Ausgabe #161

Überlebensimpulse

01.05.2021 - Olivia Haese

Liebe Leserinnen und Leser,
Liebe Autorinnen und Autoren,

sicher kennen Sie den Spruch "You don't know what you got till it's gone". Ist es nicht so, dass das ganz allgemein auf unsere Wahrnehmung zutrifft, statt nur in einzelnen Lebenssituationen? Man könnte sogar noch einen Schritt weiter gehen und sagen, dass wir Menschen ein durchgängiges Problem zu haben scheinen, den Wert von Menschen und Dingen zu erkennen.

Zum Beispiel hatte uns die Coronakrise dazu gebracht, uns insbesondere um ältere Mitbürger Sorgen zu machen. Ganz plötzlich konnten wir einiges an Empathie für die älteste Generation aufbringen. Aber wie viel Wertschätzung brachten wir den gleichen Menschen davor eigentlich entgegen? Hatten wir bis dahin die einzigartige Lebensperspektive dieser Menschen ehrlich respektiert und ihnen das auch vermittelt? Wie viele Senioren existierten vereinsamt im Altersheim vor sich hin, während der Rest der Bevölkerung genug mit eigenen Problemen zu tun hatte?

Die Schuld daran kann man wohl kaum dem durchschnittlichen Arbeiter geben, der nach seiner 40-Stunden-Woche einfach keine Kraft mehr hatte, noch ehrenamtliche Sozialarbeit im nächsten Seniorenheim zu leisten. Die Schuld kann man wohl eher in der Struktur einer Gesellschaft suchen, die den Wert eines Menschen anhand seiner Arbeitsleistung misst. Ein sehr alter Mensch, der zumindest nicht mehr im offensichtlichen Sinne "einen Beitrag zur Gesellschaft leisten kann", ist in Augen der gleichen Gesellschaft wenig relevant, wenn wir den Wert eines Menschen mit dem Nutzen eines Menschen assoziieren. Und das geschieht schnell, wenn wir unseren Lebensfokus auf Produktion, Progression und Überleben festnageln.

Natürlich haben wir alle – egal welches Gesellschaftsschicht, welches Alter oder welche Lebensumstände – einen starken Überlebensimpuls, tatsächlich wird unser Gehirn im Unterbewusstsein von diesem Impuls geleitet, unsere Persönlichkeitsmuster und tagtägliche Mikroentscheidungen von ihm bestimmt. Wir haben ganz zurecht den Instinkt, uns erst einmal um unsere eigenen Grundbedürfnisse zu kümmern, bevor wir uns in Empathie anderen hingeben. Das ist weder egoistisch noch kontraproduktiv für das Gesamtwohl der Menschheit. Dennoch haben wir in jedem Moment die Macht zu hinterfragen: "Was ist dieses Überleben eigentlich wert?"

Was, wenn die Erfüllung unserer eigenen Bedürfnisse zum Sinn unseres Lebens wird? Wurden wir geboren, um zu überleben und es vielleicht irgendwann mal besser zu haben? Wurden wir geboren, um in einer Illusion von Sicherheit hin und wieder spaßige Erfahrung zu machen? Wurden wir geboren, um uns einen Namen zu machen? Geht es eigentlich um uns?

In unserer neuen Ausgabe haben wir einen Artikel, der dieses Thema wunderbar aufgreift: "Wir brauchen eine neue Aufklärung" von Fritz Kröger, der auch an den Inhalt seines Buches "Intelligenz jenseits der Logik" anknüpft.

Ganz besonders freue ich mich diesen Monat über unser Interview mit der Soziologin Dr. Natasha A. Kelly, mit der wir über die Themen struktureller Rassismus in Deutschland, Schwarzer Feminismus und afrodeutsche Geschichte gesprochen haben.

Vielen Dank auch wieder an alle anderen Autoren, die zu dieser Mai-Ausgabe beigetragen haben.

Viel Freude beim Studieren der neuen Artikel!

Beste Grüße
Olivia Haese
Chefredakteurin

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