Rezension

The Frontlines of Peace. An Insider's Guide to Changing the World

01.08.2021 - Dr. Burkhard Luber

I believe that the best way to understand anything is through immersion, so I've done a lot lot of what scholars call “participant observations”, meaning participating in the same phenomenon you're researching.”

(die Autorin auf Seite 5 des hier besprochenen Buches)

 

 

Bemühungen um gewaltfreie Konfliktlösungen verlaufen in der gegenwärtigen Debatte an zwei Ansätzen entlang: Der diplomatische politische, der versucht auf die EntscheidungsträgerInnen im Sinne friedensfördernder Maßnahmen Einfluss zu nehmen und die zahlreichen Aktivitäten von NGOs auf der Graswurzelebene, “im Feld” mit Engagement in den von Gewalt betroffenen Städten und Dörfern. Es ist das große Verdienst des Buches von Séverine Autesserre, diese beiden Ebenen simultan in den Blick zu nehmen, ihre jeweiligen Probleme darzustellen und ihre Erfolgschancen auszuloten. Die eindrucksvolle Biographie der Autorin, Professorin an der Columbia University in New York, empfiehlt sie dazu in eindrucksvoller Weise: Autesserre war in über 20 Jahren in zahlreichen Missionen an internationalen hot spots aktiv, vor allem in der RD Congo, im Kosovo, in Somalia, Kolumbien und im Nahen Osten. Dort hat die Autorin mit vielen Leuten in der Bevölkerung gesprochen, aber auch mit NGO-Mitarbeiterinnen und UNO-Personal. Immer mehr konzentrierte sich dabei ihr Blick auf zwei Fragen: Was läuft schief in dieser Welt der friedensorientierten Einsätze, die Autesserre ironisch mit “Peaceland Inc” tituliert und komplementär dazu: Wo gibt es Beispiel erfolgreicher internationaler Friedensarbeit, von denen wir lernen können? 

Autesserre schreibt in einem zupackenden spannenden Stil, sie nimmt die LeserInnen zu ihrem Aufenthalt an verschiedensten internationalen Brennpunkten mit. Wir machen dort mit ganz unterschiedlichen Menschen Bekanntschaft: die Opfer der Gewalt, die Akteure in der Politik, das Personal der UNO und die vielen NGO, die dort tätig sind. Die Autorin hat einen höchst präzisen Blick, gerade auch für die Defizite ausländischer Interventionen, mögen sie auch noch so gut gemeint sein, für die teils Ignoranz, teils Arroganz der Ausländer, die an den hot spots tätig sind, für die mitunter skurrile Blase, in der diese Interventionisten vor Ort leben, ohne dass sie einen wirklich kompetenten Blick auf die lokalen Problem bekommen. Und das macht das Buch besonders attraktiv Autesserre schreibt äußerst anschaulich von sich selber und ihren Erlebnissen in “Peaceland”, auch von ihren Ängsten und präsentiert auch wohldurchdacht ihren Unmut, was alles in der internationalen peace work community schief läuft, wo doch so viel guter Wille vorhanden ist. Ihre Begabung story-telling mit Reflexion zu verbinden erinnert zuweilen an das Projekt von Kevin Sites: In the Hot Zone: One Man, One Year, Twenty Wars. Wohltuend bei der Lektüre ist die Bescheidenheit der Autorin, die sich immer bewußt ist, wie privilegiert sie mit ihrem US-Pass ist und sie hütet sich vor jeglicher Besserwisserei ein leider oft verbreitetes Übel in der peace work community. 

Was läuft schief in Peaceland Inc? Vielerlei, das man nach den Beobachtungen von Autesserre zunächst mit Ignoranz, fehlender Empathie, Besserwisserei, Reichtum, mangelnden lokalen Sprachkenntnissen, Arroganz der UN/NGO-Akteure beschreiben kann. Strukturell noch negativer ist allerdings der “Von Oben nach Unten” Ansatz vieler internationaler Interventionen, bei dem viel Geld von außen in Hilfsprojekte investiert wird und die lokalen Ansprechpartner fatalerweise nur die Eliten sind: Präsidenten, Regierungen, die Anführer der Aufständigen, Staatsbürokraten und Intellektuelle. Die lokalen Bewohner auf der Graswurzelebene bleiben meist unbeachtet. 

Autesserre bleibt aber nicht beim Demaskieren dieser inadäquaten Zustände stehen, sondern präsentiert der/dem LeserIn auch eindrucksvolle positive Gegenbeispiele, so z.B. die überzeugende Arbeit des Schwedischen Life and Peace Institute (LPI) oder die eindrucksvolle “Insel des Friedens” Idjwi (auf dem Kivu See), die sich inmitten des ständigen Bürgerkriegs in der RD Congo einen Status des engagierten gewaltfreien Umgangs bewahrt hat und auch verschiedenen Versuchen kongolesischer War Lords widerstanden hat, sie in die Bürgerkriegswirren des Lande hineinzuziehen. Autesserre führt dies auf eine engagierte erfolgreiche Kultur der gewaltfreien Austragung von Konflikten durch die Bewohner von Idjwi zurück, eine Haltung, die sie punktuell auch in anderen Konfliktzonen der Welt beobachtet hat.

Kapitel 2 des Buches ist ganz der Projektarbeit und Methoden des LPI gewidmet und dies gerade nicht im Sinn einer makellosen Erfolgsgeschichte, sondern Autesserre schildert überzeugend die Aufs und Abs in der wechselvollen Geschichte des LPI, auch die Grenzen seiner Arbeit und vor allem weist sie überzeugend auf das grundlegende “Aha-Erlebnis” beim LPI hin: Die Einsicht, dass es eine erfolglose Strategie von NGOs ist, von außen den lokalen Friedensprozess voranzutreiben. Nachdem LPI dies erkannt hatte, änderte es seine Arbeitsansatz in einen “Participatory Action Research” Ansatz. 

“Die Grundprinzipien sind einfach: Das LPI stützt sein Handeln auf fundiertes lokales Fachwissen und lehnt universelle Ansätze zur Friedensförderung ab. Es setzt auf einheimische Mitarbeiter, die von wenigen Ausländern betreut werden, die oft über umfangreiche Vorkenntnisse im Land verfügen. Es implementiert keine Programme direkt; stattdessen arbeitet es mit und durch ein paar handverlesene lokale Organisationen, deren Hauptaufgabe es ist, die Menschen vor Ort zu unterstützen. In diesem Modell sind es nicht Ausländer mit Sitz in Hauptstädten und Hauptquartieren, die Konfliktlösungsinitiativen konzipieren und umsetzen. Stattdessen sind es die beabsichtigten Nutznießer und Gemeindemitglieder selbst – einschließlich der einfachen Leute –, die mit Hilfe der lokalen Partner des LPI und kongolesischer Mitarbeiter die Schiedsrichter ihrer eigenen Friedensbemühungen sind.” (S. 53)

Schonungslos deckt Autesserre die Defizite und kontraproduktive Vorgehensweise von Peaceland Inc. auf: Die geringe Motivation der Interventionisten, sich angemessen in die lokale Situation hinein zu versetzen oder sogar die örtliche Sprache zu lernen, der Top-Down Ansatz der besserwisserischen ausländischen “Helfer”, deren von der lokalen Realität oft mit Stacheldraht und Sandsäcken hermetisch abgesichertes Leben in einem Sonder-Territorium, der arrogante Glaube “one size fits all”, d.h. die unreflektierte Ansicht, mit Geld, guten externen Ratschlägen und eingeflogenen ausländischen “Experten” sei alles Nötige getan, egal um welchen geographischen hot spot es sich auch immer in der Welt handelt. Kein Wunder, dass bei der einheimischen Bevölkerung ironische Bezeichnungen für all dieses uneffektive Tun im Umgang sind wie: “Beach Keeping” (statt “Peace Keeping”), “United Vacations” (statt “United Nations”) oder “Nothing Goes On” für “NGOs”. Die Blaupause solcher externen Interventionen ist: Frieden schaffen heißt, die Führer der antagonistischen Gruppen zu versöhnen, da sie die Garanten dafür sind, die Bevölkerung von der Beendigung der Gewalt zu überzeugen, und Polizei und Militär in den gefährdeten Regionen zu stationieren. Autesserre listet die Verhaltensmuster dieser von ihr als “Von oben herab-Tyrannei” entlarvten Verhaltensmuster auf (S. 103):

•  Spezialisten-Wissen ist lokalen Expertisen überlegen
•  Die von außen Kommenden wissen es besser
•  Lokale Leute sind inkompetent und verdienen kein Vertrauen
•  Es kommt nur auf das Handeln von oben aus an
•  Mehr Geld für ein Programm ist immer besser als zu wenig
•  Peacebuilding ist ein kurzfristiger Prozess von ein paar Jahren

Neben der auf einer lokalen Friedenskultur beruhenden “Insel des Friedens” Idjwi stellt Autesserre das sich von Somalia losgesagte “Somaliland” vor, das zwar in der internationalen Staatengemeinschaft nicht anerkannt wird, aber seit seiner Unabhängigkeit von Somalia 1991 einen erstaunlich stabilen funktionierenden friedlichen eigenen Staat geschaffen hat, der eine ganz andere Entwicklung als Somalia genommen hat. Hier in Somaliland sieht Autesserre die überzeugende Alternative zum Top-Down Ansatz von “Peaceland Inc”: ein die Gesellschaft übergreifendes Teilen von gemeinsamen Werten und wirtschaftlichen Interessen, bei dem die traditionellen Führer, die lokalen Eliten und die normalen Bürger die Akteure sind. “Nicht die Regierung von Somaliland, noch die bewaffneten Soldaten, noch Ausländer sind die Garanten des Friedens; es sind die normalen Bewohner im Inland” (Zitat eines Universitäts-Präsidenten in Hargeisa, der Hauptstadt von Somaliland)


In den weiteren Kapitel generalisiert Autesserre ihre Beispiele aus Idjwi, Somaliland und der Arbeit des LPI, indem sie die lokale Bevölkerung als die entscheidende Basis für Friedensarbeit deklariert und darauf hinweist, dass Von-Unten-nach-Oben-Ansätze von Friedensarbeit mindestens so erfolgreich sind wie Von-Oben-nach-Unten-Ansätze, möglicherweise sogar erfolgreicher (S. 148)

Allerdings, und das macht Autesserres Argumentation besonders überzeugend, spielt die Autorin nicht die beiden Ansätze Von-Oben gegen Von-Unten aus, sondern plädiert für eine Kombination, bei der beide Ansätze maximal optimiert werden sollten. Dazu ist ein Rollenwechsel auf Seiten der von außen Intervenierenden notwendig. Ein idealer Interventionist ist für Autesserre einer mit den Überzeugungen (S. 153):

•  Ich arbeite im Hintergrund
•  Ich habe einen weiten Zeithorizont
•  Ich lass mich nicht entmutigen
•  Ich weiß es nicht besser als die lokalen Einwohner
•  Ich kenne die einheimische Sprache und den lokalen Kontext
•  Ich bin und arbeite flexibel

Autesserres Kritik an der meistens üblichen von-oben-herab- Strategie in “Peaceland”-Strategien ist treffend und ihre Argumentation für einen Game Change in der Friedensarbeit an internationalen hot spots im Sinne von sehr viel mehr Einbeziehung lokaler Friedenskräfte und eine Absage an oft auf Besserwisserei und viel Geld gestützte Interventionen ist überzeugt. Dennoch bleiben, gerade beim Fokussieren der Autorin auf die nach ihrer Meinung nach gelungenen beiden Beispiele Idjwi und Somaliland einige Leerstellen: 

Angesichts Prominenter gewalttätiger Konflikte wie z.B. in Ex-Jugoslawien, Ruanda, Syrien (andere könnten auch genannt werden) stellt sich die Frage: Welche Gewaltpräventions-Strategie wäre hier angezeigt gewesen bzw. was ist aus diesen Fällen zu lernen? Es ist ja nicht so, dass z.B. KroatInnen, SerbInnen und BosnierInnen vor dem Ausbruch des Balkan-Bürgerkriegs in massiver Feindschaft zueinander gelebt hätten. Viele BürgerInnen dort haben später ziemlich fassungslos kommentiert: Wir haben doch immer als gute Nachbarn miteinander gelebt, wieso konnte diese Unheil geschehen? Es ist hier nicht der Platz dieses Thema zu vertiefen, aber bezogen auf das Buch Autesserres sollte doch darauf hingewiesen werden, dass “Friedenskultur” offenbar nicht automatisch nachhaltig ist, sondern in Krisenzeiten durchaus durch Nationalismus und gewalttätigen Separatismus korrumpiert werden kann. Wenn dem aber so ist, wäre es wohl gut gewesen, wenn Autesserre doch, etwas eingehender die möglichen Bruchstellen in anscheinend friedlichen Situationen thematisiert hätte, also zum Beispiel der Frage nachgegangen wäre: Wie überstehen Länder erfolgreich Krisen, wenn ihre anscheinend friedliche Situation unter Stress von wem auch immer induziert ausgesetzt werden? Diese Leerstelle des Buches verwundert besonders, weil Autesserre ja mit Recht auf eine Reihe von Beispielen verweist, wo aus verhältnismäßig geringfügigem Anlass eine gewalttätige Eskalation entstand. Wenn man also (dieses Beispiel findet sich merkwürdigerweise jedoch nicht in dieser Aufzählung der Autorin) das Attentat von Sarajewo nimmt: Wie ist es zu erklären, dass dieses Ereignis bis zum 1. Weltkrieg eskalierte? Muss man nicht vermuten, dass sich in den Nationalstaaten Europas im beginnenden 20. Jahrhundert ein so bedeutsames (strukturelles) Konflikt- vielleicht sogar Gewaltpotential angesammelt hatte, dass ein solcher individueller Mord leicht zu einer europäischen Katastrophe eskalieren konnte? Näher an der Thematik von Autesserre argumentierend: Auch in der Argumentation der Autorin, die Verhältnisse in Peaceland zu verbessern, indem man den Erfahrungen und der Praxis lokaler Friedensarbeit mehr Raum einräumt, bleibt dennoch die Frage, wie diese Arbeit eine solche Nachhaltigkeit erreichen kann, die drohenden externen Entwicklungen, von wem auch immer induziert, stand halten kann, was ja ein typisches Arbeitsfeld von Friedenserziehung und Training in gewaltfreier Konfliktbearbeitung ist. Hier wäre auch eine gute Stelle gewesen, wo Autesserres Buch (externe) konflikteskalierende Faktoren hätte adressieren können, wie z.B. die Ressourcenausbeutung in der RD Congo, die konfliktträchtige Ölförderung in Nigeria oder die Intervention der NATO in ihrem Angriffskrieg gegen die BR Jugoslawien. 

Solche kleineren Defizite schmälern aber den eindrucksvollen Text von Autesserre keineswegs. Die Autorin legt ein sehr überzeugendes Buch vor, dessen Lektüre für Aktivisten an internationalen hot spots überaus empfehlenswert ist. Hier spricht niemand vom Schreibtisch aus, sondern die Autorin ist durch ihre vielen Auslandseinsätzen bestens legitimiert, die Defizite und Irrwege von Peaceland zu benennen und für einen dringend notwendigen Wechsel in den herkömmlichen Engagements von NGOs internationalen Hilfswerken und der UNO einzutreten. Das verleiht Séverinne Autesserres zuweilen schonungslosen Kritik an Peaceland Inc großes Gewicht. Eine Pflichtlektüre für alle, die an einer fundierten kritischen wie konstruktiven Evaluation von internationaler Friedensarbeit interessiert sind.

 

Séverine Autessere: The Frontlines of Peace. An Insider's Guide to Changing the World. Oxford University Press. 2021. 221 Seiten 22,62 Euro

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