Ausgabe #162

Tugend signalisieren

01.06.2021 - Olivia Haese

Liebe Leserinnen und Leser,
Liebe Autorinnen und Autoren,

zugegebenerweise ist es nicht immer einfach, ermutigende und hoffnungsvolle Texte zu schreiben, ohne dabei auf hohl klingende Redewendungen zurückzufallen. Wie auch in der persönlichen Kommunikation besteht immer die Gefahr, dass ein als Inspiration oder Trost gemeinter Kommentar von dem Rezipienten lediglich als ignoranter Truismus wahrgenommen wird. Vor allem in schriftlicher Form kann unsere Sprache nicht immer die Tiefe unserer Intention akkurat vermitteln, und manchmal scheitern wir bereits an der Intention an sich.

Was wir heutzutage in den Medien immer vermehrt beobachten können, geht aber über die eben beschriebene Problematik hinaus. Wir sehen in der Politik, in der Popkultur und in der Reklame sogenanntes "virtue signalling" – Tugendsignalisierung. Werbespots haben ermutigende Floskeln, die zu einem "tugendhaften" Miteinander motivieren sollen. Prominente Persönlichkeiten verschönern ihren tatsächlichen – ethisch bedenklichen – Lebensstil mit progressiven Hashtags und Moralappellen. Begriffe wie "authentisch" verlieren ihre Bedeutung, indem sie der Überzeugung der Masse dienen, dass etwas lobenswert und glaubwürdig ist, ganz egal ob diese Beschreibung tatsächlich zutrifft oder nicht. Ob etwas der Wahrheit gerecht wird ist dabei also weniger relevant, als dass es politisch korrekt formuliert und hübsch verpackt ist.

Natürlich braucht man nicht "das Kinde mit dem Bade ausschütten" und automatisch jeden Ausdruck von Wertvorstellung als Gutmenschentum abtun. Offensichtlich haben auch hoffnungsbringende und moralisch korrektive Botschaften ihren Platz in der Welt. Im Falle von heuchlerischen Berühmtheiten und manipulativen Werbespots ist es die Oberflächlichkeit des Ganzen, die Unpersönlichkeit, der Mangel an Konkretheit, die diese Form von "Weltverbesserung" eigentlich eher entmutigend macht.

Dass Sprache Macht hat, wissen wir alle. Sicherlich müssen wir unsere Meinung äußern, wenn uns etwas wichtig ist, insbesondere, wenn es sich um ethische Fragen handelt. Vielleicht ist der Unterschied zwischen aufrichtiger Wertevermittlung und dem mit Hintergedanken behafteten virtue signalling ein schmaler Grat. Doch kann man wohl schlussfolgern, dass ehrliche und manchmal sogar provokante Gespräche dem Fortschritt mehr dienen als leere, gekünstelte Formulierungen es tun. Passend dazu befasst sich Nicolas Riedl in seinem Artikel "Werte in Geiselhaft" mit der Problematik, die entsteht, wenn unsere Ideale von elitären Kreisen als Manipulationstaktik eingesetzt werden. Außerdem haben wir dieses mal unter anderem auch einen Artikel von Ibrahim Tsonga und Willi Ora, der sich mit der Frage beschäftigt, inwiefern political correctness, Postmodernismus und Identitätspolitik einen verhängnisvollen Einfluss auf die Redefreiheit haben könnten. 

Wie immer freue ich mich über die verschiedenen Perspektiven, die wir diesen Monat zu Wort kommen lassen können. Viel Freude beim Lesen dieser und aller weiteren Artikel der neuen Ausgabe!

Beste Grüße
Olivia Haese
Chefredakteurin

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