Sprachkolumne

Sprachperformanz

01.01.2023 - Daniela Ribitsch

Wir alle wachsen mit mindestens einer Muttersprache auf und es wird erwartet, diese perfekt zu beherrschen. Anstatt zu berücksichtigen, dass die Sprachperformanz, wie der amerikanische Sprachwissenschaftler Noam Chomsky unsere Sprech- und Schreibfertigkeiten nennt, von SprecherIn zu SprecherIn variiert, neigen wir also dazu, andere Menschen aufgrund ihres Sprachkönnens zu beurteilen.

Eloquente Personen werden gemeinhin als intelligent angesehen. Zwar verstehen wir RednerInnen nicht immer, sind aber trotzdem beeindruckt oder sogar eingeschüchtert von den vielen schwierigen Begriffen und langen Sätzen. Das Gleiche gilt fürs Schreiben. Menschen, die schöne Texte kreieren können, gelten als intelligent, wohingegen Texte mit Schreibfehlern ein negatives Bild vermitteln. Schriftlose Kulturen werden gar als primitiv erachtet. Im Gegensatz dazu beeindrucken uns mehrsprachige Personen, denn eine oder gar mehrere Fremdsprachen fließend zu sprechen, ist bekanntlich nicht so einfach. Nichtmenschliche Tiere und Pflanzen hingegen beherrschen nicht einmal unsere menschliche Sprache und können daher nicht so intelligent wie wir Menschen sein.

Da uns Sprachperformanz so wichtig ist, scheinen wir zu vergessen, dass wir alle Stärken und Schwächen haben. Manche Menschen machen Schreibfehler oder stottern, beherrschen dafür aber andere Bereiche, in denen großartige SchriftstellerInnen und RednerInnen schlecht abschneiden. Ebenso können mehrsprachige Personen nicht überall brillieren und sind nicht automatisch begnadete SchriftstellerInnen oder RednerInnen. Schriftlose Kulturen können zwar weder lesen noch schreiben, speichern aber dafür das Wissen in ihrem Gedächtnis – während wir uns heutzutage nicht einmal mehr Termine merken können. Und niemand von uns versteht wirklich, wie nichtmenschliche Tiere und Pflanzen kommunizieren, oder ist gar dazu fähig, deren Sprachen zu beherrschen. Zudem können nichtmenschliche Tiere etwa viel besser schwimmen oder navigieren als wir, während Pflanzen unsere Luft säubern und unsere Nahrung produzieren. Sprachperformanz ist also nur eine Fertigkeit von vielen und wir sollten daher den Blick über die Sprache hinauswerfen, bevor wir über andere urteilen, seien es nun Mitmenschen, nichtmenschliche Tiere oder Pflanzen.

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