Reflexionen

Steh anders auf als du fielst

01.10.2020 - Gunter Dueck

Es gibt unsägliche Managerfloskeln wie „Wir sind gut gegen den Kunden aufgestellt“ oder „Am Ende des Tages…“ Und Sie kennen ganz sicher auch: „Man darf hinfallen, klar. Aber man muss wieder aufstehen. Es kommt nicht darauf an, wie oft man hinfällt. Man muss einmal mehr aufstehen als hinfallen.“ Das werden unsere Chefs vom Boxen gelernt haben oder in Meetings.

Die Wirtschaftswissenschaftler kennen dieses Denken wie „Auf und Ab“ ebenfalls. Sie sprechen von Hochkonjunktur und Rezession.

Ich protestiere: Diese Gedanken gehen von einer stabilen Welt aus, in der sich eigentlich nicht viel ändert. Mal wird wenig gekauft, mal mehr. Besonders gut passt das Bild eines Landwirtes dazu: Je nach Wetter schwanken die Ernteerträge und die Marktpreise. Es gibt Schweinezyklen, gute und schlechte Jahre. Was zu tun ist, steht im Alten Testament: In Ägypten speichert Joseph in den guten Zeiten für die schlechten. Die Bibel ist wohl in Vergessenheit geraten. Man speichert heute nichts in den guten Zeiten und jammert in den schlechten Zeiten, dass der Staat die Speicher öffnen soll. Das geht heute ohne Speicher, einfach durch Schuldenaufnahme. Wir managen also in normalen und stabilen Zeiten mehr schlecht als recht.

Jetzt aber kommt die Digitalisierung, die so ziemlich alles verändert. Jetzt müssen wir auf alternative Energien umsteigen. Jetzt stehen wir vor Umwälzungen in der Medizin, die unter dem Label Biotech laufen. KI und Big Data ziehen ein. Maschinen arbeiten autonom. Der Mensch, der noch gut leben will, muss professioneller und gebildeter sein als je zuvor. Das kennen Sie bestimmt alles; es wird derzeit so oft betont! Und?

Wir haben derzeit noch eine Corona-Krise dazu, zusätzlich zu den genannten Umwälzungen. Was aber fällt nun allen ein: „Wir wollen alles wieder wie früher und brauchen Geld aus dem Drucker, damit wir ohne großes Leiden diesen früheren Zustand wieder erreichen.“ So reden die Bauern seit Jahrzehnten.

Der Klimawandel beschert uns Dürrezeiten, einige Baumarten sterben. Müssen die Bauern und Forstmeister nicht überlegen, ab jetzt zu experimentieren, um andere Pflanzen anzubauen? Warum sollen wir Dieselprämien zahlen, wo doch alles auf Wasserstoff-Autos hinausläuft? Warum verweigern wir uns der Digitalisierung? Warum hängen wir an der klassischen Schule/Uni mit Bulimie-Lernen? Und wenn wir schon etwas träumen, muss es unbedingt europäisch sein – damit wir bei den europäischen Geldregen-ohne-Leistung-nur Meetings-Traumprojekten vergessen können, dass man auch exzellente Ergebnisse erzielen muss… Überall scheint durch: Wir wollen alles wie immer und ohne Störung von außen. Die da jenseits der Grenzen, die Chinesen etwa, die sollen uns am besten alles abkaufen, weil es deutsch ist. Denn wir sind ja Exportweltmeister, dass müssen die andere akzeptieren…das war immer so.

Wenn man das Ende von Braunkohle, Kohlepapier, Fax, Kernenergie, Dieselantrieben, Karteikarten und Akten-Ordnern als „Hinfallen“ betrachtet, dann müssen wir anders aufstehen. Mit anderen Augen sehen, anders denken, anders arbeiten, anders lernen – und etwas anderes tun.

Wer stets so aufsteht, wie er hinfiel, wird darüber alt und fällt dann doch zuletzt. Dann wird aus „Up & Down“ schließlich „Ab & Down“. Und lassen Sie bitte, auch als Oberboss, dieses dämliche „Wir werden aus dieser Krise gestärkt hervorgehen“. Haha… das ist wie die Vorstellung von „Auf & Up“, die Ihnen die Berater gegen viel Geld injizieren.



Gunter Dueck war Chief Technology Officer bei IBM, ist heute selbstständig als Schriftsteller und Referent. Auf seiner Homepage omniesophie äußert er sich oft zum täglichen Wahnsinn in Arbeitsumgebungen und zielt darauf ab, etwas zum Anschieben neuer Bildungssysteme beizutragen.

Erstveröffentlichung dieses Artikels auf scilogs.spektrum.de

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