Rezension

The Uninhabitable Earth. A Story of the Future.

01.04.2019 - Dr. Burkhard Luber

"2 degrees of warming, the ice sheets beginn to collapse, global GDP per capita drops by 13%, 400 million more people suffer from water scarcity. In the equatorial band of the planet major cities become unliveable, while in the northern latitudes heat waves kill thousands each summer. This is our absolute best-case scenario."

 

 

“Es ist schlimm, viel schlimmer als du denkst”. Das ist die Botschaft der Publikation von Wallace-Wells. Gleich auf der ersten Seite räumt der Autor mit Illusionen auf, die immer noch zum Klimawandel verbreitet werden. Als da sind: Dass er sich irgendwo fernab von uns in der Arktis ereigne; dass er nur die Meeresspiegel betreffe, also nur ein Problem von Küstengebieten sei; dass er nur eine Angelegenheit der Natur sei, gegen die wir uns Menschen gut wehren könnten; dass man sich mit Reichtum gegen ihn schützen könne; dass der Verbrauch fossiler Energieressourcen der Preis für den Wachstums sei und uns die mit ihm einhergehende Technologien uns ermöglichten ihm zu entkommen; dass all das in der Geschichte der Menschheit schon mal vorgekommen sei. Wallace-Wells konstatiert eindeutig: “All das ist nicht wahr”. Gleich zu Beginn seines Buches weist er auf die ungeheure, mit keiner Periode der bisherigen Menschheitsgeschichte vergleichbaren Geschwindigkeit hin, mit der im 21. Jahrhundert CO2 in die Atmosphäre ausgestoßen wird. Es geschieht in unserem Jahrzehnt hundertfach schneller als zu irgendeiner anderen Zeit vor der Periode der Industrialisierung. Schon jetzt befindet sich ein Drittel mehr CO2 in der Atmosphäre als in den vergangenen 800.000 Jahren. Über die Hälfte des CO2, das durch die Verbrennung fossiler Treibstoffe in die Atmosphäre gejagt wird, wurde nur allein in der Zeit seit 1990 emittiert. Bereits jetzt haben sich die fünf wärmsten Sommer, die es in Europa seit 1500 gegeben hat, in den letzten zwanzig Jahren ereignet. Und dieser Kurs wird, wenn die Menschheit weitermacht wie bisher, mit einer 4 Grad Erderwärmung im Jahr 2100 enden, eine Situation, in der ganze Regionen der USA, von Afrika, Australien, Südamerika, Asien südlich von Sibirien nicht mehr von Menschen bewohnbar sein werden. Eine Generation der Menschheit hat die Erde an den Rand der Klimakatastrophe gebracht; es wäre also die Verantwortung dieser Generation sie zu vermeiden. Aber leider deutet nichts darauf hin, dass sie dieser Verantwortung gerecht wird. Das Kyoto Protokoll hat nichts erreicht und der Verpflichtung des Pariser Abkommen, die Klimaerwärmung wenigstens auf zwei Grad zu begrenzen (schon das ein sehr dürftiges Ziel, vgl. das o.a. Zitat) kommt keine der Industrienationen nach. 

Wallace präsentiert zwölf Dimensionen der Zukunft, die er “Elemente des Chaos” nennt:

- Tod durch Hitze

- Hunger

- Überflutung: Sie ist unvermeidlich. Zwar ist die Geschwindigkeit, mit der die Oberflächen der Ozeane steigen, nicht exakt vorhersehbar, wohl aber das Ausmaß des Untergangs: Im Jahr 2100 wird es London, Montreal, Buenos Aires, Istanbul, Bagdad und Peking als Städte nicht mehr geben.

- Feuer (jeder verbrennende Baum emittiert das gesamte CO2, das er - manchmal über Jahrhunderte - gespeichert hat)

- Katastrophen

- Mangel an frischem Wasser

- Der Tod der Ozeane

- Keine Luft zum Atmen

- Seuchen

- Kollabierende Wirtschaft, wobei hier der Klimawandel weltweit und  innerstaatlich ebenso ungleich verteilt sein wird wie die Verteilung von Profiten.

- Klima-Konflikte: Selbst wenn das Pariser Klimaziel erreicht wird, kann sich die Zahl internationaler gewalttätiger Konflikte verdoppeln. 

Nach der Präsentation der empirischen Fakten beschäftigt sich Wallace-Wells mit der Interpretation und den Reaktionen auf diese Katastrophe. Ein Problem sieht er darin, dass im Unterschied zu einem Atomkrieg, wo wenige Verursacher ziemlich eindeutig benannt werden könnten, die Klimakatastrophe Billionen von Verursachern hat, ohne dass die Verantwortung dafür einer überschaubaren Zahl von Entscheidungsträger*innen zugeordnet werden. Jedoch ist der Anteil an den Emissionen in der Welt genauso ungleich verteilt wie der globale Reichtum: Die reichsten 10 Prozent sind für die Hälfte aller Emissionen verantwortlich, wobei auch die sozialistischen Länder weder in der Vergangenheit noch in der Gegenwart einen klimafreundlicheren Emissionskurs eingeschlagen haben. 

Die universalen Ausmaße der Klimaerwärmung wird die Menschheit in jeder Form universal betreffen und unseren Umgang mit der Natur einschneidend verändern. Im 19. Jahrhundert wurde in die Umwelt zugunsten der Industrialisierung eingegriffen (Beispiel: Der Aufbau des Eisenbahnnetzes für den Kohletransport). Im 20. Jahrhundert wurde in die Umwelt entsprechend der Forderungen des Kapitals eingegriffen: Globale Urbanisierung und Aufbau einer umfassenden Dienstleistungswirtschaft. Die Eingriffe in die Umwelt im 21. Jahrhundert wird von den Erfordernissen der Klima-Krise bestimmt sein: massiver Bau von Dämmen gegen den Anstieg der Meere, CO2 aufsaugende Installationen, riesige Solaranlagen. Die Kosten dafür werden gigantisch sein: die Dekarbonisierung des Wirtschaftssystems, eine neue Konstellation für die Agrarwirtschaft, vielleicht sogar ein Planet ohne Fleischkonsum. 

Am Ende seines Buches beschreibt Wallace-Wells die verschiedenen Reaktionen auf die Klimakrise: Linke Antikapitalisten, Kritiker des exzessiven (wellness-) Lebensstils, Aktivisten mit Gerichtsklagen gegen die Verursacher, bis hin zu den Verzweifelten und Apokalyptikern. 

Zum Schluß wird Wallace-Wells auch persönlich. Er definiert sich trotz aller Schrecknisse, die er beschreibt, als “Optimist”, er setzt auf CO2 capture Technologien, neue Geo-Engineering Techniken, die die Erde durch das Emittieren von geeigneten Gasen abkühlen oder andere neue, heute noch nicht existierende Technologien. Mit seinen Worten: “We have all the tools we need, today, to stop it all: a carbon tax and the political appratus to aggressively phase out dirty energy; a new approach to agricultural practices and a shift away from beef and dairy in the global diet; and public investment in green energy and carbon capture.” 

Ein so dicht geschriebenes faktenreiches Buch wie das von Wallace-Wells könnte in die Gefahr geraten, leseunfreundlich zu werden. Das ist hier erfreulicherweise nicht der Fall. Das liegt einmal an der eindrucksvollen Kombination des Autorenstils: Wallace-Wells verbindet die vielen, von ihm präsentierten Fakten und Analysen mit einem überzeugenden journalistischen Schreibstil: Die/den Leser*in unter Spannung setzend, aber nicht reißerisch sondern immer seriös und in einer Weise, die ihr/ihm nicht zuviel zumutet und immer wieder erneut motiviert, weitzulesen. Dazu kann man den Autor nur beglückwünschen. 

Dass das Buch so gut lesbar ist, hängt aber auch damit zusammen, dass Wallace-Wells eine neue, sehr überzeugende Form gewählt hat, seine Belege zu präsentieren: Er verzichtet auf ein Literaturverzeichnis und den Lesefluss hemmende Annotationen auf den Textseiten selber, sondern hängt dem Textteil eine Art Roadmap an, in dem Seite für Seite nicht nur website links und Referenzbücher genannt werden, sondern auch die Definitionen und Argumente auf den Textseiten näher erläutert und belegt werden. Das zugrunde liegende Material für seinen Text im Anhang in dieser gestrafften Form lesefreundlich darzustellen, ist ein besonderes Verdienst des Buches. 

Wie immer frau/man das Buch lesen wird, als Informationsdigest, als ökologische Warnung oder als Motivation zum Handeln - eines ist sicher: Keine*r kann mehr sagen, sie/er habe es nicht gewusst. 

The Uninhabitable Earth. David Wallace-Wells,. Gebunden - Buch


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