Menschenrechtsaktivistin im Interview

Susan Abulhawa: "Wir haben das besondere Privileg der Freiheit"

01.07.2015 - Sara El-Madani

Susan Abulhawa lässt den Leser in ihrem Roman „Als die Sonne im Meer verschwand“ in das Leben einer palästinensischen Familie eintauchen. Es ist eine Geschichte über Entwurzelungen, die durch die Flucht im Jahre 1948 entstanden ist. DAS MILIEU sprach mit Susan Abulhawa über unterschiedliche Reaktionen von Palästinensern auf ihre Romane, ihrer Arbeit bei Playgrounds for Palestine und ihrer Solidarität mit afroamerikanischen Bewegungen.

DAS MILIEU: „Als die Sonne im Meer verschwand“ ist ein eindrucksvolles und bewegendes Buch, welches das Schicksal einer palästinensischen Familie über vier Generationen verfolgt. Warum haben Sie sich entschieden, die Geschichte über Generationen zu erzählen und bei Al Nakba (Arabisch für die Katastrophe) 1948 zu beginnen?

(Anm. d. Red.: Im palästinensischen Sprachgebrauch verwendet man den Begriff Al Nakba, um u.a. die gewaltsame Vertreibung von etwa 800.000 Palästinensern und die Zerstörung palästinensischer Dörfer durch israelische Truppen im Jahre 1948 zu beschreiben).

Susan Abulhawa: Al Nakba ist immer noch sehr präsent. Streng genommen ist das Jahr 1948 natürlich Teil der Vergangenheit, aber es bestimmt unser Schicksal immer noch in vielfacher Weise. Für Palästinenser bleibt Al Nakba eine offene Wunde, die ein Teil unserer Identität geworden ist und bis in unsere Gegenwart wirkt. Im Roman kann man eine Art Nichtlinearität der Zeit gut erkennen. Die Vergangenheit lebt noch stark in uns. Am besten lässt sich das anhand einer Situation bei einer Lesung in Bonn illustrieren: Ein Besucher der Lesung war ein pensionierter palästinensischer Augenchirurg, der 1948 vertrieben wurde und mir erzählte, dass mein Roman „Während die Welt schlief“ ihn sehr berührt habe, da er das Gefühl gehabt habe, dass dieser sehr authentisch sei und im Grunde seine eigene Geschichte erzähle. Die Situation war sehr emotional für ihn, deshalb bin ich aufgestanden und habe ihn noch einmal richtig begrüßt. Er hat angefangen zu weinen und wir haben diesen Moment geteilt: Wir waren zurück im Jahre 1948, das für uns Palästinenser nie vorbei sein wird.

Dieser Mann hat sein ganzes Leben als Erwachsener in Deutschland verbracht, eine Familie und eine erfolgreiche Karriere aufgebaut. Trotzdem ist ihm die Geschichte des Buches, die im Jahre 1948 beginnt, so nahe gekommen, dass es ihn berührte, die Autorin eines Romans, der ihn an die Heimat erinnerte, zu treffen.

Ich sehe es also nicht so, als würde ich in der Zeit zurück gehen – 1948 ist teilweise immer noch unsere Gegenwart.

DAS MILIEU: Viele Palästinenser in der Diaspora zeigen sicherlich eine ähnliche Reaktion wie dieser Mann: Sehen Sie Unterschiede in den Reaktionen auf Ihr Buch bei Palästinensern in der Diaspora und in Palästina selbst?


Abulhawa: Ja, ich sehe einen Unterschied. Ich erinnere mich noch sehr deutlich an einen Brief einer jungen Palästinenserin, die sich an mich wandte, nachdem sie mein erstes Buch gelesen hatte. Sie erzählte, dass sie nun endlich ihren Vater verstanden habe. In ihrem sehr langen Brief schrieb sie, dass sie aufgewachsen sei, ohne zu verstehen, welche seelischen Schmerzen ihr Vater durchlebt habe, wie es ihn zum Beispiel mitgenommen habe bestimmte Musik zu hören. Nachdem sie das Buch gelesen hatte, sei sein Schmerz für sie nachvollziehbarer geworden. Ich denke, dass die Reaktionen von Palästinensern in der Diaspora ähnlich wie die beschriebene sein könnten, besonders wenn es jüngere Menschen sind, und die der älteren könnten ähnlich wie die des Mannes sein, den ich in Bonn kennenlernte.
Palästinenser in Palästina müssen nicht erinnert werden - sie verstehen alles sehr gut, da es ihr Leben ist. Die Reaktionen dort waren Dankbarkeit und Inspiration: Es gibt sehr viele junge talentierte palästinensische Schriftsteller, die sich vielleicht sagen, dass auch sie ihre Geschichte erzählen können. Ich denke, meine Bücher inspirieren junge Menschen dazu, auch auf Englisch zu schreiben oder ihre Werke ins Englische zu übersetzen. Es gibt immer mehr Schreib-Projekte: Ich arbeite derzeit mit verschiedenen Schriftstellern in einem Mentoring-Projekt in Gaza, in dem wir junge Autoren betreuen und unterstützen.

Von einer jordanischen Journalistin wurde ich allerdings gefragt, welches Recht ich habe, über Palästinenser in Palästina zu schreiben, wo ich doch gegenwärtig in den USA lebe. Das war sehr kritisch gemeint. Ich lebe zwar jetzt in den USA, aber ich habe vorher in Palästina gelebt. Es gibt immer Bedenken, wenn man über das Leben anderer Menschen schreibt, aber ich empfinde es nicht so, als würde ich über „andere“ Menschen schreiben, denn es ist mein Volk, meine Familie, mein Land und meine Geschichte, über die ich schreibe.

DAS MILIEU: Das zeigt in gewisser Weise, dass unterschieden wird, ob man innerhalb oder außerhalb Palästinas lebt.


Abulhawa: Die palästinensische Bevölkerung wird oft in verschiedene Gruppen aufgeteilt. Bedauerlicherweise versucht Israel hier immer noch Grenzen zu errichten. Unsere Gesellschaft ist geographisch fragmentiert, was auch zu ihrer seelischen Fragmentierung geführt hat. Ich denke jedoch, dass dies nicht auf die neue Generation zutrifft: Die Menschen erkennen immer deutlicher, dass diese Aufteilung ein künstliches Konstrukt ist, das stark von Israel gepflegt wird.

Und ja! Wir leben in unterschiedlichen Realitäten. Jeder von uns hat unterschiedliche Privilegien, aber auch unterschiedliche Nachteile. Wir in den westlichen Ländern haben das besondere Privileg der Freiheit, das unsere Brüder und Schwestern in Palästina nicht haben. Andererseits sind wir aber getrennt von unseren Familien, unserer Geschichte und unseren Wurzeln. Und wir konnten nicht im Kontext unserer Kultur aufwachsen, was auch sehr schmerzhaft für viele von uns ist.

Wir alle haben unsere eigenen Herausforderungen, die jedoch alle vom gleichen Problem - der ethnischen Säuberung Palästinas - herrühren.

DAS MILIEU: In Ihrem Buch leidet die Hauptfigur Khaled an einer posttraumatischen Belastungsstörung, wie sie etwa 90 Prozent der Kinder in Gaza haben. In Rahmen Ihrer Organisation Playgrounds for Palestine werden Spielplätze und damit gleichzeitig Zufluchtsorte für Kinder gebaut. Wurden speziell solche Orte in der letzten Gaza-Offensive zerstört und ist es in Planung, gezielt mehr Spielplätze in Gaza zu bauen?


Abulhawa: Khaled, als einziger zentraler männlicher Charakter in meinem Buch, wurde durch die Geschehnisse in Gaza 2008/09 traumatisiert. Er leidet an einer Art Locked-In-Syndrom, in dem er zwar die Außenwelt wahrnimmt, jedoch nicht mit seiner Umwelt interagieren kann. Er bewegt sich in diesem „blauen Raum“, auf den auch der Titel anspielt (Originaltitel: The Blue Between Sky and Water; Anm. d. Redaktion), in dem die Welt zeitlos ist. Gleichzeitig bewegt er sich zwischen den unterschiedlichen Welten von Vergangenheit und Gegenwart.
Als Mutter interessiere ich mich für die Lebensumstände von Kindern, und das motiviert mich zu meiner Arbeit bei Playgrounds for Palestine. Wir haben viele Spielplätze in Palästina gebaut und zum Glück wurden keine zerstört. Wie Sie wissen können Materialien nicht aus oder nach Gaza gelangen. Es ist sehr kompliziert Grundmaterialien zu erhalten. Allerdings sind wir gerade dabei, einen Spielplatz aus recycelten Materialien zu bauen. Das ist Teil eines größeren Projektes namens Play Therapy.

DAS MILIEU: An wen richtet sich Play Therapy genau?

Abulhawa: Wir versuchen Kindern zu helfen, die Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung aufweisen. Kinder in Gaza sind stark traumatisiert. Es ist ein einfaches Projekt, mit dessen Hilfe wir herausfinden wollen, ob wir dieses Problem beeinflussen können.

DAS MILIEU: Ein letztes Thema: Sie waren eine der ersten, die einen Aufruf zur Solidarität zwischen dem Black Movement und dem palästinensischen Widerstand gestartet haben. Können Sie dazu mehr sagen?

Abulhawa: Ich habe über zwei Themen gesprochen: Zum einen über ein „natürlichen Bündnis“ zwischen Afroamerikanern, verschiedenen afrikanischen Widerstandsbewegungen und dem palästinensischen Widerstand, und auch darüber, wie wichtig es für Palästinenser ist, Solidarität mit Black-Power- und Black-Conscience-Bewegungen zu zeigen - überall auf der Welt, nicht nur in den USA. Zum anderen habe ich einen Artikel geschrieben, der sich mit Rassismus gegen Menschen schwarzer Hautfarbe innerhalb arabischer Gesellschaften beschäftigt.

DAS MILIEU: Sehen Sie Veränderungen?

Abulhawa: Zum Glück beobachte ich eine positive Entwicklung. Nach Ferguson ist die Solidarität stark angestiegen, was mich sehr freut. Ich fühle mich dem afroamerikanischen Befreiungskampf bzw. auch der Kultur sehr nahe und dies hat eine große Bedeutung für mich. Außerdem sehe ich mich als engagierte Verbündete der Afroamerikaner, aber auch generell des afrikanischen Widerstands.

DAS MILIEU: Vielen Dank für das Gespräch.


Foto © Richard Alexander


Susan Abulhawa: Als die Sonne im Meer verschwand. Diana Verlag aus der Verlagsgruppe Random House GmbH, 384 Seiten

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