Politik

Syrien, ein Land von Vielfalt und Einfältigkeit I

15.11.2013 - Lubna Yousef

Die syrische Revolution. Friedlich beginnt sie im März 2011, indem Demonstranten, die nach Freiheit für das syrische Volk streben, nicht mehr als ihre Stimmen erheben und nicht mehr fordern als Werte der Freiheit. Sie denken nicht daran die Regierung zu stürzen. Noch nicht. Innerhalb der nächsten drei Wochen werden mehr als 500 Menschen von der Armee des syrischen Regimes niedergeschossen.

„Wir sind friedlich geblieben und haben auf unser Recht auf Selbstverteidigung verzichtet“, berichtet Al-Jamous, der Vorsitzende des Bündnisses „Freies Syrien“ und erläutert die Schrittfolge, wie diese Revolution in so einen Krieg ausarten konnte: Der friedliche Protest des syrischen Volkes hält in unterschiedlichen Städten zwischen 8 und 12 Monaten an, während weiterhin von der Geheimpolizei bespitzelte Bürger, die ihre Meinung äußern in den Folterkellern des Regimes verschwinden. Darunter Kinder, die misshandelt wenn überhaupt, wieder auftauchen. Offiziere aus Assads Armee und Polizeibeamte desertieren, nutzen die Medien um den inaktiven Teil der Bevölkerung Syriens, des Westens und Politiker des Westens auf ihre Seite zu ziehen. Die sich bildende Opposition hofft auf internationale Unterstützung, die sie nie erhalten. Die Opposition beschließt nun die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Es bildet sich die Freie Syrische Armee, die mit Gegengewalt den Sturz des Regimes bezweckt.

Dies nur zur Einführung. Spulen wir nun ein paar Wissenslücken vorwärts. Mir kam zu Ohren, dass besonders ethnische und religiöse Minderheiten unter dem  Kriegszustand in Syrien zu leiden haben, doch eigentlich ist Syrien ein Land, das ähnlich wie der Libanon für seine ethnische und konfessionelle Vielfalt bekannt ist. Sunniten, Schiiten, Alaviten, assyrische Christen, Kurden, Ismaeliten etc. leben seit Jahrzehnten zusammen. Wie stehen sie während dieses Krieges zueinander? Spielt Konfession hier wirklich eine Rolle oder lenkt sie bloß vom Wesentlichen ab? Was wäre denn dann das „Wesentliche“ um das es geht und welche Lösungswege gibt es, die derzeitige Situation Syriens zu ändern? Um zu Antworten zu gelangen, habe ich mir verschiedene Personen „vorgeknöpft“, die in ihrem  jeweiligen Bereich Experten sind. Der erste von Ihnen heißt Kamal Sido. Er ist der Nahost-Informant der GfbV (Gesellschaft für bedrohte Völker). Die GfbV hat am 5. August dieses Jahres die  deutsche Regierung dazu aufgefordert „die islamistische syrische Opposition“ nicht zu unterstützen, da diese religiöse Minderheiten verfolge. Sie kritisiert ebenfalls, dass die Bundesregierung gewillt sei, ein „Verbindungsbüro“ der syrischen, islamistischen Opposition in Berlin zu finanzieren, ohne die Öffentlichkeit darüber ausreichend zu informieren. Für Herrn Sido ist das Geschehen in Syrien ein Stellvertreterkrieg, aus dem ein konfessioneller Krieg entstand. Der sunnitische Block sei die Türkei, der schiitische Block, der Iran. Beide sollen terroristische Unterstützer haben. Die Hisbollah sei Teil des schiitischen Blocks, während al-Kaida mit der fanatischen al-Nusra Partei sympathisiert, die an der sunnitischen Front gegen das Regime kämpft. „Das Interesse der Türkei an den Kämpfen ist, die kurdische Verwaltung zu schwächen“, die sich im Norden des Landes aufbaut. Ist es also ein Kampf zwischen Sunniten und Schiiten, wo auf beiden Seiten Terroristen die Überhand gewinnen und ihre Gruppierung vertreten?  Ist es eine Situation in der es kein Gut und kein Böse mehr gibt? „Die Minderheiten haben die Wahl zwischen Pest und Cholera“, sagt Kamal Sido. Das Ergebnis einer der beiden Übel sieht dann wohl so aus:  Am 31. Juli werden die beiden kurdischen Dörfer Til Hasil und Til Aran ca. 30 km von Aleppo entfernt, angegriffen. Nach Angaben eines kurdischen Politikers sollen etwa 70 Kurden, darunter Frauen und Kinder, durch sogenannte „Islamisten“ der Al-Nusra und Brigaden der „freien syrischen Armee“ erschossen worden sein. Mindestens 700 Kurden seien verschleppt worden. Die beiden Orte liegen außerhalb des von Kurden kontrollierten Gebiets in Syrien. Ebenfalls auf das Konto islamistischer Oppositionisten soll der Angriff auf vier alawitische Dörfer, im Norden von Latakiya gehen, bei dem 150 Alawiten sterben. Liegt das womöglich daran, dass Assad Alawit ist und dieser Zorn auf das Regime verallgemeinert wird, frage ich mich, doch das kommt mir zu stumpfsinnig vor. Herr Sido schließt nicht aus, dass es auch Angriffe des Regimes im Namen der Opposition sein können, doch sei es nicht ausschließlich das Regime. „Die Brigade, die mit dem Netzwerk Al-Qaida verbunden ist, instrumentalisiert den Islam um ihre Regierungsmacht zu sichern. Ihr Ziel ist es, einen islamischen Staat zu errichten.“, beschreibt Herr Sido die Situation. „Islamisch“ in Anführungsstrichen, kommentiere ich. „Ja. Was hier mit „islamisch“ gemeint ist, weiß man nicht.“, fügt Herr Sido hinzu. Der von der Al-Nusra gewollte „islamistische Staat“, ist nämlich von ihrer individuellen Scharia-Vorstellung,  Konstruktion und Umsetzung abhängig. Selbst Minderheiten, die in ihrer Anzahl viel geringer sind als alevitische Muslime und assyrische Christen, werden von der islamistischen Opposition verfolgt. So zum Beispiel Ahmadi Muslime, die der Reformgemeinde Ahmadiyya angehören und für einen aufgeklärten Islam stehen. „Für Islamisten gibt es keine Aufklärung“, kommentiert Herr Sido.  Denn mit einer aufgeklärt - islamischen Haltung kann man keine Massen mobilisieren, um sich die eigene Macht zu sichern. Doch würde sich das syrische Volk, das mir in den 8 Monaten, die ich in Damaskus verbracht habe, eher moderat und tolerant vorkam, wirklich von einer Partei von Islamisten mobilisieren lassen?

„Es sind viel weniger als man denkt“ meint Ammar Al-Jamous, der Vorsitzende des Bündnisses „Freies Syrien“, über die sogenannten islamistischen Oppositionsmitglieder. „Die Al-Nusrat Partei ist in Syrien nicht willkommen“ stellt er klar. Er habe auch keine Angst, dass sie die Macht ergreift, da er weiß, dass das syrische Volk ihr keine Macht gewähren wird. Für Instrumentalisierung von Religion durch Islamisten scheint die Mehrheit des syrischen Volkes zu aufgeklärt.

Aufklärung ist auch Abu Yasin Al- Almanie wichtig. Besonders für seine Brigade. Er ist stellvertretender Brigadeführer der Spezialeinheit Brigade Nr.9, der FSA (Freie Syrische Armee). Aufgewachsen ist er in Deutschland, weshalb er „al-Almanie“ „der deutsche“ genannt wird. Das Ziel seiner Brigade ist „ das Regime zu stürzen, mit so wenig Opfern wie möglich“, denn auch auf der Seite des Regimes sind Menschen wie er oder wie er selbst sagt „Brüder und Schwestern“. Abu Yasin wünscht sich vom deutschen Außenministerium Unterstützung. Damit meint er nicht nur sichere Waffen und Fahrzeuge sondern auch Schulungen sowie gebildete und aufgeklärte Soldaten.

 

 

 

Foto: © Foreign and Commonwealth Office

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