Buchautorin im Interview

Susanne Kaiser: "Sie leisten etwas nicht mehr für eine Firma, sondern für Gott"

15.06.2019 - Marie Liebig

Seit fast zwei Jahrzehnten beherrscht der Islam die Schlagzeilen. Zeitgleich ist er gegenwärtig die am schnellsten wachsende Religion der Welt. Ein wichtiger Faktor dabei ist die Konversion. Wer sind die jungen, zum Islam konvertierten Frauen und Männer? Was bewegt sie zu einem für Außenstehende unverständlichen und unpraktischen Lebensentwurf? Diese Fragen behandelt das Buch "Die neuen Muslime: Warum junge Menschen zum Islam konvertieren". DAS MILIEU sprach mit der Islamwissenschaftlerin und Journalistin Susanne Kaiser über die den Muslim als Zerrbild, die Motivation der Konvertiten, die Befreiung aus neoliberalen Mechanismen und das Kopftuch als aktuelles Reizthema.

DAS MILIEU: Für wen haben Sie Ihr neues Buch „Die neuen Muslime – Warum junge Menschen zum Islam konvertieren“ geschrieben?

Susanne Kaiser: Ich will mit meinem Buch vor allem diejenigen erreichen, die ein einseitiges Bild vom Islam haben, vielleicht sogar Angst. Es ging mir darum zu zeigen, das konvertierte Musliminnen und Muslime ziemlich normale Menschen sind, die ganz rationale Gründe für ihre Entscheidungen haben. Ich wollte die Konversion nachvollziehbar und verständlich machen. Eigentlich relativ banal also.

MILIEU: Der Islam ist die zweitgrößte Weltreligion. Spätestens seit 9/11 ist sie in Verruf geraten. Was sind Ihrer Meinung nach die größten Fehlurteile über ihre Anhänger?

Kaiser: Das lässt sich so pauschal nicht beantworten. Das, was dazu führt, dass das Bild vom Islam im Westen oft so verzerrt ist, ist ja gerade, dass nicht differenziert wird. Extremistisch und radikal zu sein zum Beispiel trifft auf manche Musliminnen und Muslime zu - aber eben auf die allerwenigsten. Von den Wenigen auf die Vielen zu schließen, die alle sehr unterschiedlich sind, ist diskriminierend und verzerrend. Eigentlich auch relativ banal.

MILIEU: Sie selbst sind keine Muslima, sondern Agnostikerin. Sie haben sich als Journalistin und Islamwissenschaftlerin einer Religion auf Basis von vier sehr individuellen Lebensgeschichten genähert. Wie hat sich das angefühlt?

Kaiser: Es war eine interessante Herausforderung für mich, denn ich musste meine Perspektive wechseln, um wirklich nachvollziehen zu können, was Menschen bewegt zu konvertieren – soweit das überhaupt möglich ist. Das hat mich selbst auch nachhaltig verändert.

MILIEU: Wenn in der öffentlichen Debatte über Beweggründe für die Konversion zum Islam gesprochen wird, dann heißt es oftmals, Konvertiten seien frustrierte Menschen. Trifft es auf Ihre Protagonisten zu?

Kaiser: Das finde ich eine sehr unterkomplexe Unterstellung. Natürlich waren meine Gesprächspartner*innen auch frustriert über manche Dinge. Aber mehr als andere Menschen? Die Gründe zu konvertieren sind so unterschiedlich, wie die Leute selbst es sind. Und wenn man schon pauschalisieren will, dann würde ich sagen, dass der Antrieb etwas im Leben zu ändern eher ein positives Ideal ist, das man gerne erreichen will - egal aus welchen Gründen.

MILIEU: Welche Bedeutung haben Regeln, Ordnung und Struktur, die Halt und Orientierung geben, für die Konvertiten?

Kaiser: Sie haben zumindest bei denjenigen, mit denen ich gesprochen habe, eine große Bedeutung. Auch deshalb ist der Schritt zu Konversion - abgesehen natürlich von Glaubensgründen - rational, denn er gibt Menschen etwas, das sie brauchen und das ihnen vorher fehlte. Ich meine das rein deskriptiv: Das habe ich so beobachtet. Ich meine es nicht normativ: Alle sollen jetzt zum Islam konvertieren. Das wird komischerweise oft verwechselt.

MILIEU: Kann man sagen, dass Konvertiten „leichtere“ Beute für Extremisten und Hassprediger sind? 

Kaiser: In gewisser Weise schon, denn zur Konversion gehört, dass erstmal nach Orientierung gesucht wird. Konvertierte müssen alles neu lernen, sich alles selbst beibringen und ständig religiöse Entscheidungen treffen. Das ist erstmal eine labile Phase. In Deutschland fehlen häufig deutschsprachige Angebote und genau hier können beispielsweise salafistische Gruppierungen punkten: Die Predigten sind auf Deutsch, Herkunft oder Hautfarbe spielen keine Rolle. Das ist erstmal attraktiv. Außerdem sind viele Konvertiten noch sehr jung und noch nicht sehr gefestigt in ihrer Weltanschauung.

Gleichzeitig denke ich aber, dass es kein Automatismus ist, einer radikaleren islamischen Strömung beizutreten, nur weil man konvertiert. Das ist letztlich immer eine Entscheidung, die von einem Individuum getroffen wird, und da fließt viel mehr an Beweggründen hinein, als nur die Konversion.

MILIEU: Eine Ihrer Thesen in Ihrem Buch lautet, dass der Islam für viele junge Menschen Selbstverwirklichung und ein Ausdruck der persönlichen Individualität bedeutet, trotz diverser Einschränkungen im Alltag durch festgeschriebene Regeln in der rituellen Praxis. Wie würden Sie das Verhältnis von Individualität und Konformismus beschreiben, das Sie beobachten konnten?

Kaiser: Es ist ein Wechselspiel, ein ständiges Aushandeln: Musliminnen und Muslime heute im Westen sind Kinder der Moderne und der Individualität, selbst wenn sie nach absolut strengen Regeln leben. Denn wenn sie sich einem Konformismus hingeben, dann entscheiden sie sich dafür. Sie werden nicht einfach in eine bestimmte religiöse Tradition hineingeboren, die sie nie hinterfragen, sondern sie reflektieren sich und ihren Platz in der Welt – auch diejenigen, die in muslimische Familien hineingeboren werden. Ihre Religiosität unterscheidet sich ja erheblich von der ihrer Eltern und Großeltern.

MILIEU: In dem Kapitel „Muslimisch sein in der neoliberalen Welt“ geht es um den Versuch der Konvertiten, sich den neoliberalen Mechanismen zu entziehen. In manchen Fällen wird die Religion zu einer Ersatzbefriedigung für den entgangenen wirtschaftlichen Erfolg, wobei die Berufswahl nicht ersetzt, sondern mit der Frömmigkeit zu einer moralischen Ökonomie verbunden wird. Woran machen Sie das fest?

Kaiser: Das mache ich an der religiösen Praxis, ihrer Bedeutung und dem Lebensentwurf dahinter fest. Leistung und die Steigerung von Selbsteffizienz sind Prinzipien, die sowohl ökonomische als auch religiöse Werte bestimmen können. Bei manchen kommen sie zusammen oder werden von dem einen Bereich auf den anderen umgedeutet, bei meinen Protagonisten in der Regel von der Wirtschaft auf die Religion. Manche finden ihre Erfüllung im genauen Befolgen der religiösen Praxis, im frühen Aufstehen für das erste Gebet zum Beispiel. Sie haben das Gefühl, dass sie etwas leisten - nicht (mehr) für eine Firma, sondern für Gott.

MILIEU: Derzeit bietet der Islam wieder Stoff für hitzige Debatten. Das Kopftuch in öffentlichen Einrichtungen, aber auch generell in der Öffentlichkeit wird problematisiert. Warum provoziert das Kopftuch in dieser Gesellschaft so sehr?

Kaiser: Ich glaube, dass es damit zusammenhängt, dass kopftuchtragende Frauen inzwischen zu den Aufsteigerinnen in unserer Gesellschaft gehören: Sie werden sichtbar als Journalistinnen, Wissenschaftlerinnen oder Ärztinnen, wollen sich ihren Platz erstreiten als Lehrerinnen oder Richterinnen. Da geht es auch um die Neuverteilung von Privilegien. Das sehen all diejenigen als Bedrohung, die um ihre eigenen Privilegien fürchten.

MILIEU: Vor wenigen Wochen fand in der Frankfurter Goethe-Uni die sogenannte „Kopftuch-Konferenz“ statt., bei der sich bis auf eine Referentin alle anderen für ein Kopftuchverbot aussprachen. Die Islamkritiker behaupteten, dass das Kopftuch ein Symbol des politischen Islams sei, die Rückwärtsgewandtheit der Träger und das Verwurzeltsein in patriarchalen Strukturen offenbare. Wie sehen Sie das?

Kaiser: Auch das kann man so pauschal nicht sagen und es ist traurig, dass solch platte Schlussfolgerungen am Ende einer Konferenz stehen, die an einer deutschen Universität stattfand, und die Schlagzeilen dominieren. Denn eigentlich ist die heutige Islamwissenschaft in Deutschland eher dafür bekannt, dass sie ein sehr differenziertes Bild vom Islam liefert, das leider viel zu selten bis in die breite Öffentlichkeit vordringt. 

Natürlich gibt es Tausende von Gründen, warum Frauen ein Kopftuch tragen: Frömmigkeit, Selbstbestimmtheit, sozialer Zwang, Selbstermächtigung, Provokation, Anpassung, Anderen gefallen wollen, fettige Haare, Coolness - wer kann schon so genau sagen, was dahintersteckt, außer den Frauen selbst? Das kann und sollte doch jede für sich selbst entscheiden. Ob man sich nun für Männer verhüllt oder auszieht: Beides ist nicht sehr feministisch. Aber warum wird Frauen eigentlich immer unterstellt, dass sie diese Dinge für Männer tun?

MILIEU: Sie schreiben in Ihrem Buch, dass das Kopftuch für einige Frauen auch ein Symbol des Widerstandes ist. Wie drückt sich dieser Widerstand aus und gegen wen oder was ist er gerichtet?

Kaiser: Ganz unterschiedlich: Zum Beispiel tragen manche Frauen das Kopftuch, um sich gegen gängige Schönheitsideale zu positionieren, mit denen Frauen von Gesellschaft und Werbeindustrie normiert werden - entweder um sie zu disziplinieren und zu beherrschen oder ihnen irgendwelche Dinge zu verkaufen. Oder sie tragen es als Provokation, um zu zeigen, dass es ihnen egal ist, wie diskriminierend ihnen in der Öffentlichkeit begegnet wird - dass sie sich moralisch überlegen fühlen und das auch zeigen wollen.

MILIEU: Letzte Frage... Gehört der Islam zu Deutschland?

Kaiser: Er gehört schon lange zu Deutschland. Die Frage, die so oft gestellt wird, ist ja eher die, ob er auch zu Deutschland gehören sollte. Aber wer könnte das entscheiden? Wer ist denn dieses „wir“ und „unser“, wenn nicht wir alle und unser aller Land? 

MILIEU: Vielen Dank für das Gespräch, Frau Kaiser.

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