Rezension

Trotzdem Ja zum Leben sagen - Ein Klassiker neu gelesen und angereichert

01.05.2014 - Claus H. Godbersen

Wer eine persönliche Krisensituation durchlebt oder seine Augen vor den vielen Krisen und menschlichen Katastrophen in der Welt nicht verschließt, beginnt leicht, am Sinn des Lebens zu zweifeln. Eine Freundschaft oder eine Partnerschaft zerbricht und später erkennen die Beteiligten, dass nur ihre subjektiven Ängste und Vorurteile dafür verantwortlich waren.

Ein geliebter Mensch stirbt in der Blüte seiner Jahre an einer unheilbaren Krankheit.
 
Ein von alten Herren angezettelter Bürgerkrieg zerstört den Traum eines kleinen Mädchens, Ärztin zu werden.
 
Ein Künstler wird in ein politisches Straflager verschleppt und weiß nicht, ob er es jemals wieder lebend verlassen wird, um sein Werk zu vollenden.
 
Dies sind leider sehr reale und keineswegs seltene Bespiele dafür, wie Menschen vor Augen geführt bekommen können, dass sie wenig Planungssicherheit sie über ihr eigenes Leben haben – und seien ihre Absichten noch so gut und ehrbar.
 
Da sowohl menschengemachte Krisen als auch von Gott, Schicksal oder Zufall verursachte Unglücke die Menschheit schon immer begleiten, hat die Frage vom Umgang mit solchen zum Teil fast unerträglichen Nöten des Lebens die Menschen auch schon immer bewegt. Besonders wenn guten Menschen offenbar unverdient Schlimmes widerfährt, wird der Glaube an einen Sinn des Lebens heftig herausgefordert.
 
Viktor Frankl, einer der großen Wiener Ärzte und Psychologen, verbrachte mehrere Jahre in Konzentrationslagern der Nazis. Er erlebte also eine der schlimmsten Situationen, in der ein Mensch sich wiederfinden kann. Nach der Befreiung aus dem KZ schrieb er ein Buch über seine Erlebnisse und insbesondere die psychologischen Reaktionen seiner selbst und der anderen Häftlinge auf die Gefangenschaft im Konzentrationslager. Unter dem Titel „Trotzdem ja zum Leben sagen“ erlangte diese dünne, bescheidene Schrift zu Recht Weltruhm.
 
Mit der Nüchternheit des Wissenschaftlers beschreibt Frankl seine Erlebnisse; die physische und emotionale Hölle, durch die er gegangen ist. Diese Nüchternheit schlägt jedoch an keiner Stelle in kühle Distanz um. Vielmehr bleibt der Autor in seinen Beschreibungen sogar den Tätern gegenüber immer fair. Er führt sowohl Personen in Häftlingslumpen als auch solche in SS-Uniform an, die ihm bewiesen haben, dass es möglich ist, noch im allerschlimmsten Leiden oder in der Versuchung straflosen Machtmissbrauches menschliche Größe zu bewahren.
 
Als Schlussfolgerung ruft Frankl seine Leser auf, würdiges Leiden als Leistung zu verstehen. Zu verstehen, dass es vermutlich keinen allgemeingültigen Sinn gibt, den das Leben uns mitteilen könnte – sondern dass eher jeder Mensch durch den bestmöglichen Umgang mit seiner individuellen, im ganzen Universum einzigartigen Situation, die vom Leben gestellte Sinnfrage beantwortet. Vom Sinn des Lebens gibt es also so viele unterschiedliche Versionen, wie es bewusst fühlende Wesen gibt. Dabei bleibt Frankl jedoch Realist und verschweigt nicht, dass es eine große charakterliche Anforderung ist, gerade schlimme persönliche Situationen derart als sinnstiftend zu akzeptieren.
 
Predigt Frankl also zu den Bekehrten? Spendet er eine Botschaft des Sinns und des Trostes, die durchschnittliche Menschen sowieso überfordert und die nur von Erleuchteten verstanden werden kann?
 
Sicher macht es Frankl  nach Sinn oder Hoffnung suchenden Lesern nicht einfach. Aber dass er trotzdem Recht hat, erscheint umso plausibler, wenn man sich klar macht, dass andere Menschen unabhängig von Frankl zu ähnlichen Schlüssen gekommen sind; so beispielsweise ein Mann namens Old Hawk, ein Angehöriger des Stammes der Lakota Sioux. Sein Enkel Joseph Marshall III. gibt unter dem Buchtitel „Bleib auf deinem Weg“ – „Keep Going“ im englischen Original – die Weisheiten wieder, die sein Großvater ihm zum Umgang mit Lebenskrisen mitgeteilt hat.

Was Old Hawk in einer völlig anderen Sprache und aus einer ganz anderen Kultur heraus sagt, ist der Ethik von Viktor Frankl sehr nahe.
 
Der alte Amerikaner erzählt seinem Enkel im Schatten einer großen Pappel, dass man im Angesicht von Verlust, Schmerz und Angst niemals aufgeben solle. Solange noch Kraft für einen Schritt in Richtung des Ziels vorhanden sei, solle man diesen Schritt auf jeden Fall tun. Auch der kleinste Schritt sei besser als gar keiner und könne womöglich den entscheidenden Unterschied zwischen Erfolg und Niederlage machen.
 
Was aber nun, wenn man gar keinen Einfluss mehr darauf hat, etwas zu erreichen? Wenn ein geliebter Mensch gestorben ist, kann auch die stärkste Hoffnung ihn nicht in diese Welt zurückholen. Die Hoffnung gilt in diesem Fall der Überwindung des eigenen Kummers und einem Leben, das eines Tages auch wieder Freude bringen kann.
 
Dabei verlangt Old Hawk von uns ausdrücklich nicht, dass wir uns heldenhaft benehmen. Wir dürfen verwirrt sein, wir dürfen uns nach Hilfe umsehen, wir dürfen fluchen und weinen. Ob wir dem Sturm des Lebens die Faust entgegenstrecken oder ob wir ängstlich zitternd dastehen, ist egal – solange wir nur immer wieder aufstehen, nachdem der Sturm uns umgeworfen hat.
 
In der Praxis heißt das auch, nicht dem Egoismus, dem Kleinmut und der Verzweiflung nachzugeben. Wenn andere Menschen oder unpersönliche Ereignisse uns wehtun, neigen wir oft umso mehr dazu, anderen Menschen wehzutun, die an unserer Lage völlig unschuldig sind. Wir können das durch aktive Aggression tun, oder dadurch, dass wir uns vollkommen zurückziehen, einigeln und nur noch an unsere eigenen Sorgen denken. So bezeichnet Viktor Frankl es als nur allzu verständlich, dass vielen Menschen im Konzentrationslager in egozentrischer Weise jedes Mittel recht war, um sich selbst und vielleicht ihre paar Freunde zu retten. Aber es gab auch die leuchtenden Ausnahmen:
 
Die Köche – die privilegierte Häftlinge waren – bevorzugten ihre Freunde gewöhnlich bei der Essensausgabe, indem sie ihnen eine besonders gehaltvolle Schüssel Suppe gaben. Nur ein einziger Koch sah die Leute, die in der Schlange vor ihm vorbeigingen, nie an und gab jedem – ob Freund, Bekanntem oder Fremdem – die gleiche Ration. Dieser Koch hatte trotz all seinem eigenen Leid nicht vergessen, dass es noch andere Sorgen in der Welt gab als die eigenen.
 
Versetzen wir uns in einen weniger schrecklichen Alltag und nehmen wir uns ein moderneres Anschauungsstück: den Film „Bruce Almighty“. Kurz zur Handlung: Der von seiner durchaus nicht schlecht verlaufenden Karriere frustrierte Fernsehjournalist Bruce Nolan schimpft unablässig auf Gott, von dem er absichtlich geärgert zu werden glaubt. Eines Tages reicht es Gott. Er erscheint Bruce persönlich, überträgt ihm seine Allmacht und fordert ihn auf, der Menschheit ein besserer Gott zu sein. Es gibt nur eine Regel, die nicht gebrochen werden kann. Jeder Mensch hat seinen freien Willen.
 
Bruce macht sich also daran, erst all seine eigenen Wünsche zu erfüllen und dann die Wünsche aller anderen Menschen. Doch kaum hat er alle Gebete erhört, bricht auf der Welt das blanke Chaos aus – inklusive dass Bruce von seiner Freundin verlassen wird. Als er einsieht, dass selbst göttliche Zaubertricks nicht den freien Willen seiner Freundin verändern und sie zu ihm zurückholen können, geht ihm inmitten des Liebeskummers ein Licht auf.
 
Er lässt die göttlichen Kräfte beiseite und fängt an, mit seinen kleinen sterblichen Fähigkeiten im Alltag ein anderer Mensch zu werden, der plötzlich nicht mehr nur sich selbst sieht, sondern auch den Mann am Straßenrand, der Hilfe bei seinem kaputten Auto braucht. Er fängt an, die Bedeutung in scheinbar banalen Dingen wie in dem Photo-Album seiner Freundin zu sehen und seinen Kollegen ihren Erfolg zu gönnen.
 
Ach ja – und als Bruce schließlich allen falschen Stolz loslässt und Gott die Allmacht zurückgibt, finden er und seine Freundin auch wieder zusammen.
 
Nun ist im Leben das Happy End leider keineswegs so sicher wie in einer Hollywood-Komödie. Aber zumindest können wir ständig für kleine Happy Ends sorgen, indem wir uns nicht unterkriegen lassen; indem wir das tun, was Frankl und Old Hawk uns empfehlen und Bruce uns vormacht: Indem wir uns von persönlichen oder kollektiven Katastrophen nicht entmutigen lassen, sondern uns im Gegenteil von ihnen daran erinnern lassen, wie wichtig es ist, Gutes zu tun.
 
Frustriert über die Politiker, die „immer nur an sich denken“? Erinnern Sie sich einmal daran, dass Politiker auch Menschen mit den üblichen menschlichen Schwächen sind und schreiben Sie irgendeiner Abgeordneten oder einem Minister einen Brief, in dem Sie Ihre Kritik freundlich äußern und einen Verbesserungsvorschlag machen.
 
Bestürzt über den neuesten Bürgerkrieg, der wieder einmal unschuldige Leben zerstört? Raffen Sie sich wenigstens einmal auf und helfen Sie ehrenamtlich den Flüchtlingen.
 
Zu Tode bekümmert über den Verlust eines geliebten Menschen? Denken Sie wenigstens hin und wieder in den schmerzlichen Monaten, die kommen werden, daran, Blut zu spenden, der Supermarkt-Kassiererin ein Lächeln zu schenken oder Ihre Freunde zu fragen, wie es ihnen eigentlich geht.
 
Wenn Sie sich solche Mühen machen, werden Sie hinterher vermutlich feststellen, dass Ihre Stimmung sich zumindest ein klein wenig bessert und Ihre eigene schwere Situation besser erträglich ist als vorher – weil Sie sich selbst bewiesen haben, dass Sie auch in schlimmen Situationen immer noch Entscheidungsmöglichkeiten haben und, dass die Welt nicht nur von bösen Mächten beeinflusst wird, sondern auch von Ihnen selbst. Die Mühe ist es also doppelt wert – für Sie selbst und für Alle; denn wenn weise Menschen von Gandhi bis Gandalf sich in einem einig sind, dann darin: Wunder werden nur selten von Gott bewirkt, sondern meistens von Menschen. Und wenn viele Menschen unverdrossen an kleinen Wundern im Rahmen ihrer Kräfte arbeiten, entsteht daraus peu à peu das Wunder einer besseren Welt.

 

 

 

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