Politikberater im Interview

Sven Speer: "Nichtreligiosität macht nicht automatisch tolerant!"

15.10.2014 - Ata Shakoor

Fast zwei Drittel der Deutschen fühlen sich von Terroristen bedroht und eine Mehrheit glaubt, dass der Islam zu Deutschland gehört. Das geht aus jüngeren Umfragen hervor. DAS MILIEU sprach mit Sven Speer, dem Gründer und Vorsitzenden des Forums Offene Religionspolitik (FOR) über die Angst vor dem Islam, Denkfehler der "Islam-Kritik" und Strategien im Kampf gegen Terrorismus.

DAS MILIEU: Angesichts der aktuellen Situation in muslimisch geprägten Ländern wie Syrien oder Irak sind viele Menschen hierzulande besorgt. Und da kommt immer häufiger die Frage auf „Ist der Islam gefährlich?“. Wie berechtigt ist diese Frage?

Speer: In vielen Konflikten in den muslimisch geprägten Ländern werden religiöse Argumente angeführt. Ein Anfangsverdacht ist also durchaus berechtigt. Wer sich seriös mit der Thematik auseinander setzt, muss aber Ursachen von verstärkenden Elementen unterscheiden. Der Islam ist nicht die Ursache für die Probleme der betroffenen Länder. Gleichwohl bietet der Islam aufgrund der direkten Verantwortung des Einzelnen vor Gott den Nährboden (durchaus auch im positiven Sinne) für eine Bandbreite verschiedenster Strömungen, die sich allesamt auf den Koran berufen können. So fällt es offenkundig vergleichsweise leicht, Gewalt religiös zu begründen, selbst wenn große Teile der Muslime dies ablehnen.

Das ist übrigens keinesfalls mittelalterlich, sondern entspricht geradezu idealtypisch der aufklärerischen Idee, dass der Einzelne lediglich seinem Gewissen unterworfen ist (was nicht ausschließt, sondern erst ermöglicht, im Alleingang radikale Ideologien zu übernehmen). Wir sollten uns davor hüten zu glauben, dass dieses Gefährdungspotential nur im Islam liegen würde.

DAS MILIEU: Studien zufolge hat mittlerweile jeder zweite Deutsche Angst vor dem Islam. Ist es wirklich der Islam, der den Menschen Angst macht, oder fürchten wir uns in Wahrheit vor etwas anderem?


Speer: Die deutsche Gesellschaft steckt in einem tiefen religionsdemographischen Umbruch. Während Westdeutschland nach 1945 jeweils zur Hälfte katholisch und protestantisch war – Minderheiten fielen kaum ins Gewicht – gibt es heute in allen Bundesländern große Anteile an Nichtreligiösen. Die christliche Identität Deutschlands (eine christlich-jüdische gibt es nur in Sonntagsreden) steht damit auf dem Spiel.

Sind wir eine religiös-christliche Gesellschaft oder eine säkulare? Das ist die eigentliche Frage, vor der viele stehen. Das Unglück der  Muslime ist nun, dass sie für viele Christen Sinnbild der Entchristlichung sind und für viele Nichtreligiöse die Gefährlichkeit von Religion beweisen. Ein wirkliches Bekenntnis zu Freiheit und Vielfalt teilen nur wenige in unserem Land. Ein solches Bekenntnis ist aber nötig.

DAS MILIEU: Provokateure warnen seit Jahren vor einem Kniefall vor Terroristen. Gehen wir in Deutschland zu lasch mit radikalen Kräften um?

Speer: Nein, das sehe ich nicht. Die akute Bedrohung durch terroristische Akte und die Opferzahlen sind in anderen europäischen Staaten höher als in Deutschland, obwohl dort die Bürgerrechte weniger geschützt sind. Das bestätigen auch die Schätzungen zu den Zahlen, aus welchen Ländern die Männer kommen, die sich dem IS anschließen. Gemessen an der Bevölkerungszahl bleibt Deutschland deutlich hinter vielen anderen europäischen Staaten zurück.

DAS MILIEU: Die letzten Wochen war die sogenannte „Scharia-Polizei“ in aller Munde. Wie viel Potenzial stecken in solchen Bewegungen zur Islamisierung Deutschlands?

Speer: Während es im Osten Deutschlands und andernorts „national befreite Zonen“ gibt, die die Öffentlichkeit mittlerweile hingenommen hat, geht ein Aufschrei durchs Land, wenn ein paar Männer sich orangefarbene Neonwesten anziehen. Die selbst ernannte „Scharia-Polizei“ ist vor allem eins: Gelungene Öffentlichkeitsarbeit extremer Islamisten. Die „Scharia-Polizei“ ist kein Anzeichen für eine steigende Bedeutung des Islam in Deutschland – auch wenn sie für manche Medien besonders fotogen erscheint.

DAS MILIEU: Jüngst kommentierte Margot Käßmann in einem BILD-Artikel ein aktuelles Kopftuchurteil und betonte darin: „Als Bürgerin plädiere ich für Religionsfreiheit. Als Frau habe ich Probleme mit dem Kopftuch“. Wie ordnen Sie ihre Stellungnahme ein?

Speer: Es steht Frau Käßmann frei, kein Kopftuch zu tragen. Ihre Religionsfreiheit umfasst aber nicht das Recht, anderen das Kopftuch zu verbieten. Der überwiegende Teil der muslimischen Frauen in Deutschland trägt das Kopftuch freiwillig, aus tiefer Überzeugung und Gewohnheit. Für diese Frauen stellt ein Kopftuchverbot eine Zwangsentkleidung dar. Auch Frau Käßmann hätte vermutlich ein Problem damit, öffentliche Auftritte künftig ohne Hose und Rock zu absolvieren.

Dass viele das Kopftuch freiwillig tragen, darf indes nicht darüber hinweg täuschen, dass manche Frauen dazu auch in Deutschland gezwungen werden. Eine Verbannung des Kopftuchs aus dem öffentlichen Dienst und der Privatwirtschaft führt jedoch nicht zu einer Befreiung der Frauen, sondern dass sie unsichtbar gemacht und isoliert werden, da sie gezwungen werden, zu Hause zu bleiben. Erst durch ein Verbot wird das Kopftuch zum Stigma und zum Instrument der Ausgrenzung.

DAS MILIEU: Islam-Kritiker wie Hamed Abdel-Samad oder Necla Kelek fordern einen Islam ohne Scharia. Wie würde die Zukunft aussehen, wenn diese Forderung umgesetzt wird?


Speer: Ohne Scharia ist der Islam inhaltsleer. Die Scharia umfasst die Gesamtheit aller religiösen Handlungsanweisungen. Wie sollte eine Religion ohne Richtschnur auskommen? Die Reduzierung der Scharia auf ihre extremsten Lesarten durch Hamed Abdel-Samad, Necla Kelek und andere ist fahrlässig. Sie wecken damit den Eindruck, nur ein böser Muslim sei ein guter Muslim.
Ich freue mich sehr darüber, dass Fiqh, die Auslegung des islamischen Rechts, an den deutschen Universitäten und in den islamischen Verbänden systematischer betrieben wird und betrieben werden kann als in der Vergangenheit. Nur so lässt sich zeigen, dass die Form der Auslegung der Scharia, auf die sich radikale Islamisten und Islamkritiker beziehen, wenig bis gar nichts mit der historischen Auslegung der Scharia gemein haben.

DAS MILIEU: Es herrscht die Meinung vor, dass je religiöser ein Mensch ist, desto fanatischer und gewaltbereiter ist er. Erkennen Sie eine Kausalität?

Speer: Auch wenn es zeitweise und regional begrenzt Korrelationen geben mag, sehe ich keinen dauerhaften Zusammenhang. Menschen wie William Penn und Roger Williams waren zutiefst religiös und haben mit Pennsylvania und Rhode Island die ersten Staaten überhaupt gegründet, in denen Religionsfreiheit für alle Religionen und den Atheismus galt. Mahatma Gandhi war religiös, Martin Luther King jr. ebenfalls. Weder Religiosität noch Nichtreligiosität machen einen Menschen automatisch tolerant oder friedlich.

DAS MILIEU: Diejenigen, die sich hier in Europa radikalisieren lassen und in den Krieg ziehen, sind sicherlich davon überzeugt, dass sie das einzig Richtige für ihre Religion tun. Warum reicht es ihnen nicht, als ein guter Muslim in Europa zu leben?

Speer: Es reicht ihnen nicht, als guter Muslim in Europa zu leben, weil sie böser Muslim sein wollen. Bei allem Respekt vor dem Islam: Die jungen Männer gehen nicht nach Syrien und im Irak, weil der Islam sie überzeugt hätte. Das ist nur vorgeschoben. In Wirklichkeit geht es darum, zu morden, zu brandschatzen und zu vergewaltigen. Das ist der ultimative Kick für Männer, die in ihrem Leben bisher keinen Sinn gesehen und keine Wertschätzung gespürt haben. Der militante Islamismus füllt eine Leere, ist aber nicht die Ursache des Problems . Früher gingen die Perspektivlosen in den Wilden Westen, heute suchen sie zwischen Bagdad und Damaskus ihr Glück.


Die Attraktivität des IS entspringt zudem nicht dem Islam selbst, sondern der medialen Inszenierung. Jede Berichterstattung ist Werbung für den Terrortourismus – der wiederum die Vertriebszahlen der Medien erhöht. Die Hochglanzbilder erreichen Jugendliche, die der Hassprediger im Hinterhof allein nicht erreichen könnte.

DAS MILIEU: Welche Rolle spielt da die westliche Außenpolitik in der steigenden Radikalisierung?

Speer: Die Konflikte im Nahen und Mittleren Osten bieten eine hervorragende Möglichkeit, einfache Lösungen zu postulieren und die Emotionen hochzupeitschen. Entsprechend können westliche Regierungen in den Augen der Kritiker auch nichts richtig machen. Wurde früher der Interventionismus der Neocons um George W. Bush kritisiert, wird nun die westliche Zurückhaltung (wahlweise gegen Assad oder IS) scharf angegangen.

Viel dramatischer für die Situation in der Region ist, dass die von den regionalen Mächten angestrebten Lösungen zutiefst europäische Ideen widerspiegeln – und zwar recht alte. Die Idee religiös homogener Bevölkerungen erinnert an die Glaubenskriege nach der Reformation in der Frühen Neuzeit. Die Idee ethnisch homogener Staaten speist sich aus dem europäischen Nationalismus, der sich in seiner brutalsten Form durch das 20. Jahrhundert zieht. Während sich Europa nach und nach aus seiner ethnischen und religiösen Einfalt befreit, begräbt der Nahe und Mittlere Osten seine jahrhundertelange Tradition des größten Teils gelungenen  Neben- und Miteinanders in Vielfalt.

Die alten europäischen Ideen sind also weit wirkmächtiger als die westliche Außenpolitik. Freilich würde das in der Region niemand zugeben, da vorgeblich gegen westliche Werte gestritten wird.

DAS MILIEU: Wie können Muslime den militanten Islamisten den Wind aus den Segeln nehmen?

Speer: In der Öffentlichkeit ist der Ruf laut, Muslime müssten sich stärker von den militanten Islamisten, speziell IS distanzieren. Das ist reichlich absurd, da ihnen kein Plenum geboten wird. Vertreter gemäßigt konservativer muslimischer Verbände werden viel seltener in Talkshows eingeladen als Islamisten einerseits und muslimische Islamkritiker andererseits. Mit einem Moslem, der zwar anders, aber ungefährlich ist, lässt sich keine Quote machen. Entsprechend selten werden auch die Presseerklärungen der Verbände veröffentlicht, wenn sie sich distanzieren. Selbst nach der Demonstration von tausenden Muslimen in Berlin gegen IS werde ich noch gefragt, wann sich die Muslime denn endlich mal distanzieren.

Wichtiger als die Distanzierung – die leider notwendig erscheint – ist es, ein eigenes, positives und attraktives Angebot der Identität zu empfehlen. Es gab Zeiten, in den junge deutsche Akademiker zum Islam übergetreten sind. So anziehend und identitätsstiftend wirkte der Islam hierzulande einmal. Heute schaffen es viele Moscheen und Verbände nicht, ihren Jugendlichen zu vermitteln, was es heißt, Moslem und Deutscher zu sein. Den jungen Menschen fehlen Antworten darauf, wie sie ihr Leben selbst in die Hand nehmen können und gestützt auf die islamische Gemeinschaft ihr Glück finden können. Aufgrund der demographischen Struktur und der sozialen Situation vieler Organisationen in dem Bereich ist das allerdings eine Mammutaufgabe. Auch der Staat versagt dabei, jungen Muslimen die gleichen Perspektiven zu eröffnen, die viele (aber nicht alle) Nichtmuslime haben.

DAS MILIEU: Stellen Sie sich vor, wir leben im Jahr 2020. Terrorisierung im Namen von Religionen finden nicht mehr statt und alle Religionen existieren parallel zueinander. Sie haben sich gegenseitig akzeptiert und es herrscht weltweiter Frieden im Namen aller Religionen. Was müsste geschehen, dass dieses Szenario sich verwirklicht?

Speer: Erstens müsste die Welt untergehen. Zweitens müsste es zu meiner Überraschung tatsächlich einen Gott geben. Drittens müsste dieser Gott so barmherzig sein, dass er (oder sie) alle Menschen in ein gemeinsames Paradies leitet.


Kurzum: Ich halte es für ausgeschlossen, dass ein solcher Friede tatsächlich dauerhaft errichtet werden kann. Wir müssen (wieder) lernen, mit Leid und Konflikten umzugehen.

 

DAS MILIEU: Vielen Dank für das Gespräch, Herr Speer!

 

 

 

 

 

 

Foto: © Arik Platzek

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