Rezension

Thomas Müntzer - Neu Ordnung machen in der Welt

15.01.2017 - Dr. Burkhard Luber

Ein Jahr vor dem großen Luther-Jubiläum eine umfangreiche neue Biographie zu seinem Gegenspieler, Thomas Müntzer, herauszugeben, ist durchaus eine Herausforderung. Mit Siegfried Bräuer (Theologe) und Günter Vogler (Historiker) haben sich dafür zwei Wissenschaftler zusammengetan, die zum Leben und Wirken Müntzers ausgewiesene Fachleute sind. Hier ist nun - vorläufig - “alles” zusammengetragen worden, was wir über den Aufständischen bisher wissen: sein Leben, sein Denken, sein immer erbittert werdender Streit mit Martin Luther und schließlich sein gewaltsamer Tod, nachdem er sich auf die Seite der aufständischen Bauern gestellt hatte.

Die Biographie von Bräuer/Vogler geht äußerst sorgfältig und detailliert vor. Die Leserin / der Leser muss viel Geduld mitbringen, die minutiösen biographischen Schritte mit zu vollziehen, mit denen die Autoren das zum Teil nur sehr spärlich dokumentierte Leben Müntzers beschreiben. Müntzer lebte in einer Zeit, die bereits unabhängig von seinem eigenen persönlichen Werdegang von Unruhe, “Reformations”wünschen, Gesellschaftskritik und Veränderungsideen geprägt war. Interessant ist, dass Müntzers Sozialisation nicht in einer der damaligen großen (Universitäts)Städte stattfand, sondern in der Harzregion, die zwar damals bereits allerhand frühindustrielle Züge aufwies, aber doch eher der Rubrik “flaches Land” zuzuordnen ist. Müntzer macht als Theologe und Pfarrer die damals übliche Karriere, wobei zunächst nichts darauf hinweist, dass er später einmal der religiöse spiritus rector der aufständischen Bauernbewegung werden sollte. Nicht erst in der Begegnung mit Luther entwickelt Müntzer aber zunehmend mehr Sympathie für die an vielen Orten Deutschlands und durch viele verschiedene Personen manifestierte Reformdiskussion zur katholischen Kirche. Zug um Zug entwickelte sich die Gedankenwelt Müntzers von der theologischen Kritik zum politischen Widerstand. Immer klarer wird es für Müntzer, dass nicht nur widerständisches Denken gerechtfertigt ist, sondern, dass der Widerstand auch eine kollektive Form finden muss. Folgerichtig macht sich Müntzer konkret Gedanken, wie diejenigen, die unter der Herrschaft der Fürsten zu leben und das hieß damals vornehmlich: zu leiden hatten, dieser hierarchischen Ordnung etwas entgegensetzen könnten. Der sog. “Allstedter Bund” wird so zum ersten Bauernbund, der sich mit den herrschenden Verhältnissen nicht länger abfinden will. In der folgenden Lebens- und Wirkungszeit radikalisiert sich Müntzer. Es kommt zum vehementen Bruch mit Luther und Müntzer schließt sich den aufständischen Bauern an. Das Evangelium ist für Müntzer nicht mehr eine nur spirituelle Angelegenheit, sondern muss auch politische Relevanz erlangen. In der damaligen Welt konnte das nur in Affront zur tyrannischen Herrschaft des Adels erfolgen und Müntzer geht diesen Weg konsequent Schritt für Schritt. Gottlose, das waren nicht mehr bloß die Sünder ohne Reue sondern auch gerade die Mächtigen, Reichen und die Tyrannen. Folgerichtig positioniert sich Müntzer in Wort und Tat auf der Seite der Gedemütigten und Unterdrückten in Deutschland, weil sie seiner Meinung nach eher das Wort Gottes vernehmen. Damit war die Konfrontation mit Luther vorprogrammiert. Müntzer ging es nicht mehr nur um eine Erneuerung der Kirche sondern um eine gesellschaftliche politische Erneuerung, bei der die tyrannischen Herrscher beseitigt werden sollten. Letztlich zielte Müntzer auf eine allumfassende Revolution. Das ging weit über die Position Luthers hinaus, der sich zwar gegen die Fehlentwicklungen der römischen Kirche stellte, aber die Machtstellung der weltlichen Fürsten nie antastete, sondern sie sogar mit einer gewissen göttlichen Rechtfertigung umgab. Für die unterdrückten Stände konnte Müntzers revolutionäres Gedankengut kaum zeitgerechter sein. Schon lange wollten sie sich nicht mit der hierarchisch verfassten Gesellschaft zufrieden geben. Hier kam der charismatische Theologe, Prediger und politisch revolutionär Denkende genau zum richtigen Zeitpunkt. Befeuert von apokalyptischem Glauben wird Müntzer zum Ideologen des Bauernaufstandes. Seine Auffassung war: Solange tyrannische Herrscher regieren, kann man nicht von Gott reden. Damit war keine Verständigung mehr möglich mit Luther, der sich auf die Seite der Fürsten schlug und ihnen die entsprechenden Argumente für das Niederschlagen der sich anbahnenden Revolution lieferte. Als es dann zur direkten militärischen Auseinandersetzung kam, hatte die Aufständischen keine Chance. In der Schlacht bei Frankenhause wurden fast alle Bauern niedergemacht und Müntzer gefangen genommen.

 

Im letzten Kapitel kontrastieren die Autoren in überzeugender Weise die beiden Positionen der reformatorischen Kontrahenten Luther und Müntzer. Beide sahen die großen Defizite der römisch-katholischen Kirche in ihrer Zeit, aber sie reagierten jeweils in anderer Weise. Müntzer hatte eine apokalyptische Perspektive, die ihn zu ständigem Handeln drängte. Nicht in der Zukunft, sondern hier und jetzt sollte “Reformation” stattfinden und zwar nicht nur kirchlich-religiös sondern auch politisch. Für Luther war das Schwärmertum, das er ablehnte. Luthers Grundlage war und blieb die Bibel, über die hinaus es keine Offenbarung gab, während Müntzer forderte, dass man immer wieder neu nach Gottes Willen suchen müsse. Am vehementesten unterschieden sich beide Reformatoren in ihrer Auffassung von Obrigkeit. Für Luther war sie von Gott eingesetzt, also in jedem Fall zu respektieren, für Müntzer endete der Gehorsam gegenüber den Herrschern dann, wenn sie zu Tyrannen wurden, andere wegen ihres Glaubens verfolgten und das Evangelium missachteten. Müntzer distanzierte sich zunehmend von Luther, als er dessen einseitige Orientierung nur auf die Schrift erkannte, dessen Missachtung der Nöte der armen Leute und seine immer stärkere Anpassung an die Obrigkeiten. Dass Müntzer in Deutschland schließlich Luther unterlegen blieb, lag auch an der sehr viel umfangreicheren Vernetzung Luthers, der viele Verbindung zu Fürsten und Gelehrten unterhielt. Die Unterstützung Müntzers in Deutschland blieb demgegenüber recht bescheiden, fast provinziell. Seine Anhängerschaft beschränkte sich auf eine kleine Region Thüringens. Nur dort konnte Müntzer in ganz kleinem Maßstab das verwirklichen, was ihm für die ganze Kirche und Gesellschaft vorschwebte. Das Milieu seiner Anhängerschaft konnte ihm aber keine publizistische Förderung angedeihen lassen.

 

Erst die nachfolgenden Jahrhunderte haben Thomas Müntzer mehr Gerechtigkeit widerfahren lassen als der ihn verteufelnde Luther und die Fürsten, die den von Müntzer unterstützen Aufstand blutig unterdrückten. Mancherlei bleibt auch bei einem fairen Rückblick auf diesen Mann fragwürdig. Aber das Verdienst dieses Buches ist es, dass das vorwiegend negative Urteil über Müntzer richtig gerückt und ein faires Bild von ihm deutlich wird: „Ein mutiger Streiter für eine radikale Reformation, ein auf die Menschen zugehender Seelsorger, ein die sprachlichen Möglichkeiten einprägsam nutzender Prediger, en zielbewusster Vordenker und kritischer Mahner” (S. 400).

 

 

 

Siegfried Bräuer / Günther Vogler: Thomas Müntzer. Neu Ordnung machen in der Welt. Eine Biographie. Gütersloher Verlagshaus. 2016. 542 Seiten. 58 Euro

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