Rezension

The Edge of the World

15.02.2016 - Dr. Burkhard Luber

Was hat unsere Kultur am meisten geprägt? Viele werden vielleicht sagen: Das Mittelmeer. Michael Pye sagt: Genauso stark die Nordsee! Das ist verblüffend - dieses Meer “am Ende der Welt”, wie es der Autor in seinem Titel formuliert ,soll einen maßgeblichen Anteil an Europa gehabt haben? Wo doch, so das gängige Vorurteil, die wichtigsten Errungenschaften in Kunst, Wissenschaft, Philosophie und anderen Bereichen aus dem Süden unseres Kontinents kamen.

Mitteleuropa, Nordeuropa - das assoziiert man eher mit dem plakativen Begriff des “Finsteren Mittelalters”. Michael Pye räumt mit diesen Vorurteilen, mit diesem verengten Geschichtsblick in seinem seinem faszinierenden Buch “The Edge of the World” gründlich und brilliant auf. Kapitel auf Kapitel zeigt er, welch eindrucksvollen Wirkungsmächte sich in den Staaten und Gesellschaften rund um die Nordsee in Politik, Wirtschaft, Kultur und Wissenschaft entfaltet haben. Dabei schreibt Pye keineswegs anti-mediterran, sondern er hebt die Errungenschaften Nord- und Mitteleuropas aus der Vergessenheit und zeigt ihre Bedeutung. Weil er dies nicht chronologisch macht, ist das Buch erfreulich kurzweilig, weit entfernt von einer zähen Aufzählung von historischen Jahreszahlen, Genealogien und Herrscherregistern.

Ausgangspunkt für von Pye ist, dass er mit dem Mythos aufräumt, als ob quasi per Zauberhand aus dem sog. Finsteren Mittelalter plötzlich Vernunft und Aufklärung und schöne Barockmusik entstanden wären. Weit gefehlt, sagt Pye, und noch dazu naiv, so als ob die Menschen des Nordens im Mittealter stillstehende Personen gewesen wären. Unser fast instinkthaftes Denken und Kategorisieren in homogenen Nationen verstellt uns den Blick auf die im Mittelalter lebenden Menschen. Wenn wir unsere Vorurteile hinter uns lassen, erkennen wir, dass es kein “Finsteres Mittelalter” war sondern eher, was Pye den “Langen Morgen” unserer Welt nannte. So wie wir gewohnt sind, das Mittelmeer als lebendiger Schauplatz von Handel, Kunstaustausch und Wissenschaft zu sehen, so müssen wir einen neuen angemessenen Blick auf das mittelalterliche Nordeuropa werfen. Wir müssen uns befreien von dem traditionellen Aneinanderreihen von Königen, von Schlachten und dem Ausbreiten des Christentums als angeblich zentralem Thema dieser Zeit. Es wäre völlig verfehlt zu meinen, dass mit dem Untergang des Römischen Reiches Europa sozusagen in einen Stillstand, in einen historischen Tiefschlaf gefallen sei, aus dem es dann mit der Renaissance und Reformation sozusagen wie durch einen Zauber wieder auferwacht wäre. So geschieht Geschichte nicht, sagt Pye. Menschen bleiben niemals stehen und so blieben sie auch vom 8. bis zum 14. Jahrhundert keinesfalls stehen. Auch in dieser Zeit wurden Landkarten gezeichnet, Schiffe und Windmühlen konstruiert, neue Städte gebaut und vieles anderes mehr. Wir müssen lernen, diesen nordeuropäischen Kontinent von Dublin bis Danzig und von Bergen bis Dover als einen Kontinent zu betrachten, auf dem viel in Bewegung war, Fortschrittliches und Gewalttätiges, Zerstörerisches und Konstruktives, Entwicklung und Krieg.

Da Pye, wie schon erwähnt, sich dankenswerter alles öden Aneinander Reihensvon historischen Zeitangaben enthält, kommt der thematischen Gliederung dieser Nordsee-Monographie umso grössere Bedeutung zu. Hier zieht der Auto faszinierende Bereiche heran:

Das Recht: Es trat an die Stelle von Willkür und Dogmatismus. Die “Gottesurteile” verschwanden zugunsten von objektiver Gerichtsbarkeit. Und immer notwendiger erwies sich die Verrechtlichung von Eigentum, das Aufsetzen gültiger und überprüfbarer Verträge, das Absichern von Kreditrisiken und später sogar die Versicherungen von Meeresfahrten. Immer mehr Dinge wurden kodifiziert.

Die Wirtschaft: Dort der Vorreiter Holland, wo die geographische Küstensituation die Abwehr gegen die Gewalt des Meeres zur Überlebens-Notwendigkeit machte.

Die Wissenschaft: in der experimentiert wurde, Tests durchgeführt wurden und mit Blick auf die Natur neue Technologie entwickelt wurden.

Das Geld: nicht nur in seiner Funktion für Kaufleute, auf Märkten, für den täglichen Einkauf sondern als Definitionseinheit für gutes erfolgreiches Leben schlechthin.

Die Einrichtung der Hanse: dieses Bündnis ohne Herrscher, ohne Flagge, ohne Territorium. Eine Zweckallianz deren alleiniges Ziel der Erhalt und die Vergrösserung der Macht ihrer Mitglieder war.

Die Pest: mit ihrem erbarmungslosen Dahinraffen der Menschen ohne Ansehen der Person. Ein Schock für die damaligen gesellschaftlichen Eliten, die sich - meist erfolglos - mit hohen Zäunen, Gesetzen und Geld zu wehren versuchten.

Die Mode: Groß war die Bedeutung der Kleidung in jener Zeit. Sie signalisierte Stand und Reichtum seines Trägers. Bedrohlich also die Manufaktur-Entwicklung, die Kleidungsmöglichkeiten für immer mehr Menschen eröffnete, unabhängig vom jeweiligen gesellschaftlichen Stand und noch bedrohlicher die neue Möglichkeit, die KIeider nach Belieben zu wechseln. Da war es nur logisch, dass bald die ersten Mode-Bücher auf den Markt kamen.

In all diesen verschiedenen Bereichen macht Pye immer wieder deutlich, dass das Mittelalter keineswegs “finster” war, sondern im zeitlichen Anschluß zur hochentwickelten römischen Kultur eigene Errungenschaften entwickelte - in Handel, Rechtswesen, Städtebau, um drei Bereiche zu nennen. So zeigt uns Pye - entsprechend des Untertitels des Buches - wie die Nordsee uns zu dem gemacht, was wir sind.

Pye hat ein grandioses Buch geschrieben. Er schreibt engagiert gegen das Vorurteil vom finstern, zurückgebliebenen Mittelalter, aber ohne rechthaberischen Stil. Er stellt die Nordsee auf die gleiche Stufe in der europäischen Entwicklung wie das Mittelmeer und präsentiert seine Argumentation ohne Krampf oder Besserwisserei. Beispiel folgt auf Beispiel, alle menschlichen Bereiche werden in der Argumentation herangezogen. Der spannende Stil des Buches hält die Neugier des Lesers über all die knapp 400 Seiten immer aufrecht. Diese Kombination einer stringenten historischen “Beweisführung” mit spannender Darstellung und einer eindrucksvollen Vielzahl von Beispielen machen das Buch zu einem nachhaltigen Lesegenuß.

Michael Pye: The Edge of the World. How the North Sea made us who we are. Viking / Penguin Books. 2014. 394 Seiten. 24.95 Euro

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