Magier im Interview

Thorsten Havener: "Ich will kein Schlagersänger unter den Mentalisten sein"

15.07.2019 - Tahir Chaudhry

Nach dem Tod seines Bruders begann seine Faszination für die Zauberkunst. Der Magier, Buchautor und Mentalist kann die Körpersprache anderer Menschen lesen, mathematisch hochgradig komplizierte Rätsel lösen und damit sein Gegenüber verblüffen. Sein neustes Buch "Sag es keinem weiter" widmet sich dem Thema Geheimnisse. DAS MILIEU sprach mit Thorsten Havener über Esoterik-Scharlatane, schiefgegangene Bühnentricks, gefährliche Selbstoffenbarung in den soziale Medien und die Schönheit des Verborgenen.

DAS MILIEU: Wenn über Sie geschrieben wird, dann heißt es oft, Sie seien ein Magier, Mentalist, Illusionist, Gedankenleser oder menschlicher Lügendetektor. Was möchten Sie auf gar keinen Fall sein?

Thorsten Havener: Wahrsager oder Medium. Natürlich gibt es bis heute Menschen, die mir übersinnliche Fähigkeiten unterstellen, weil sie sich nicht erklären können, wie etwa eine Suggestion oder der eine oder andere Zaubertrick funktioniert. Als ich 2005 eine Sendung auf Sat1 hatte und dieser Themenkomplex für die Deutschen noch unentdeckt war, kamen Anfragen, die in diese Richtung gingen. Ich mache das mittlerweile aber schon sehr lange und habe immer wieder öffentlich betont, dass das, was ich tue, nichts damit zu tun hat. Deshalb werde nicht mehr damit in Verbindung gebracht.

MILIEU: Was machen Sie denn beruflich?

Havener: Das ist eine berechtigte Frage. Es kommt immer darauf an, wann ich gefragt werde. Wenn ich gerade auf Tournee bin, dann sage ich, dass ich ein Entertainer bin, der eine Mischung aus Illusion, Körpersprache und Mentalstrategie auf die Bühne bringt. Wenn ich ein Buch herausbringe, dann sage ich voller Stolz, dass ich ein Sachbuch-Autor bin. Und wenn ich als Redner für Seminare gebucht bin, dann sage ich, dass ich Erlebnisvorträge halte, die sich mit Wahrnehmungspsychologie, Intuition und nonverbaler Kommunikation beschäftigen.

MILIEU: Ist es nicht manchmal enttäuschend, wenn man sich selbst nicht die eine Sache vorweisen kann, in der man sehr gut ist?

Havener: Früher habe ich es tatsächlich als Manko abgetan, dass ich kein bestimmtes Wort für das finde, was ich mache. Heute sehe ich es als Vorteil, dass ich die Themen, die mich interessieren, in unterschiedlichen Tätigkeiten zum Ausdruck bringen kann. Einer meiner Lieblingsmusiker ist John Mayer. Er ist ein herausragender Gitarrist, der nahezu jede Stilrichtung beherrscht. Wenn man ihn fragen würde, ob es ein Nachteil ist, alles spielen zu können, würde er wohl sagen: „Nein, warum? Es ist doch schön, dass ich meine Musik so vielfältig zum Ausdruck bringen kann.“ So sehe ich das auch. Müsste ich meinen Beruf auf eine Bezeichnung reduzieren, dann würde ich mich auf „psychologischer Unterhalter“ festlegen.

MILIEU: Etwa ein Drittel der Deutschen bezeichnet sich als abergläubisch. Mit Ihren Fähigkeiten könnten Sie sehr reich werden.

Havener: (lacht) Das wäre aber Bereicherung mit einer Sache, die mir nichts bedeutet und vor allem reiner Betrug ist. Solch ein Reichtum macht weder glücklich noch ist er von Dauer. Noch besorgniserregender als diese Betrüger sind die vielen Motivationsredner, die derzeit da draußen herumlaufen und ihr Publikum mit Kalendersprüchen manipulieren und unmündig halten.

Eine ganze Menge von denen sind ähnlich gefährlich wie Wahrsager. Übrigens will ich auch nicht, dass man mich zu dieser Spezies zählt. Denn sie suggerieren den Menschen oftmals etwas, das nicht stimmt, nämlich: „Du kannst alles schaffen, was du willst. Du musst nur wollen!“. Das ist Blödsinn. Es gehört ja immer das Quentchen Glück dazu – vielleicht auch Karma, Schicksal oder welchen Begriff auch immer man stattdessen einsetzen möchte. Es liegt nicht alles in unserer Hand. Es gibt immer wieder Momente, die außerhalb unserer Kontrolle sind. Das einzige, das wir tatsächlich immer selbst bestimmen können, ist, wie wir auf etwas reagieren. Diese Fähigkeit empfinde ich als die wichtigste Grundlage für Freiheit.

MILIEU: Nehmen wir an, Sie wären ein Scharlatan.

Havener: Ab wann wäre ich das in Ihren Augen?

MILIEU: Wenn Sie zum Zwecke der Selbstbereicherung mit den Gefühlen anderer Menschen spielen und vorgeben würden, eine besondere Gabe zu besitzen, die keine ist.

Havener: Das finde ich abartig und zum Kotzen. Es ist richtig, dass ich viel Geld damit hätte verdienen können, wenn ich das angestrebt hätte. Ich mache Unterhaltung und grenze mich ganz klar davon ab. Auf der Bühne zeige ich eine gute Illusion, um zu faszinieren und wenn ich damit schaffe, mein Gegenüber dazu zu inspirieren, seinen Blickwinkel zu ändern, dann bin ich zufrieden.

MILIEU: Was halten Sie von Menschen wie Uri Geller, die anscheinend davon überzeugt sind, übersinnliche Fähigkeiten zu besitzen?

Havener: Es gibt natürlich Leute, die tatsächlich daran glauben, dass sie in die Zukunft schauen können. Das ist nicht wirklich verifizierbar. Die Welt ist immer das, wofür wir sie halten. Schlimmer ist es für mich, wenn diese Menschen wissen, dass sie eine große Kaffeefahrten-Nummer sind. Ich habe Uri Geller im Rahmen seiner Sendung kennengelernt, weil ich als Berater hinter den Kulissen angefragt wurde. Ursprünglich hatte man mich als Teilnehmer angefragt. Es hat mich überhaupt nicht interessiert bei einer Castingshow mitzumachen. Dann bin ich hingegangen, um mir das Ganze näher anzuschauen. Uri Geller wirkte sehr angenehm auf mich. Aber was er tut und wie er es tut, darüber wurde schon genügend gesagt.

MILIEU: Weiß Uri Geller, was er tut?

Havener: Es gibt einen schönen Spruch des US-amerikanischen Mentalisten Joseph Dunninger: „Diejenigen, die daran glauben möchten, für die braucht es keine Erklärung und für diejenigen, die nicht glauben möchten, wird keine Erklärung ausreichen“. Ich habe einmal einen langen Bericht eines Skeptikers am Ende seines Lebens gelesen, der sein ganzes Leben damit beschäftigt war, andere zu entlarven und der sinngemäß gesagt hat: „Alles was ich getan habe, war für die Katz‘.“ Diejenigen, die daran glauben wollen, werden sich sogar mit den besten Argumenten nicht davon überzeugen lassen. Letzten Endes sind die Leichtgläubigen, die blind jedem vertrauen und die extremen Skeptiker, die zunächst überhaupt nichts glauben, sich sehr ähnlich. Beide Seiten liegen wahrscheinlich falsch. Die Wissenschaft ist wichtig, sie kann vieles erklären. Und dennoch gibt es den Reiz, der vom Unerklärlichen und Verborgenen ausgeht.

MILIEU: Haben Sie persönlich schon mal Erfahrungen mit einem Hellseher gemacht?

Havener: Interessant, dass Sie das fragen. Ich war mit meinen drei Kindern letztes Jahr auf einem Sommerfest. Dort war ein kleines Zelt, auf dem „Wahrsagerei“ stand und „Eine Frage = Ein Euro“. Zuerst bin ich augenrollend daran vorbeigelaufen. Dann hat aber meine neunjährige Tochter irgendwann gefragt, was das für ein Stand sei und ich habe gesagt, dass da jemand behaupte, ihre Zukunft voraussagen zu können. Meine Tochter ist sofort darauf angesprungen und wollte es sehen.

MILIEU: Sie haben es erlaubt?

Havener: Ja, wir sind tatsächlich hineingegangen. Da kam eine ältere Dame auf uns zu, die eine tolle exotische Ausstrahlung hatte und der man angesehen hat, dass sie Lebenserfahrung besitzt. Ich habe an der Art, wie sie uns angeschaut und angesprochen hat, gemerkt, dass das eine sehr verantwortungsbewusste Frau war. Sie hat zum Beispiel zu meinem Sohn, der etwas unsicher war, gesagt, als er eine Karte berührte: „Sei ganz beruhigt. Ich sehe dir doch an, dass du genug Selbstbewusstsein hast“. Sie hat dann nicht eine Karte genommen und gesagt, dass einem dies oder jenes passieren würde, sondern sie hat die Bedeutung der ausgesuchten Karten erläutert und die Symbole mit dem Hinweis „Vielleicht kannst du etwas damit anfangen“ mit auf den Weg gegeben. Wenn man mit den Symbolen nichts anfangen konnte, hat sie einen souverän dazu aufgefordert, ganz einfach eine andere zu ziehen.

MILIEU: Das klingt vernünftig.

Ja, aber bis noch vor gar nicht allzu langer Zeit hätte ich das alles pauschal als Quatsch abgetan. Das lag sicher an einer gewissen Arroganz von jemandem, der meint, sich auf diesem Gebiet auszukennen. Wenn ich ehrlich bin, habe ich mich nur relativ begrenzt damit beschäftigt. Das, was die ältere Dame in dem Fall gemacht hat, hatte mehr etwas von positiver Psychologie und einem guten Coaching als das, was viele Scharlatane als übersinnliche Fähigkeit verkaufen. Das war eine wichtige Lektion für mich: Bilde dir nur erst eine Meinung, wenn du dich mit einer Sache ernsthaft auseinandergesetzt hast.

MILIEU: Nehmen wir an, Sie wären aber dieser Scharlatan, der sie nicht sein wollen, der anderen vorgaukelt, er könne ihre Zukunft vorhersagen. Wie würden Sie vorgehen?

Havener: Ich hätte höchstwahrscheinlich ein überbordendes Selbstbewusstsein, mit dem ich zuallererst ein Mysterium um meine Person herum erzeugen würde. Etwa durch eine Zeitungsannonce würde ich nur diejenigen anlocken, die naiv genug und dafür anfällig sind. Schon beim Eintreten in mein Büro würden meine Kunden sehr viel über sich selbst preisgeben. Nachdem sie sich vorgestellt haben, würde ich ihnen nur Dinge erzählen, die sie hören wollen, damit wir eine emotionale Verbindung haben und sie mich mögen. Das hört man doch lieber, als wenn ich sagen würde, wie schlimm alles werden wird.

MILIEU: Würden Sie nicht ab einem gewissen Punkt ein Risiko eingehen und etwas sagen, das mich darüber staunen lässt, was Sie über mich wissen?

Havener: Nein, das wäre kein Risiko. Sie würden mir alles mitteilen, was ich wissen muss. Ich würde durch wenige sprachlich gesteuerte Illusionen und Fragen, die als Aussage verpackt sind, nach und nach wichtige Informationen – verbal und nonverbal – aus Ihnen herauskitzeln. Ich würde etwa sagen: „Ich habe den Eindruck, dass bei Ihnen kürzlich, in Ihrer Familie das Thema Geld eine Rolle gespielt hat“. Oder spezielle Formulierungen nutzen, wie: „Sie sind jemand, der auf andere Menschen zugeht, wenn die Bedingungen stimmen“. Mein Gegenüber würde für sich genau das herauspicken, was stimmt, weil er mir glauben möchte.

Es gab mal einen großen britischen Wahrsager, der vor einem vielbeachteten Pferderennen Briefe an verschiedene Zeitungen verschickte und in ihnen vorhersagte, wie die verschiedenen Rennen des Tages ausgehen würden. Er hatte an alle Zeitungen unterschiedliche Ergebnisse geschickt. Die Zeitung, bei der alle stimmten, veröffentlichte es und die anderen ignorierten es. Diesen einen veröffentlichten Zeitungsausschnitt vervielfältigte er und verbreitete ihn, um damit zu untermauern, dass er wahrhaftig war. Das war irgendwie schon wieder genial.

MILIEU: Haben Sie nicht schon mal bei einem Ihrer Auftritte etwas über Ihr Gegenüber offenbart, was Sie eigentlich gar nicht hätten wissen können?

Havener: Ich finde, auf der Bühne darf man das nicht machen. Das ist ein Gebiet, auf dem ich mich gut auskenne. Heute Abend auf der Bühne werden zum Beispiel drei Leute nach vorne kommen und jeweils etwas aufschreiben, was sie sehr gerne mögen und was sie überhaupt nicht mögen. Es ist sehr gefährlich vor einer Gruppe von hunderten von Leuten aufzuschreiben, was man gar nicht mag. Stellen Sie sich vor, Sie würden „meinen Chef“ aufschreiben und der sitzt im Publikum. Das kommt aber nicht vor, weil ich im Vorfeld betone, dass das, was aufgeschrieben wird, nicht mehr geheim bleiben wird. Ich tue also nichts, was anderen Menschen unangenehm sein könnte. In dem ganzen Abend geht es um Emotionen und um das Staunen, sich wohl zu fühlen und inspiriert zu werden, gut gelaunt heimzufahren. Ich bin kein dunkler Puppenspieler.

MILIEU: Sie haben irgendwann im Laufe Ihrer Karriere entschieden, Ihr Bühnenprogramm über Zauberei und Hypnose hinaus zu erweitern. Warum?

Havener: Ich habe früher Tischzauberei in Restaurants im ganz kleinen Kreis gemacht. Irgendwann habe ich nicht einfach den ersten Tisch ausgewählt, sondern den Leuten an diesem Tisch erzählt, warum ich sie als erstes ausgewählt habe. Die Stimmung am Tisch war besonders gut, wenn ich ihnen erzählt habe, dass ich den Tisch zuvor drei Minuten lang beobachtet hätte und irgendwann genau vorhersagen konnte, wer was wann machen würde. Aus dieser Erfahrung heraus kreierte ich meine eigene Kunstform. Auch heute Abend werden Sie erleben, wie meine Probanden nicht nur von meinen Kunststücken fasziniert sind, sondern auch von dem, was ich ihnen über sie erzähle.

MILIEU: Wonach suchen Sie Ihre Probanden aus?

Havener: Inzwischen kann ich Ihnen das nicht mehr genau sagen. Ich schaue die Menschen an und weiß sofort, ob es funktionieren kann oder nicht. Früher habe ich darauf geachtet, ob die Person zurücklächelt und nickt, wenn ich es tue. Das war ein Rapport über Körpersprache. Wenn Sie das aber lang genug machen, dann wissen Sie, ob es funktioniert, aber nicht unbedingt, warum es funktioniert.

MILIEU: Was tun Sie, wenn einer Ihrer Zaubertricks auf der Bühne schiefgeht?

Havener: Manchmal habe ich einen Plan B oder ich bin so vertraut mit einem Stück, dass ich immer eine andere Richtung einschlagen kann, wenn etwas nicht funktioniert. Das merkt dann aber niemand, außer vielleicht mein Techniker oder Tourbegleiter. Aber natürlich gibt es Momente, wo ich gestehen muss: „Leute, das habe ich mir anders vorgestellt. Es funktioniert nicht“.

MILIEU: Das kommt aber so gut wie nie vor. Auf der Bühne haben Sie immer die Kontrolle. Es gibt ein Kunststück, bei dem Sie mit einer 100-prozentigen Quote Lügner entlarven. Wurden Sie schon mal im echten Leben getäuscht?

Havener: Klar, alles andere wäre furchtbar. Denn es ist oftmals ganz gut, wenn Dinge im Geheimen verbleiben. Glücklicherweise ist mir eine unangenehme Täuschung im Leben erspart geblieben. Ich wurde aber einmal von meiner Frau im besten Sinne schön getäuscht. Zu meinem 30. Geburtstag hatte sie nämlich für mich eine Überraschungsparty mit einem halben Jahr Vorbereitungszeit organisiert. Das war ein riesiger Aufwand. Aus Amerika kam mein bester Freund angeflogen und ich hatte keinen Schimmer. Am selben Tag war ich sogar mit einem anderen Freund, der eingeweiht war, in der Innenstadt frühstücken und dann noch im Kino zur Mittagsvorstellung. Danach kam ich nach Hause und mache die Tür auf. Wer steht da? Meine Eltern, Verwandte und Freunde aus der Schulzeit. Die Vorbereitung war ein wunderbares, großes Geheimnis .

MILIEU: Warum haben Sie es nicht durchschauen können?

Havener: Sehen Sie? Weil niemand die Frauen durchschauen kann. (lacht) Auch ich kann das nicht. Gott sei Dank.

MILIEU: Damit wären wir bei Ihrem neuen Buch „Sag es keinem weiter“, in dem Sie sie sich mit der Frage beschäftigen, wie wichtig es ist, Geheimnisse zu haben und welche Kraft von ihnen ausgeht.

Havener: Es gibt zwei Sorten von Geheimnissen: diejenigen, die uns beflügeln und es gibt diejenigen, die schlecht sind, zum Beispiel der Betrug, weil sie Schaden anrichten oder das Familiengeheimnis, weil es unbedingt verarbeitet werden muss. Aber meine grundlegende Erkenntnis im Buch ist: Hüte Deine positiven Geheimnisse und betrachte sie als etwas Positives, denn das sind sie oft.

MILIEU: Welche Funktion erfüllen die positiven Geheimnisse?

Havener: Wenn wir beide Freunde wären und ich Ihnen eine Geschichte erzählen würde, die sonst niemand kennt, dann würden Sie dessen Wert verstehen, weil Sie wissen, dass dieses Geheimnis eine Investition in die Freundschaft ist. Ich habe zum Beispiel eine Geste, die ich bei meinen Auftritten mache, die ein geheimer Gruß an meine Kinder ist. Und wenn ich nach Hause komme, dann freuen die sich diebisch und feiern unser verbindendes Geheimnis. Ich erzähle davon in meinem Buch, weil ich dem Geheimnis seinen schlechten Ruf nehmen will. Dieses Buch handelt von Geheimnissen und gibt seltsamerweise gleichzeitig sehr viel von mir Preis.

MILIEU: Sie schreiben in Ihrem Buch „Geheimnisse haben eine innewohnende Schönheit“. Wie können Sie überhaupt noch Begeisterung für Ihren Beruf des Mentalisten und Magiers empfinden, wenn es für Sie durch das Enthüllen und Erlernen der Tricks keine Geheimnisse mehr gibt?

Havener: Das ist eine sehr gute Frage, die mich lange beschäftigt hat. Das Geheimnis und das Erlernen eines Geheimnisses sind zwei Seiten derselben Medaille. Es gibt zwei Dinge, die in mir eine Faszination auslösen: Jemand sagt zu mir, dass er etwas wisse, was er mir nicht verraten werde oder ich entdecke etwas, das ich zuvor nicht wusste und werde neugieriger, je mehr ich über diese Sache erfahre. Für mich gilt das Letztere im besonderen Maße für die Illusion wie für die Musik.

MILIEU: Warum ist es Ihnen wichtig, gerade in der heutigen Zeit den Wert von Geheimnissen zu betonen?

Havener: Das Buch bietet einen tiefen Einblick in das, was ich erlebt habe und wie ich denke. Ich habe es geschrieben, weil ich nicht möchte, dass wir in einer Welt leben, in der es keine Geheimisse mehr gibt. Das wäre furchtbar. Denn wir könnten nicht mehr entscheiden, wem wir etwas mitteilen wollen und wem nicht. Persönliche Geheimnisse sind für mich eine Bedingung für echte Freiheit.

MILIEU: Diese Freiheit geben wir auf, wenn wir die Einladung der sozialen Medien nachkommen und uns selbst bis ins Detail offenbaren und darstellen. Völlige Transparenz, totale Offenheit und Tabulosigkeit sind zu den höchsten Geboten unserer Gesellschaft geworden.

Ich sehe das sehr kritisch. Wir stumpfen immer mehr ab. Der Umgang miteinander wird härter. Weil wir uns in der digitalen Welt anonym bewegen können, haben wir einen sehr rauen Umgangston gefunden. Ein Großteil dessen, was derzeit auf der politischen Ebene in der materiellen Welt passiert, fängt in der fiktiven Online-Welt an. Das macht mich oft sehr nachdenklich. Es ist gerade en vogue die Ellenbogen einzusetzen. Fahren Sie doch mal mit Ihrem Auto zeitgleich mit jemand anderem in eine Engstelle. Dann schauen Sie, was passiert. Es geht dabei ja nicht einmal darum, dass man ein knappes Gut nicht bekommt, sondern nur darum, wer als Erstes fahren darf. Es geht um nichts. Wir sind selbstzentrierter als jemals zuvor, weil wir ein größeres Sendungsbewusstsein haben und glauben, dass alles, was wir fühlen und denken, interessant für die ganze Welt ist.

MILIEU: Warum ist das so?

Havener: Die meisten Menschen, besonders Jugendliche, gehen nicht bewusst mit den sozialen Medien um. Das Wort „Geheimnis“ stammt von Martin Luther, der die Bibel übersetzt hat und das Wort Mysterium übersetzen wollte, aber dafür keinen passenden deutschen Begriff fand. Er nahm das Wort „Ge-heim-nis“, abgeleitet von „Heim“. Und „heim-lich“ war alles, was in die eigenen vier Wände gehört. Die Freunde meiner Kinder fangen gerade an, die ersten Beziehungen zu führen. In den sozialen Medien zelebrieren sie etwa ihre Verliebtheit. Das gehört eigentlich nicht in die Öffentlichkeit, sondern gehört nur diesen beiden Menschen. Warum muss jemand anderes wissen, wie und wo jemand seine Freundin geküsst hat. Diese Gefühle sind doch gerade deshalb schön, weil sie privat sind.

MILIEU: In diesen öffentlichen Gefühlsausbrüchen mischen sich oftmals Inszenierung und künstliche Optimierung. Was macht das mit denjenigen, die das konsumieren?

Havener: Eine gute Bekannte, die viele Follower auf Instagram hat, erzählte mir, dass bevor Fotos von Models veröffentlicht werden, stundenlang retuschiert wird und die meiste Zeit davon wird für die Kniescheiben investiert. Die Leute auf Instagram sehen also in Wirklichkeit auch nicht so aus wie die Leute auf Instagram. Damit erzeugen sie massenhaft falsche Erwartungshaltungen an die Realität.

MILIEU: Lehnen Sie deshalb soziale Medien ab?

Havener: Nein, ich finde es toll, dass man mal in Parallelwelten eintauchen kann, aber wir müssen die Kontrolle behalten. Wir müssen lernen, mit ihnen richtig umzugehen. Heute reicht ein Klick, um anderen mitzuteilen, wie man über eine bestimmte Sache denkt. Früher war das anders. Damals waren Stammtische sehr wichtig. Und wenn man sich dort mal im Ton vergriffen hat, haben die anderen gemerkt, dass man vielleicht keinen guten Tag hat, aber das blieb meist alles im Rahmen des runden Tisches. Wenn ich mich heute bei Facebook im Ton vergreife, kann es sein, dass meine Karriere beendet ist.

Außerdem muss uns klar sein, dass immer, wenn wir auf Facebook oder Instagram sind, wir nicht hier sein können. Das hat mir mein Sohn beigebracht. Er kam einmal nach Hause und hat gesagt: „Papa, voll blöd, dass ich heute mein Handy vergessen habe, weil da war eine Sache, die ich unbedingt fotografieren wollte“. Als ich gefragt habe, was es denn war, antwortete er: „Weiß ich schon gar nicht mehr, aber ich habe mich total darüber ärgert“. Da habe ich ihn länger angeschaut und gesagt: „Merkst du was?“. Da musste er selbst lachen. Susan Sontag, eine US-amerikanische Intellektuelle hat es mal auf den Punkt gebracht: „Das Problem bei Erinnerungsfotos ist, dass wir uns an die Fotos erinnern, aber nicht an die Momente, in denen wir sie geschossen haben“. Das trifft auf die digitale Welt doppelt zu.

MILIEU: Wie digital sind Sie persönlich unterwegs?

Havener: Ich bin ein analoger Mann in einer digitalen Welt. Ich höre immer noch Schallplatten, aber das Digitale ist da und ich werde es nicht mehr verändern können. Es ist Teil unserer Kultur. Ich habe ein Handy, aber kann es auch mal zuhause lassen, wenn ich einkaufen gehe oder mich mit Freunden treffe. Es ist ja auch total verführerisch. Armeen von intelligenten Menschen in großen Tech-Konzernen machen den ganzen Tag nichts anderes, als sich darüber Gedanken zu machen, wie sie uns steuern und länger online halten können. Das Verführerischste an den sozialen Medien ist doch, dass uns vor Augen geführt wird, wie viel uns entgeht, wenn wir nicht online sind. Psychologisch gesehen gibt es für uns nichts Schlimmeres als das Gefühl, etwas zu verpassen.

MILIEU: Verstehen das Ihre Kinder?

Havener: Überhaupt nicht. Die Generation meiner Kinder wird es nicht verstehen, dass es Dinge gibt, die man nicht preisgeben soll. Mein Sohn kann mit dem Buch, das ich geschrieben habe, überhaupt nichts anfangen. Wenn ich ihm sage, dass wenn er über Apple Pay etwas bezahlt, Apple weiß, was er gekauft und wie viel Geld er ausgegeben hat, und dass sie durch die Geschwindigkeit der Anschläge auf der Smartphone-Tastatur wissen, in welcher Stimmung er beim Kauf war und über die Apple Watch sogar wissen, wie hoch sein Puls dabei war, dann sagt er: „Ist mir doch egal! Was soll daran schlimm sein?“. Wenn ich ihm dann sage, dass es vielleicht heute ungefährlich ist, aber in Zukunft gefährlich werden könnte, dann stoße ich auf Unverständnis.

Das darf man vielleicht von einem 13-Jährigen auch gar nicht erwarten. Denn genau da fängt Erziehung an. Weil er das nicht versteht, muss er Grenzen akzeptieren und darauf vertrauen, dass in dem Fall ich als derjenige, der das für ihn entscheidet, es besser weiß. Ich kann Ihnen sagen: das kann manchmal in diesem Alter zu sehr langen Diskussionen führen. (lacht) Aber ich führe sie sehr gerne, weil auch ich unglaublich viel dabei lerne.

MILIEU: Ich verfolge Ihre Karriere seit dem Erscheinen des ersten Buches 2009. Bei unserem letzten Treffen 2016 stellte ich Ihnen die Frage: „Je erfolgreicher Sie werden, desto leichter wird die Kost in Ihren Büchern, desto risikoärmer werden Sie auf der Bühne. Sind Sie im Mainstream angekommen?“. Damals haben Sie es indirekt verneint. Wie würden Sie die Frage heute beantworten?

Havener: Zu der damaligen Zeit, muss ich offen gestehen, war das eine berechtigte Frage. Man sollte auf die Menschen hören, die auch mal etwas Unangenehmes sagen. Ich möchte aber nach wie vor kein Spartenkünstler sein und so viele Menschen wie möglich erreichen. Ich will kein Schlagersänger unter den Mentalisten sein. Nicht weil ich keinen Schlager mag, sondern weil ich ihn nicht machen möchte. Ich möchte neue Wege gehen und nur das machen, was mir am Herzen liegt.

Mein letztes Bühnenprogramm war tatsächlich sehr viel „mainstreamiger“ und inhaltlich dünner als das aktuelle. Ihnen ist sicher aufgefallen, dass ich 2017 und 2018 sehr selten auf der Bühne stand. Ich habe mich extrem zurückgezogen und vieles geändert, um genau das machen zu können, was ich heute mache. Es hat ganze zweieinhalb Jahre gedauert, das neue Programm und mein neues Buch zu schreiben. Dadurch hat meine Arbeit an Tiefe dazugewonnen.

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