Rezension

The Gun, the Ship and the Pen. Warfare, Constitutions and the Making of the Modern World

01.09.2021 - Dr. Burkhard Luber

“From the outset, written constitutions have been protean phenomena. They have always taken different forms and served multiple purposes, and this has been an essential reason for their success and persistence.” (S. 413 des hier besprochenen Buches)

Verfassungen haben unterschiedliche Akzeptanz. In den Sonntagsreden der PolitikerInnen manchmal hoch gepriesen, sind ihre Inhalte jedoch oft wenig bekannt. Manchmal werden sie sogar an höchster Stelle nicht so recht ernst genannt, wie der legendäre Ausspruch des früheren deutschen Innenministers Hermann Höcherl zeigt, der, auf einige rechtliche Unregelmäßigkeiten in seinem Ministerium angesprochen, halb entschuldigend, halb arrogant erwiderte: “Man kann doch nicht den ganzen Tag mit dem Grundgesetz in der Hand herumlaufen”. Immerhin scheint Großbritannien ohne Verfassung ganz gut zu fahren, bis erst bei den höchst komplizierten Parlamentsdebatten zum Brexit selbst manchen Juristen Zweifel kamen, ob ein Staat so weiter durchs 21. Jahrhundert kommen könne.

Linda Colley, Professorin an der Princeton University, verfolgt einen anderen analytischen Ansatz bei ihrer Präsentation der neuzeitlichen Verfassungsgeschichte. Sie untersucht die maßgebliche Rolle, die das Militärwesen und Kriege als zwei prominente Faktoren und die Druck- und Informationstechniken der Neuzeit als Transmissionsriemen bei der Abfassung von Verfassungen gespielt haben.

Die enzyklopädische Fülle, die die Autorin vor den LeserInnen ausbreitet, ist eindrucksvoll. Man glaubt es Colley durchaus, dass sie an diesem Buch zehn Jahre gearbeitet hat. Manchmal sind die vielen Details allerdings auch etwas erdrückend und drohen den eigentlichen Focus des Buches aus dem Blick zu verlieren. Vor lauter “Gewehren, Schiffen und Schreibfedern” (der Titel der Publikation) verliert man etwas die Übersicht. Aber die profunde Analytik von Colley führt die/den LeserIn immer wieder vom story-telling zurück in die Stringenz der Argumentation. Der Zusammenhang zwischen Kriegsende und Verfassungsgebung, zwischen dem Wunsch wenn schon nicht aller Untertanen aber zumindest des Adels, die Befugnissen des Königs einzugrenzen (vgl. Magna Charta) und die Strategie von Herrschern, sich ihren Wunsch z.B. nach höhere Steuern und mehr Soldaten mittels konstitutioneller Zugeständnisse zu verschaffen, ist unbestreitbar.

In acht Kapiteln des Buches entfaltet Colley ihre Gesamtthematik wie Kriege und Kriegsführung das Schreiben von Verfassungen gefördert haben. Neben den allgemein bekannten Fällen wie z.B. die USA, Deutschland mehrfach (1871, 1918 und 1948) stellt uns Colley auch weitgehende wenig bekannte Verfassungs-Aktivisten vor, so z.B. einen Herrscher von Korsika, Katharina II. von Russland, und Paine. Sehr erfreulich ist, dass Colley überhaupt nicht eurozentriert schreibt (ein Fehler, der bei diesem Thema durchaus unterlaufen könnte). So erfahren wir außer den einschlägigen Beispielen in Europa und der USA viel Interessantes u.a. zu Tahiti, Hawaii, Liberia, Japan. Die Fülle des von Colley ausgebreiteten Materials ist fast unermesslich und es ist erfreulich, dass die Autorin im Einführungskapitel und im Epilog einige systematische Kommentare zu ihrem empirischen Befund macht.

Colleys Blickwinkel, Verfassungen nicht wie üblich unter Aspekten des öffentlichen Rechts und der Geschichtsschreibung zu präsentieren, weitet definitiv unseren Blick. Schwächer wird das Buch, wenn sich Colley so der Anspruch der Autorin dem Ende des 20. Jahrhunderts und dem 21. Jahrhundert zuwendet. Natürlich sind ihr die Veränderungen in diesen rund 40 Jahren bewusst, aber sie fließen leider nicht in den analytischen Duktus ein. Auch wenn es so ist, dass es heutzutage kaum noch Staaten ohne Verfassung gibt, gelingt es der Verfasserin nicht, ihr Thema “Kriegsführung und Verfassungsgebung” überzeugend in die moderne Gegenwart zu transformieren. Denn das Profil der gewalttätigen Konflikte seit ca. 1980 bis heute unterscheidet sich erheblich von denen der klassischen Kriegsführung im 19. und 20. Jahrhundert: Wo früher Nationalstaaten mit Panzer, Flugzeugen und Schlachtschiffen und Armeen in Frontlinien operierten, meist mit dem Ziel Territorium zu erweitern, sind die “New Wars” (eine von der Soziologin Mary Kaldor eingeführte Kategorie) ganz anders: Statt um Territorialgewinne geht es jetzt um Vertreibungen und ethnischen Säuberungen; die Kriegsführung in den asymmetrischen Kriegen des 21. Jahrhundert hat auf Kleinfeuerwaffen und effektiv-schnell operierende Kleinlaster und Motorräder umgestellt. An die Stelle der klassischen Abfolge von Drohungen, Eskalation, Krieg, Waffenstillstand und Friedensvertrag in den beiden früheren Jahrhunderten herrscht ein ständiger Mix von Gewalthandlungen und kampflosen Zeiten; es gibt keine klassischen abgrenzbaren Perioden von Frieden und Krieg mehr. Hier findet die Argumentation von Colley ihre Grenzen. Ein Warlord in Somalia, ein Drogenhändler in Afghanistan, eine Sezessionsbewegung in Äthiopien oder gar Terroristengruppen wie der Daesh haben überhaupt kein Interesse an “Verfassungen”. Im Gegenteil, solche Gruppierungen, die den anarchistischen Zustand in vielen Teilen der Welt, insbesondere in den sog. “failed states” prägen, sind gerade darauf aus, ohne Anspruch auf einen “Sieg” die Zentralmacht ständig herauszufordern und die Gesellschaften in denen sie agieren, zu destabilisieren und somit jenseits staatlicher Kontrolle zu verbleiben. (vgl. The coming anarchy. (sandiego.edu). Letztlich endet die Motivation für Verfassungen, die uns Colley mit so eindrucksvollem reichhaltigen historischen Material präsentiert, dort wo Stabilitätsinstrumente wie z.B. Verfassungen eo ipso von den Akteuren in der globalen Arena gar nicht mehr als wünschenswert angesehen werden. Trotz dieser gewissen Gegenwarts-Leerstelle ist jedoch das voluminöse Buch von Colley mit seinem reichhaltigen Material und dem großartigen zupackenden Schreibstil der Autorin ein eindrucksvolles Werk, aus dem die Leserschaft viel Gewinn zu ziehen vermag.

 

Linda Colley: The Gun, the Ship and the Pen. Warfare, Constitutions and the Making of the Modern World. Profile Books 2021, 502 Seiten, 23.99 Euro

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