Rezension

Tagebuch 1

15.06.2016 - Dr. Burkhard Luber

“Leben - einsam wie ein Baum, gemeinsam wie ein Wald, das ist unsere Sehnsucht”. Dieser Satz des türkischen Dichters Nazim Hikmet hätte auch das Lebensmotiv von Henry David Thoreau sein können, dieser Anarchist, Steuerverweigerer, gewaltfreier Widerständler und “einsam in den Wäldern Lebende” (Titel eines seiner Bücher).

Wer sich diesem liebenswerten Exzentriker nähern will, hat es nicht leicht. Schon mancher deutscher Übersetzer ist hier gescheitert. Da ist es ein Verdienst des Verlages Matthes und Seitz eine Teilausgabe der Tagebücher von Thoreau, auf zwölf Bände hin angelegt, zu planen, deren erster Band, die Jahre 1837 - 1842 umfassen, nun vorliegt.

Eine Warnung vorweg, die für jedes andere Buch vernichtend wäre: Die Leserin möge sich nicht damit quälen, dieses Tagebuch von vorne nach hinten, Seite um Seite gewissenhaft durchzulesen. Die Sprunghaftigkeit des Denkens von Thoreau, seine bisweilen exzessive bilderreiche Sprache, die subtile Ironie des Autors - das sollte man in dosierten Happen auf sich wirken lassen. Wer so in dem Buch teils blättert, teils liest, wird belohnt: es ist oft einfach wunderbar, wie Thoreau sein Naturerleben mit philosophischen Reflexionen verbindet:

“Lu ral lu ral lu” (T. mein wohl einen Vogelruf) kann man eindrucksvoller singen als einer sehr achtbare Weisheit ausprechen. Es hält den Takt gut, während die Weisheit das nicht immer tut.”

Eine typische Sentenz bei Thoreau: Der Schriftsteller sieht was, verbindet es blitzschnell mit Gedanken über Wirtschaft, Politik und Gesellschaft und schon ist ein neuer Tagebucheintrag niedergeschrieben. So kann man das Buch auf verschiedene Weise lesen: Als Sammlung tiefsinniger Aphorismen, als Auflistung von Beobachtungen eines höchst aufmerksamen Naturbeobachter, als subtil ironische Sammlung von Kommentaren zur Gesellschaft eines stets unbequemen, unangepassten Zeitgenossen. Aus diesem Leben in der Wildnis und Einsamkeit wird dem Leser auch klar, woher die Quellen von Thoreaus Widerstandsfähigkeit stammen. “Durch Leidensfähigkeit kann man dem Leiden entrinnen”. Wer - wie Thoreau - die Steuern verweigert und dafür Inhaftierung im Gefängnis auf sich nimmt und wer ungerührt feststellt: Am Besten wäre es, wenn es gar keinen Staat äbet, lernt solchen Widerstand kaum als Buchweisheit, eher schon in der amerikanischen freien Wildnis. Aber Thoreau ist auch kein ungehobelter grober Mann der Natur. So kann er auch Sätze schreiben wie diesen: “Neulich ruderte ich in meinem Boot eine ungebundene, sogar liebreizende junge Dame. Während ich die Riemen betätigte, saß sie im Heck und es gab nichts zwischen mir und dem Himmel als sie. So könnten all unsere Leben malerisch sein, wenn sie frei genug wären.” (Tagebuch-Eintrag 19. Juni 1840).

Und wem die politisch aufsässige Richtung von David Thoreau nicht passt und wer vielleicht auch nicht die Geduld für seine tiefsinnigen Natur- und Tier-Beobachtungen aufbringen kann, mag sich dennoch beim Aufstehen mit dieser Sentenz des Schriftstellers motivieren: “Ein Spaziergang am frühen Morgen ist ein Segen für den gesamten Tag”

 



Henry David Thoreau “Tagebuch” Band 1. Verlag Matthes & Seitz Berlin, 326 Seiten, 2016. 26.90 Euro,

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