Europas Osten

Unter dem Nussbaum von Ozegovci

29.08.2013 - Dr. Burkhard Luber

Steil brennt die Sonne des Balkans auf Slavonien. Ich keuche mit meinem geliehenen unbequemen Fahrrad die Hügel hinauf und hinunter auf meiner selbst gewählten Tour von Pakrac in den Osten Richtung Pozega. Keine Wasserflasche, kein Werkzeug, keine Pumpe. Dafür Schlaglöcher im Asphalt. Über mir schwüle Wolken, ohne dass sie Schatten gäben. Rings um mich herum Hügel, Felder, Bäume, Wälder. Menschenleerheit. Kilometer um Kilometer fahre ich an Häusern vorbei. Geisterhäusern, verlassenen Häusern, toten Häusern. Häusern ohne Leben. Gerippe. Verschwärzt. Zerfallen. „Erobert“. Stumm, klagend, ohne Laut.

Ich lasse Kusonje hinter mir, Dragovic und dann Novo Selo - gespenstische Ortsschilder ohne Sinn und Verstand. Die Straße mitunter verbrannt von den Einschüssen der Granaten. Manchmal an den verfallenen Häuserwänden noch die militärischen Chiffren: „Hier war die 102. Brigade“ oder „Erobert“. Oder der ängstliche Satz „Kroatisches Haus, bitte stehen lassen“.

Ich weiß gar nicht, wie ich hier weiterfahren soll ohne abzustumpfen oder verrückt zu werden. Manchmal gleitet mein Blick nur ängstlich-scheu über diese „Mondlandschaft“. Aber der Verstand sagt mir: Es ist ja überhaupt nicht der Mond, es ist hier und jetzt, mitten in Europa.

Mir ist heiß und ich habe Durst. Hier „steht“ ein Haus. Genauer gesagt, hier war ein Haus. Dort wieder eins. Da drüben noch eins. Und dann wieder blitzblanke gelbe Ortseingangsschilder wie zum Hohn in ihrer administrativen Klugheit. Nochmal geht’s eine Höhe hinauf, nur noch mit Mühe im dritten Gang. Da - rechts ist Schatten. Ich biege in eine „Haus“-Einfahrt. Eine ehemalige Bank. Jetzt nur noch ein Brett über zwei Holzstümpfen. Für mich ein Geschenk.

Ich lass mich hinfallen auf die verkohlten Balken. Nach einem Moment der Erschöpfung sehe ich mich um. Vor mir, das war mal eine Mauer. Ziegel um Ziegel. Mit Liebe aufeinandergeschichtet. Vielleicht von gespartem Geld durch Überstunden in Wolfsburg. Daneben zwei zerschossene Fenster, eine verbrannte Tür. Überall ranken schon grüne Büsche und Gräser durch die zerfallenen Steine. An der Hauswand ist der Weinstock - noch nicht tot. Grüne Trauben trotzen noch gegen das Unkraut, wenn auch die Stützhölzer schon lange weggeknickt sind.

Träume ich, wache ich? Dies war doch nicht immer Ruine. Hier haben mal Kinder gespielt, Männer und Frauen gelacht, geweint, waren erzürnt und haben sich wieder vertragen. Leben gab es hier, Gerüche, Geschrei, Ruß rauchte, Wasser rann aus dem Brunnen.

Ängstlich, als ob doch noch ein böser Geist um die Ecke käme, wandert mein Blick weiter. Zu den offenen Kaninchenställen, dem eingedrückten Dach einer Scheune. Dazwischen immer wieder hoch wucherndes Gras und Kraut. Schmetterlinge flattern unbekümmert durchs Grün und gleißende Licht. Vor dem Eingang entdecke ich jetzt noch einen umgedrehten Kinderbecher auf dem Boden. Wer hat da zuletzt draus getrunken? Scheu setze ich meinen Fuß näher an die Mauer. Ein Blick hinein. Hier war die Küche, ich sehe noch eine zersprungene Kachelwand. Dort das Klo. Kein Waschbecken mehr, keine Leitungen, keine Hähne. Noch mehr hinein will ich nicht mehr gehen. Setze mich wieder auf meine „Bank“ und komme ins Nachdenken.

Was das hier soll. Was ich hier soll. Was heißt da „UNHCR“, „UNTAES“, „CARE“? Über mir geben die Zweige eines Nussbaums schönen Schatten. Der Sinn ist verwirrt. Auf was soll man setzen? Auf EU, Hilfsprogramme und military peace enforcement? Mein Herz bleibt stumm und redet zugleich. Von dem, was nicht vergessen werden soll: dem lustigen Kindergeschrei hier, dem Kuss zwischen Mann und Frau, dem gebackenen geteilten Brot, der durchzechten Nacht. Vielleicht, vielleicht. Wenn wir in guter Weise das eine vergessen können, Macht, Schüsse, Zerstörungslust und unsere Sinne schärfen, das andere nicht zu vergessen, blauen Himmel und Brunnenwasser, gemahlenes Korn, Lachen und Händeschütteln - vielleicht kann sich auch hier auf der Straße nach Bucje nochmal etwas wenden. Jenseits von Richtlinien, Grundsätzen, Aufbauhilfe und „Wiedergutmachung“. Wenn das Herz nicht vergisst, vielleicht.
 
Ich gucke nochmal auf den Kinderbecher. Nein, ich werde ihn nicht mitnehmen. Dies ist kein Museum. Ich mache auch kein Photo. Hier nicht. Eine Nuss nehme ich vom Boden, hau mich wieder in den harten, viel zu niedrigen Sattel und schiebe durchs Gras auf die Strasse. Nr. 7 so hieß dieses Haus. Hoffentlich heißt es auch nochmal so, irgendwann später. Ich lasse mich den Hügel herunterrollen, zurück. Das war Ozegovci, wie es auf einem „Orts“-Ausgangsschild steht. So nennt sich das hier. Die Sonne brennt noch immer. Diesmal von hinten.

 

Dieser Text entstand, während der Zeit, als der Autor bei Aufbauprojekten im Nachkriegs-Jugoslawien mitarbeitete.

 

Foto: © Tall Guy

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