht den Kontakt mit Leuten an der Peripherie der Gesellschaft. Er ist sich nicht zu schade, sich von einer Samaritanerin Wasser geben zu lassen und die Tochter der Frau aus Kanaan zu heilen. Er geht ins Haus des Zollverwalters und läßt sich von einer Prostituierten salben. Überhaupt wendet er sich gerade denen zu, die (z.B. als Aussätzige) längst nicht mehr "gesellschaftsfähig" sind. Die Leute, die ihre Hoffnung auf Jesus setzen, kommen also meist aus der Unterschicht, sie sind "Problemfälle" und keine gesellschaftlich Angepasste oder Arrivierte.

Um nicht missverstanden zu werden: Jesus räumt den ihn besonders interessierenden Zielgruppen keine explizite Höherwertigkeit ein, keine Garantie für ihre Seligkeit, auch keinen Freibrief für einen gesellschaftlichen Umsturz. Und auch in seiner Zuneigung für die Schwachen, Armen und Kranken bleibt die Priorität seines Heilsgeschehens erhalten. Die Sündenvergebung ist das zentrale Ereignis, der Krankheitsheilung kann dabei eine wichtige Funktion für die Glaubwürdigkeit und die Darstellung der Vollmacht Jesu zukommen. Trotzdem halten wir fest, dass sich das Engagement Jesu keinesfalls unterschiedslos an alle Menschen wendet, sondern dass seine Vorliebe den Menschen "im Schatten" gilt.


2. Element: Keine dogmatischen Normen, sondern verantwortungsvoller Pragmatismus.

Eine schöne Passage in der Bibel sind die Antworten, die Johannes der Täufer den Leuten gibt, als sie durch seine Botschaft beeindruckt fragen "Was sollen wir tun?" Einfache Menschen stellen ihm diese Frage, aber auch durchaus im Judentum sehr umstrittene gesellschaftliche Gruppen wie Soldaten und Zolleintreiber. Der grosse Johannes, selber ein Mensch von eindrücklicher Radikalität, legt nun in seiner Antwort den Fragenden keine schweren Bürden auf und unterwirft sie keinen abgehobenen Ziele. Nein, er schlägt ihnen Dinge vor, die diesen Menschen unmittelbar einleuchten können, ja die sogar für sie erreichbar sind. In unserer Sprache formuliert lauten die Antworten von Johannes: Zu allen Menschen: Teile und gib ab von deinem Reichtum. Zu den Soldaten: Benehmt euch anständig, foltert nicht, plündert nicht. Zu den Zöllnern: Beutet niemand aus. Johannes vertritt hier eine Perspektive des Augenmaßes und legt keine unmenschlich hohe Meßlatte irrealer Forderungen auf.


3. Element: Umkehr und Versöhnung

Ein immer wiederkehrendes Thema in der Botschaft Jesu ist sein Plädoyer zum Innehalten auf falschen Wegen, der Ruf zum Ausscheren aus der Verblendung, die Einladung zum Neuanfang. Sei es der fürstlich empfangene Verlorene Sohn oder sei es die Ermahnung, sich noch vor dem Gottesdienst mit seinem Widersacher zu versöhnen. So ergänzen sich Jesu Bergpredigt und Paulus´ Hymne auf die Liebe. Jesus verwirft den kleinlichen Richtgeist und steigert das Maß der notwendigen Vergebung gegenüber unseren Feinden ums immerhin zehnfache! Und in schöner Zuspitzung freut sich Jesus sogar über den Sohn, der die Bitte seines Vaters zunächst arrogant zurückweist, sie aber später in guter Reue doch noch erfüllt. Auf solcher Umkehr liegt Jesu Segen. Nicht umsonst ruft er uns deshalb auch auf, wieder die vertrauensvolle Sichtweise der Kinder anzunehmen statt des eng kalkulierenden Nützlichkeitsdenkens der Erwachsenenwelt, seines Schwarz-Weiß-Denkens und seiner Freund/Feind-Schemata.


Was lässt sich nun korrelativ aus diesen drei Elementen des Leben Jesu für ein entsprechendes Handeln in der Welt ableiten?

Aus dem ersten Element: Engagement in der Peripherie

Wir können das zunächst sehr wörtlich nehmen. Das Interesse eines Christen sollte tatsächlich weniger den Hauptstädten und den Zentren von Macht, Geld und Information gelten. Er sollte sich vielmehr "an den Rand " begeben, in die Slums und aufs Land, wo sich keine Fernseh-Reporter hin verirren. Hier draussen schärft sich der Blick eher für die gesellschaftlichen Nöte, für das was Ungerechtigkeit konkret bedeutet, aber auch was Solidarität bewirken kann. Wie viele gut gemeinten Entwicklungsprogramme sind gescheitert, weil ihre Wirkungen nicht über den kleinen Radius der Zentren hinauskamen. Außerdem: Da es auf der Erde fast nirgendwo lupenrein nach Ethnien ziehbare Grenzen gibt, kommt der Frage, wie multi-ethnische Gesellschaften tolerant leben und entsprechende verträgliche politische Konstruktionen errichten können, eine besondere Bedeutung zu.


Aus dem zweiten Element: Ethisch und pragmatisch zugleich

Guter Wille allein, fantasievolle Entwicklungsprogramme, mit viel Euro bestückte Hilfs-Maßnahmen nützen wenig im Engagement für Frieden und Gerechtigkeit in der Welt, wenn sie nicht auf entsprechende Handlungsperspektiven gestützt sind. Lassen wir uns dabei von Johannes d.T. inspirieren: Nicht die vollmundigen programmatischen Aussagen sind dabei entscheidend, sondern aus aufmerksamen Alltagserfahrungen gewonnene Einsichten: Bescheidenheit, die wir uns im Urteil bewahren und die uns vom Verurteilen behüten soll. Wer sich Augenmaß bewahrt, wird keine Situation überfrachten. Er wird im Jargon der Diplomatie nichts "draufsatteln", was einen mühsam gewonnenen Ausgleich wieder gefährden könnte. Er wird stattdessen nach dem suchen, was realistisch durchführbar ist, auch mit begrenzten Ressourcen.

Und da soziale Lebenssituationen oft Konfliktstrukturen aufweisen, wird man dort noch genauer hinspüren müssen, wo - aller schlimmer Vergangenheit und unüberwindbar scheinender Trennungen zum Trotz - dennoch gemeinsame Interesse vorhanden sind. Sie gilt es zunächst erst mal zu finden. Dann können sie als vertrauensbildende Elemente  dienen und später in ein Konfliktmanagement überführt werden. Die oft zitierte "Win-Win"- Situation, bei der es keine Verlierer gibt und der Vorteil der einen Seite nicht automatisch Nachteile für die andere Seite bedeutet - das sind Früchte eines pragmatischen aber nicht unethischen Ansatzes, der das Mögliche avisiert und sich am Machbaren freut.

Aus dem dritten Element: Deeskalation und Entfeindung

Die meisten Kriege, die geführt werden, sind sie Beispiele dafür, welches Unheil gewollte Eskalation und sich selbst-erfüllende Vorhersagen anrichten können. Zug um Zug erhöhen die Konfliktparteien ihre Forderungen, bis schließlich nur noch der Zwang angeblicher "Ultimaten" das Geschehene diktiert.
Demgegenüber weisen alle Untersuchungen über Konflikte darauf hin, wie wichtig es ist, sich niemals den Blick für Alternativen und Deeskalationsmöglichkeiten verstellen zu lassen, gerade angesichts von Drohkulissen, engen Zeitfenstern und sogenannten "Sachzwängen", die fast immer suggeriert sind und nicht auf Tatsachen beruhen.

Aber wir müssen diese Erkenntnisse aus der Friedens- und Konfliktforschung nicht nur kennen, wir müssen ihnen auch folgen wollen. Und wir müssen den Willen auch operationalisieren. Konkret heisst dies, sich in Konflikten immer wieder in die Wahrnehmung der anderen Seite hineinzuversetzen und nie dem Irrglauben anheim zu fallen, dass es keinen Ausweg mehr gäbe. Sich also keinesfalls unter Druck und Zugzwänge setzen lassen, die in den meisten Fällen nur angeblich zwingend daherkommen, bei differenzierter Analyse aber gar keinen determinierenden Charakter haben. Ja, man könnte es mit den Worten eines Konfliktforschers so formulieren: "Frieden heisst warten zu können!" Wer auf Schnelligkeit fixiert ist, dessen Handeln wird zwanghaft: Möglichst dem anderen zuvorkommen, ihn austricksen, Winkelzüge einsetzen, Fallen stellen. Im Zusammenhang internationaler Politik hat Egon Bahr dagegen den Satz geprägt: Der Ethos der Diplomatie muss sein, dass ein Staat kalkulierbar bleibt.

Auf was es ankommt ist also, nicht schnell, vorschnell Entscheidungen zu treffen, die die Bandbreite der Handlungsmöglichkeiten destruktiv verringern. Statt dessen: Innehalten; bereit sein, Pläne wieder zu revidieren; sich nicht dem sog. "Druck der Verhältnisse" beugen (der sowieso fast immer künstlich erzeugt wird und interessengeleitet ist). Eine solche Haltung macht auch skeptisch gegenüber allen Formen von Präventivangriffen. Und schliesslich umfasst diese Haltung eine Absage an alle schlimmen Formen unangemessenen Wahrnehmens und Handelns, wie:

Überwahrnehmung: Ich sehe den Gegner viel schlimmer als er in Wirklichkeit ist
Über-Planung: Ich stelle mich auf eine Vielzahl irgendwie möglicher, denkbarer Fälle ein, statt pragmatisch die wenigen wahrscheinlichen herauszufiltern
Überreaktion: Ich reagiere viel härter als es der geringfügige Konflikt-Anlass wert ist


Wie lässt sich korrelieren lernen?

Zweierlei ist nötig: der aufmerksame spirituelle Blick auf das Leben Jesu und das Lernen, was man aus diesem Blick konkret für ein verantwortliches Handeln in der Welt ableiten kann. Methodisch scheint mir für den ersten Schritt ein meditativer Ansatz angemessen: Ein bildhaftes Aneignen relevanter Geschichten aus Jesu Leben. Zunächst in ihrem damaligen gesellschaftlichen Kontext, dann aber auch in einer Übertragung, die diese Geschichten in angemessener Form noch einmal in den Rahmenbedingungen unserer Gegenwart "nacherzählt", neu imaginiert. Wer das tut, wird bald feststellen, dass es bei all diesen Begebenheiten nicht um komplizierte Buchweisheiten geht, die nur mit hoher Intelligenz und viel mentaler Anstrengung verstanden werden könnten. Statt um denkerischer Aneignung geht es eher um eine Haltung, ein sich Hineinfühlen in die Situation, ein Spüren für den Augenblick des Geschehens, um das Hören auf die Worte, die Jesus spricht, um das Hinschauen auf die Menschen, zu denen er spricht und ein Wahrnehmen, wie sie reagieren. Je mehr wir bei diesem Aneignungsprozess mit unserem Herzen engagiert sind, umso intensiver werden die Geschichten zu uns sprechen und umso deutlicher wird es uns gelingen, die entsprechenden wichtigen Elemente aus dem Erzählten herauszufinden.

Wer von den gefundenen Elementen im Leben Jesu ausgehend nach den Entsprechungen für unser Handeln in der Welt fragt (= der zweite Schritt), braucht keine Angst haben, erst ein anstrengendes politikwissenschaftliches Studium hinter sich bringen zu müssen. Es ist zwar bedauerlich, dass die Erkenntnisse der Friedens- und Konfliktforschung so wenig in die praktische Politik umgesetzt werden, aber niemand kann ernsthaft behaupten, dass solche Resultate nicht in bemerkenswerter Fülle vorliegen. Niemand kann sich also aus der Verantwortung stehlen mit dem Hinweis, die Probleme und Lösungsvorschläge seien zu wenig bekannt. Jeder kann sich heute angemessen informieren über Eskalationsgefahren, Illusionen von Drohpolitik, Nullsummen-Mentalität (= was dem Gegner schadet, nützt automatisch mir) und die schlimme Saat der Gewaltverherrlichung in den Medien. Warum also lassen sich BürgerInnen immer noch so oft von ihren PolitikerInnen für dumm verkaufen mit Sprüchen, wie: „Wir haben den Krieg ja eigentlich gar nicht gewollt“; „Es hat keine Alternative bestanden“; „Gegen Gewalt hilft nur Gegengewalt“.

Es ist ein mutmachendes Ereignis, dass seit einigen Jahren in Deutschland immer mehr Ausbildungen in gewaltfreier Konfliktaustragung angeboten werden. Gute Voraussetzungen, dass solche Kenntnisse in das Alltagshandeln übergehen. Möglichkeiten, aus einem aufmerksamen Blick auf Jesu entsprechende Konsequenzen für das Handeln in der Welt zu ziehen, sind genügend vorhanden. Wir müssen sie nur engagiert nutzen.  

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