Buchauszug

Unfair Fashion: Der hohe Preis der billigen Mode

01.09.2020 - Dana Thomas

Im folgenden Abschnitt handelt es sich um einen Auszug aus dem Buch "Unfair Fashion: Der hohe Preis der billigen Mode" von Dana Thomas, erschienen am 16. Juni 2020 im riva Verlag.

Sie tragen wahrscheinlich Jeans, wenn Sie dies lesen. Wenn nicht, stehen die Chancen gut, dass Sie sie gestern getragen haben oder morgen tragen werden. Anthropologen zufolge trägt die Hälfte der Weltbevölkerung zu einem willkürlichen Zeitpunkt Jeans. 6 Milliarden Jeans werden alljährlich produziert. Der durchschnittliche Amerikaner besitzt sieben – eine für jeden Wochentag – und kauft jedes Jahr vier neue. »Ich wünschte, ich hätte die Jeans erfunden«, gestand der französische Couturier Yves Saint Laurent. »Jeans haben Ausdruckskraft, Bescheidenheit, Sexappeal, Einfachheit – alles, was ich mir für meine Kleidung auch erhoffe.«

Mit Ausnahme von Unterwäsche und Socken sind Jeans die beliebtesten Kleidungsstücke aller Zeiten. Sie sind das, was viele der Rana-Plaza-Arbeiter nähten oder kontrollierten, als das Gebäude einstürzte. Und sie waren das Rückgrat der amerikanischen Textil- und Bekleidungsindustrie, bis Levi’s diese Arbeitsplätze ins Ausland verlagerte. Und zwar alle. Jeans sind extrem umweltverschmutzend – sowohl während als auch nach ihrer Produktion.

Jeans verkörpern alles, was gut, schlecht und falsch in der Mode ist. Echte (blaue) Jeans werden aus Baumwolle hergestellt, einem landwirtschaftlichen Erzeugnis, das zu den ältesten der Menschheit zählt. Allgemein wird angenommen, dass sie bereits 3500 v. Chr. zur Kulturpflanze wurde (manche Archäologen glauben, sogar schon im 6. Jahrtausend v. Chr.). Der altgriechische Historiker Herodot beschrieb Baumwolle als »eine Wolle, die, was Schönheit und Güte anbelangt, die Wolle von Schafen übersteigt«. Nachdem der makedonische König Alexander der Große 327 – 326 v. Chr. mit seiner Armee in Indien einmarschiert war, verwendeten seine Truppen Baumwolle für ihre Bettwäsche und Sattelpolster und nannten sie »Gemüsewolle«. Im Jahr 63 v. Chr. ließ der römische Konsul Publius Lentulus Spinther Markisen aus Baumwolle am Theater für die Apollinischen Spiele anbringen, und zwei Jahrzehnte später war es Caesar, der das Forum und die Straße, die den Palast mit dem Kapitol verband, mit Baumwollplanen überdachen ließ.

Etwa 28 Milliarden Kilogramm (oder 121,4 Millionen Ballen) Baumwolle werden jedes Jahr auf etwa 33,4 Millionen Hektar Land in mehr als 100 Ländern der Welt geerntet. Indien ist der größte Baumwollproduzent, vor China und den USA. Baumwolle wird unter anderem verwendet für Fischernetze, Kaffeefilter, Buchbindungen, Verbandsstoffe, Einwegwindeln, Röntgenstrahlen – sogar für Banknoten: So bestehen die Banknoten der USA zu 75 Prozent aus Baumwolle und zu 25 Prozent aus Leinen.

Am häufigsten wird Baumwolle jedoch für Kleidung verwendet: 60 Prozent aller Damenbekleidung enthält sie und 75 Prozent aller Männerkleidung. Jeans werden zu 100 Prozent aus Baumwolle gefertigt. Trotz aller Bequemlichkeit und Schutz, die sie einst bot, wird kaum ein anderes Erzeugnis so stark ver- und bearbeitet wie Baumwolle: Sie wird gespleißt, besprüht und aufgemotzt bis sie, wie ein viel gelesenes Playboy-Heft, kaum noch wiedererkennbar ist. Der konventionelle Anbau von Baumwolle zählt zu den umweltschädlichsten überhaupt: Ein Fünftel aller Insektizide und über 10 Prozent aller Pestizidewerden zum Schutz der konventionellen Baumwollpflanzen eingesetzt, obwohl die gesamte Anbaufläche von Baumwolle lediglich 2,5 Prozent der weltweiten Ackerflächen ausmacht. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat acht von zehn in den USA meistverwendeten Baumwollpestiziden als »gefährlich« eingestuft.

Außerdem verbraucht der herkömmliche Baumwollanbau extrem viel Wasser: Für ein Kilo Baumwolle werden durchschnittlich 10 000 Liter Wasser benötigt, und die Verarbeitung zu einem T-Shirt und einer Jeans verbraucht sogar noch mehr: fast 19 000 Liter Wasser. Wenn die Modeproduktion weiterhin so stark wächst wie heute, wird die Nachfrage nach Wasser die weltweiten Reserven im Jahr 2030 um 40 Prozent übersteigen.

 

Dana Thomas: Unfair Fashion. Der hohe Preis der billigen Mode, riva Verlag, Softcover, 336 Seiten, 16,99 €.

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