Rezension

The Rise and Fall of American Growth

15.04.2016 - Dr. Burkhard Luber

Wachstum, Wachstum, Wachstum! Keiner entrinnt diesem Fetisch unserer Zeit. Schon Stagnation bedeutet eigentlich Rückschritt. Nur wer mehr produziert, kann die Konkurrenz in Schach halten. Nur wer mehr konsumiert, kann seinen Freunden zeigen, dass er auf der Höhe der Zeit ist. Wachstum ist die Peitsche der modernen Wirtschaft. Kann es da jemand wagen, gegen Wirtschaftswachstum anzuschreiben?

Robert Gordon ist dieses Wagnis in seinem fundamentalen neuen Buch eingegangen. Freilich nicht in der bekannten ethischen, ökologischen Ermahnungs-Perspektive a la “Grenzen des Wachstums” und “Entschleunigung” sondern mit einer umfassenden Wachstumsuntersuchung in seiner Eigenschaft als Wirtschaftswissenschaftler.

Die Quintessenz seines Buches ist verblüffend: Das Wirtschaftswachstum, das wir so ungefragt als notwendig hinnehmen und dem wir so blind huldigen, ist gar nicht so eine fixe Größe, wie wir gemeinhin glauben. Ja, Gordon zweifelt sogar die bisher eigentlich unumstößliche Gewissheit an - und er nennt Statistiken für seinen Zweifel - dass unser jetziges Jahrzehnt der größte Wachstums-Generator aller Zeiten sei. Gordon weist demgegenüber in seinem Buch nach, dass sich im Unterschied zur Zeit zwischen 1870 und 1945, wo es einen großen Wachstumsschub gab, das Wirtschaftswachstum ab 1970 eklatant verlangsamt hat. Das steht in klarem Widerspruch zur oft vertretenen wirtschaftswissenschaftlichen These eines angeblichen ständigen Wachstums.

Welche Methode ermöglicht Gordon diese so trendwidrige Aussage? Der Hauptgrund liegt darin, dass der Autor den Index des Bruttosozialproduktes (BSP) als der üblichen Wachstumsgröße hinterfragt. Für Gordon bleiben bei dieser Meßmethode eine ganze Reihe wichtiger Wachstumsindikatoren außer Betracht. Ihnen gilt Gordons Interesse und sie befinden sich im Alltag der Menschen: wie sie sich kleiden, was sie essen, wie sie wohnen, wo sie einkaufen. Man könnte Gordons Ansatz einen humanwirtschaftlichen nennen. Seine Meßgrösse statt des BSP ist der Aufwand an Zeit, der für bestimmte Tätigkeiten im Individual-Haushalt benötigt wird, klar erkennbar z.B. im Unterschied zwischen früherer Handwäsche und späteren Waschmaschinen.

Ist Gordons Buch nur für die USA gültig? Die Antwort lautet: Nein. Zwar sind die USA Gordons empirischer Bezugsrahmen, er weist aber zu Recht daraufhin, dass Europa und Japan grundsätzlich wirtschaftliche und technologische Entwicklungen, die in den USA begannen, mit entsprechender Verzögerung später auch vollzogen haben. Gordons Untersuchungsansatz focussiert auf den eklatanten Unterschied zwischen den fundamentalen Wachstumsschüben in der US-Wirtschaft zwischen 1940 und 1970 mit dem vergleichsweise sichtbar abfallenden Wachstums in der Zeit 1970-2015. In die erste Periode fallen die start-ups von großen Warenhäusern und Supermärkten, und die ersten mail order Versandgeschäfte werden gegründet. Im Eßbereich verschwand zunehmend das Zu Hause Kochen zugunsten von auswärts Essen Gehen bis hin zum fast food. Ähnlich revolutionär gestaltete sich der technischen Wandel im Wohnbereich mit Zentralheizung, Kühlschrank, Geschirrspüler, Trockenmaschinen und air conditioning.

Während Innovationen im Bereich Wohnen und Haushalt nach 1970 nicht mehr so “explosiv” waren, ist die kulturelle Revolution durch die Digitalisierung der Unterhaltungs- und Informationsindustrie eindrucksvoll. Natürlich leugnet Gordon hier nicht die gesellschaftlichen und technologischen Veränderungen, die sich mit dem rasanten Ausbreiten des PC ergeben haben bis hin zu smartphone und immer umfassenderen streaming Technologien. Gordon setzt allerdings ein Fragezeichen, ob sich zum Beispiel aus dieser EDV-Entwicklung wirklich ein nachhaltiger Wachstumsschub im klassischen Sinne ableiten lässt und verweist auf die ja auch von Kulturkritikern benannten Überlastungsprobleme durch immer umfangreicheres multi-tasking und 24/7-Totalerreichbarkeit. Auch die massive EDV-Aufrüstung im Schul- und Universitätsbereich hat sich laut Gordon bei weitem nicht in entsprechender Qualitätsverbesserung in der Bildung niedergeschlagen. Natürlich ist der durch die IT generierte Wechsel unübersehbar, wie heutzutage Menschen kommunizieren und sich informieren, aber Gordon weist auch auf die Probleme der umfassenden Digitalisierung hin: Eine wachsende Ungleichheit zwischen EDV-Fähigen und EDV-Analphabeten oder die Abnahme an Aufmerksamkeit unter Jugendlichen durch youtube, Facebook und Co. Auch die in der Tat allumfasende Anwesenheit des smartphone trägt in den Büros nach Gordons Einschätzung nicht gerade zur Produktivitätssteigerung bei, es werden eben jetzt immer mehr persönliche Dinge elektronisch einfach während der Arbeitszeit nebenher erledigt. Und die Verkleinerung der Kommunikationsgeräte und der Stand an Farbenvielfalt und Bildschärfe im Fernsehbereich scheinen auch einer Sättigung entgegen zu gehen.

In seinen abschließenden Buchkapiteln stellt Gordon die Zeitperioden 1920 bis 1970 und die ab 1970 gegenüber und resümiert, dass die dritte industrielle (EDV-)Revolution nicht die gleichen fundamentalen Auswirkungen hat als z.B. Elektrizität, Zentralheizung, zentrale Wasserversorgung im Jahrhundert zuvor. Diese Beurteilung verschärft sich noch, wenn man sich bewusst macht, dass im klassischen Wachstums-Beurteilungsindex des Bruttosozialproduktes qualitative Veränderungen im Lebensstil nicht mit eingehen, wie zB die Helligkeit des künstlichen Licht, die Allzeitverfügbarkeit von elektrischem Strom, die Verbesserung der Lebensmittelaufbewahrung durch Kühlschränke die Einführung von Glühbirnen, die Zunahme des Individualverkehrs mit Autos und Flugzeugen und die Innovationen kultureller Techniken wie Fotographie und Filme.

Gordons Argumentation leugnet nicht, dass sich durch Computerisierung gerade in der Kommunikations- und Informationsbranche revolutionäre Veränderungen ergeben habe, er bezweifelt jedoch, dass sie so wachstumsrelevant sind wie die Erfindungen und technischen Erneuerung in der Zeit vor 1970. Das führt konsequenterweise zur Frage: Was waren die Ursachen für den immensen Wachstumsschub, der nach dem 2.Weltkrieg in den USA einsetzte. Gordon formuliert hier die interessante These, dass gerade die Große Depression und der Weltkrieg dieses Wachstum hervorriefen, der sich in einer eindrucksvollen Qualitätsverbesserung des industriellen Maschinensparks (immer größere Verbesserung der Relation zwischen Investitionskosten zu den damit erzeugten Kilowattstunden und PS) niederschlug.

Gordons Buch ist nicht nur ein tiefschürfendes wissenschaftliches Werk. Der Autor sieht auch hellsichtig, welche negativen gesellschaftlichen Konsequenzen das EDV-Zeitalter mit sich bringt, zB die ständige Verringerung von stabilen verlässlichen Mittelklasse-Berufen infolge von Globalisierung und Outsourcing. Im Rahmen dieser abschließenden Argumentation kommt  der Autor dann auch erfreulicherweise auf gesellschaftliche Hypotheken des sinkenden Wachstums zu sprechen: Zunehmende Einkommens-Ungleichheit, schlechteres Bildungsprofil, Verschlechterung der Alterspyramide, immense Staatsverschuldung. Gordon beschließt sein Buch mit erfreulich konkreten politischen Forderungen nach z.B. Mindestlohn, besserer Vorschul-Erziehung, Steuerreform und erleichterter Einwanderungs-Bedingungen.

Robert Gordon hat ein Opus Magnum geschrieben. Mit einer eindrucksvollen Fülle von Statistiken, Beispielen und Argumenten entlarvt er die “normale” positivenWachstsumsbewertung unserer Gegenwart als nicht haltbar, wenn man einen eingehenden historischen Vergleich anstellt. Dabei präsentiert er eine ganze Reihe von Schattenseiten der angeblich so wachstumsvollen gegenwärtigen Zeitepoche. Dass es sich bei diesem Befund nicht um abstrakte wirtschaftswissenschaftliche Erkenntnisse handelt, sondern dass der Autor auch auf gravierende soziale Konsequenzen hinweist, ist ein besonderes Verdienst des Autors.

Der glänzend gegliederte Band macht es dem Leser leicht auch ohne besondere ökonomische Vorrausetzungen den Argumenten des Autors zu folgen, wobei er auch nicht die chronologische Reihenfolge der einzelnen Kapitel einhalten muss sondern eine ihm genehme Lektüre-Auswahl treffen kann.

 

 



Robert J. Gordon: The Rise and Fall of American Growth. Princeton University Press 2016. 762 Seiten. 32.95 Euro. 

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