Rezension

Tussikratie - auf den Spuren einer pinken Bewegung

01.06.2015 - Büsra Delikaya

„Dies ist kein Buch gegen Frauen." Eine offensichtliche Klarstellung, vielleicht sogar eine schützende Rechtfertigung der Autorinnen, wohlwissend, dass einige Leserinnen sie während der Lektüre insgeheim verlangen werden. Denn Theresa Bäuerlein und Friederike Knüpling sind sich wohl schon während des Verfassens des Buches darüber im Klaren gewesen, dass die Resonanz unterschiedlich ausfallen wird.

Nicht verwunderlich, denn mit der Wahl des Themas und dieser sehr speziellen Aufarbeitung bewegen sie sich auf ziemlich dünnem Eis. Mit ihrem Buch „Tussikratie“ nehmen sie eine recht abweichende Haltung ein, fernab von all den Positionen, sowohl die der selbsternannten Vollblutfeministinnen als auch der antifeministischen Maskulinisten. Das Buch bricht auf seinen fast 300 Seiten die schier unüberwindbar scheinenden Barrieren des Genderkonfliktes, malt auf munter plaudernde, aber doch sehr bestimmte Art und Weise all die vermissten Grautöne auf das Schwarz-Weiß-Gerüst des Frau-Mann-Dualismus. Vor allem aber spricht es einen Punkt an, der oftmals während all der Diskussionen vergessen wird und an dem all die so zielsicher und mutig scheinenden Worte gerne mal einen großen Bogen machen: die Fehler der Frauen. Der Frauen, die Fehler im Allgemeinen, aber vor allen Dingen gesellschaftlich relevante, oft nur im anderen Geschlecht suchen.

Bäuerlein und Knüpling beleuchten die andere, unberücksichtigte Seite des Problems, jenseits des Ansturms von Beschuldigungen und Versagenszuweisungen an das männliche Geschlecht. Sie thematisieren die Etikettierungen von "der Frau" und "dem Mann" und entfernen sich so mit jeder Zeile von dem festgefahrenen Muster weg, das die zwei Geschlechter als zwei Gesamtheiten betrachtet und jegliche Individualität im Keim erstickt. Nach Knüpling und Bäuerlein sind Männer eben doch keine feste Gruppierung, kein böser Haufen auf der anderen Seite der Front. Das Buch versucht diesen simplen Fakt, der in der Praxis viel diffiziler ist, zu vermitteln und die Voreingenommenheiten gegenüber der männlichen Welt zu hinterfragen. Aus der Frauenbewegung sei eine Art der Diskussionsführung zwischen den Geschlechtern geworden, bei der von vornherein klar sei, dass Männer sich für ihr tumbes, fäusteschwingendes Geschlecht entschuldigen müssten, so die Autorinnen.

Mit kecker und direkter Sprache zeigen Knüpling und Bäuerlein die realsatirischen Züge in der Erwartungsattitude all jener Karrieristinnen, die es sich zur eisernen Aufgabe gemacht haben, die hegemoniale Männlichkeit zwischen all den Wänden der Büros zu eliminieren und den Machtanspruch für sich zu ergattern. Dies ist nicht nur das Ziel als Individuum und bringt Vorteile für das eigene Ich, sondern zeichnet auch eben jene Frau aus, die ihre Geschlechtsgenossinnen auf beste Weise repräsentiert und vertritt. Die Autorinnen beschreiben dieses Phänomen folgendermaßen: „Tussikratie ist eben auch die Vorstellung, dass eine Frau niemals eine individuelle Entscheidung über ihr Leben trifft, sondern dies immer stellvertretend für alle anderen Frauen tut."  Genau das ist die ungemein erfrischende  Nuance, mit der dieses Buch auf all die salonfähig gewordenen Anti-Testosteron-Koalitionen abzielt und deren Widersprüchlichkeiten ironisch demaskiert.

Der Begriff „Tussikratie" lehnt sich an Kleists Thusnelda an, die eine Liaison mit einem römischen Besatzer führt, bis sie merkt, dass er sich nur wegen ihrer Reize auf sie eingelassen hat und ihn dann einer wilden Bärin aussetzt, um ihn so zu ermorden. Die heutige Tussi, die man im Buch als „ein[en] komplizierten Charakter“ kennenlernt, greift nicht mehr zu solch drastischen Mitteln. Ihre Waffe in der heutigen sexualisierten Gesellschaft sind laut Knüpling und Bäuerlein ihre weiblichen Reize. Jene Reize, deren Vorzüge sie bei Gelegenheit gerne nutzt, obwohl sie sich ihnen in anderen Situationen komplett entzieht und als vollkommen gleichgestellt eingestuft werden möchte. Außerdem gehen die Autorinnen in mehreren Kapiteln intensiv auf das auffallend frauendominierte und antimaskuline Weltbild der Tussis ein. Zwischen all den Quotenregelungen und Unabhängigkeitsbezeugungen liegen Probleme, die nicht unbedingt geschlechtsspezifisch sind. Trotzdessen ist für die Tussis nur der Frauenanteil von Bedeutung. Der standardisierte Typus einer Tussi votiere ganz klar und aus Prinzip für die weibliche Kandidatin, wenn in ihrer Firma eine Stelle frei sei, so die Autorinnen weiter.

Das Bündnis der Tussis, das so fest vernetzt und verwoben ist, dass es keinen Funken Testosteron dazwischen zulässt und dem großen, oft friedlich-solidarisch gesinntem Männeranteil keinen Platz bietet, wird in Genderdebatten immer auffälliger. Umso schöner ist die klare Sprache und Haltung der Autorinnen, die keinen flüchtigen, sondern gezielten Blick auf die Männerseite des Konfliktes wirft. Zusätzlich unterstreicht "Tussikratie" in herrlich lockerer Mundart, aber mit durchaus ernstem Unterton die häufig verwischte Grenze zwischen Geschlechter- und Klassenkampf. Denn die Tussi sei gar nicht männerfeindlich. Sie sei gegen eine ganz bestimmte Systemstelle, von der aus meistens die Fäden gezogen werden. Die Tussi vergesse, dass ihr eigentliches Problem ein ganz spezielles Erfolgsmodell sei und nicht die Männer als solche.
Gegebene Missstände wie diese decken Knüpling und Bäuerlein charmant auf. So ist die Beschäftigung mit diesem wichtigen Thema nicht länger erdrückend, sondern vielmehr befreiend. Die Zeilen auf den Seiten und die Stimmen in meinen Gedankengängen waren sich während des Lesens nur allzu oft einig. Tussikratie ist ein Buch mit seichtem Titel und einem umso tieferen Inhalt zwischen den schwarz-orangenen Klappen. Eines der ehrlichsten und deshalb vielleicht auch erstaunlichsten Exemplare, die die Genderliteratur zu bieten hat. Es ist ein einleuchtender und zweifelsohne sehr intelligenter Lesestoff, das bis auf diese melodramatische Frage ausschließlich nur Antworten gibt: „Tussi, Thusnelda, Thusschen. Was machen wir nur mit dir?“ Ich maße mir mal an, dies zu beantworten: Bitte noch mehr Bücher über sie schreiben!

 


Friederike Knüpling und Theresa Bäuerlein: Tussikratie, Heyne-Verlag, 2014, Tascehnbuch: 19,99€, eBook: 13,99€, 320 Seiten

Autoren benötigen Worte.
Worte benötigen Zeit

Spenden & Unterstützen