Comedian im Interview

Ususmango: "Wonach schmeckt eigentlich Cola?"

01.01.2015 - Cihan Köse

Er gehört zu den Gründungsmitgliedern von RebellComedy, einer multikulturellen Standup-Comedy-Truppe. Auf der Bühne präsentiert er Themen aus Politik, der Verschuldung und dem alltäglichen Vaterdasein. DAS MILIEU sprach mit dem Komiker Ususmango über das Humor-Handwerkszeug, RebellComedy und seine Erfahrungen auf der Bühne.

DAS MILIEU: Aus welchem Land kommst du?

Ususmango: Meine Eltern stammen aus Saudi Arabien, um genau zu sein aus Mekka. Mein Vater kam mit 19 Jahren für sein Medizinstudium nach Deutschland und meine Geschwister und ich sind dann in Aachen geboren.

DAS MILIIEU: Warum sagst du nicht, dass du aus Deutschland kommst?

Ususmango: Also rein formal gesehen ist es so, dass ich auch keinen deutschen Personalausweis, sondern saudische Papiere habe. Was die kompliziertere Perspektive betrifft, werden meine beiden Kinder sagen, dass sie aus Deutschland kommen. Bei mir wird das aber wohl nicht mehr passieren.

DAS MILIEU: Wie lange wird es dauern, dass Menschen mit Migrationshintergrund als Deutsche anerkannt werden?

Ususmango: Es hängt von beiden Seiten ab. Einmal betrifft es die Art und Weise wie die Menschen mit Migrationshintergrund sich geben und selbst auf diese Frage antworten. Die andere Seite ist natürlich die Perspektive Deutschlands. Wenn so viele Menschen in Deutschland ihre Wurzeln außerhalb dieses Landes haben und die Gesellschaft noch nicht sagen kann: „Das sind unsere Jungs und Mädchen, das ist unser Volk! Die gehören mit zu uns!“, dann ist das die andere Hälfte. Wir müssen aufeinander zugehen und sollten es positiv betrachten, denn bis auf einige traurige Ausnahmen läuft es ja auch immer besser. Dennoch sollten wir nicht zu schnell Ergebnisse erwarten, dieser Prozess dauert nun mal länger. Wiederum hat es eine gewisse Ironie: Deutschland ist ein sehr korrektes Land. Alles was hier auf Papier steht gilt – bis auf das wichtigste Papier: Der Personalausweis scheint hier nichts zu bewirken. Das ist schon paradox und beinahe lustig.

DAS MILIEU: Die ersten Comedians, die Ausländer spielen sollten, waren u.a. Erkan und Stefan. Dann kamen Kaya Yanar, Bülent Ceylan, usw. Wo hast du Parallelen zu diesen Comedians und worin unterscheidet ihr euch?

Ususmango: Der Unterschied zu Erkan und Stefan ist die Herkunft. Das sind Deutsche, die Ausländer nachäffen und sich über ein paar Klischees lustig machen und im Prinzip dem deutschen Publikum auch die Möglichkeit geben sich über Ausländer lustig zu machen. Kaya Yanar usw. haben für uns natürlich auch die Türen in der Comedyszene geöffnet. Sie haben sich aber auch eher am deutschen Publikum orientiert und ebenfalls die Möglichkeit gegeben, sich über Ausländer lustig zu machen. Eben dadurch, dass sie selbst Ausländer sind und nun über ihre eigenen Klischees lachen.

Wir hingegen thematisieren solche Themen selten und reden eher zu dem Publikum, das so ist wie wir. Es ist kulturell sehr gemischt und hat oft dieselbe Musik gehört, denselben HipHop- oder Graffiti-Background. Dieselben Videospiele wurden gespielt, es wurden dieselben Serien geguckt – das ist eher unsere Schnittmenge. Ab und zu stoßen wir auch auf das Thema Ausländer, weil auch der Alltag davon begleitet ist. Wir lassen es dabei aber eher auf natürlichem Weg herankommen und reiten nicht krampfhaft darauf herum.

DAS MILIEU : Bei der Gründung von RebellComedy wolltest du "unseren Humor wieder[geben]". Was genau meinst du damit?

Ususmango: Sehr früh habe ich gemerkt, dass sich die Leute in unserem Freundeskreis über unseren Humor kaputt gelacht haben und gleichzeitig diese Art von Witzen in der deutschen Comedylandschaft überhaupt nicht existiert. Immer wieder stellte ich mir die Frage: „Warum können mein Freundeskreis und ich mit der deutschen Comedyszene nicht viel anfangen?“. Dave Chappelle, Jerry Seinfeld, Chris Rock.... die amerikanische Comedyszene, die haben wir viel mehr gefühlt. Wir habe uns die Frage gestellt: „Wenn das so viele sind, die mit der aktuellen deutschen Comedyszene nicht viel anfangen können, warum bringen wir dann unseren Humor nicht einfach auf die Bühne?“. Wir bringen nun einen jungen, frischen und authentischen Ansatz auf die Bühne. Keiner von uns tritt mit einem Kostüm oder eine gespielten Rolle auf. Mal erzählen wir Geschichten aus unserem Leben, dann welche aus unserer Gedankenwelt – und die können auch mal absurd sein. Auf keinen Fall folgen wir Klischees.

DAS MILIEU: Kann man also sagen: „Der Typ von RebellComedy ist ein Freund auf der Bühne, der uns von seinem Alltag erzählt?

Ususmango : Oh ja, das ist sehr gut umschrieben. Das ist wirklich der Alltag, den die Person erlebt. Entweder man kann sich als Zuschauer absolut damit identifizieren oder es zumindest nachvollziehen

DAS MILIEU: Stell dir vor RebellComedy gewinnt den Bambi für Integration. Was wären die Gründe dafür?

Ususmango: Für uns sprechen sehr viel mehr Gründe, als für Leute, die irgendwelche Reden halten oder Politiker, die in Talkshows sitzen, aber im Endeffekt nichts bewirken. Schau dir nur mal unser Publikum an. Wir sprechen Leute von alt bis jung an, Deutsche und Nicht-Deutsche. Wir vereinen diese mit einem intensiven Gefühl, das man nicht vorspielen kann: Das Gefühl beim Lachen! In diesem Moment sind alle gleich und fühlen Dasselbe. Wenn ich auf der Bühne stehe, spüre ich diese Gemeinschaft im Publikum immer wieder und genau das ist es, was andere nicht schaffen, die es sich hauptberuflich vorgenommen haben Menschen zu vereinigen.

DAS MILIEU: Lachen und Weinen – sind das Freunde, Feinde oder ist es Hassliebe?

Ususmango: Vor allem sind Lachen und Weinen getrennt durch eine lange Zeitspanne. Grade weinst du und in ein paar Jahren wirst du wahrscheinlich über dieselbe Sache lachen. Gleichzeitig muss man sich auch vor seinen großen Lieben fallen und gehen lassen. Grade da gehören auch Lachen und Weinen zusammen.

DAS MILIEU: Wie viel Comedy kann man betreiben, wenn man keinen Schmerz erlitten hat?

Ususmango : Meinen Geschmack trifft es immer, wenn Comedy einen gewissen Schmerz und eine Tiefe hat, die immer ein bisschen dunkel ist. Auf seine eigene Art und Weise soll Comedy auf etwas hinweisen.

DAS MILIEU: Auf der Bühne fragst du die Zuschauer, welches Strafmaß diese für einen Vergewaltiger wünschen. Die Idee ist, ihn mit einem anderen Vergewaltiger in dieselbe Zelle im Gefängnis zu stecken. Was geschieht, wenn wir solche harten und schmerzhaften Themen mit Humor verpacken?

Ususmango: Der Comedian hat in seiner Position die Möglichkeit offen und ehrlich darüber zu reden. Er kann so etwas lustig verpacken und dennoch den Nerv der Menschen treffen, ohne dass sich jemand dabei angegriffen fühlt. Ich glaube, dass wir auf der Bühne eine Narrenfreiheit haben. Die Besucher kommen extra zu unseren Auftritten, um Comedy zu sehen und unterhalten zu werden. Genau da gibt es auch einen Teil der Narrenfreiheit, wo wir auch sehr ehrlich auf der Bühne sein und so reden können, wie wir es nur unter unseren engsten Freunden machen würden.

Frag mal irgendjemanden, irgendeine Familie, die mit so einer schrecklichen Untat berührt wurde. Der ehrliche Mensch würde dir die schlimmsten Sachen sagen. Dieser Witz sagt ja, dass wir es nicht in den Griff kriegen, die schlimmste Sache in unser Gesellschaft zu kontrollieren: Das Vergewaltigen, die Kinderpornographie und keine Ahnung was alles noch! Wenn man da fragt, was man machen soll, dann spürst du die Ohnmacht der Gesellschaft, auch wenn es Behandlungen von Psychologen oder so gibt. Am liebsten würden die Betroffenen Selbstjustiz ausüben, was auch nicht geht. Was ich dabei zeigen möchte ist die absurde Vorstellung, ihn am liebsten in dieselbe Zelle zu stecken, weil wir aufgrund unserer Ohnmacht einfach nicht weiter wissen.

DAS MILIEU: Was muss man können, um solch schmerzvolle Themen humorvoll zu verpacken und wie sieht humorvolles Verpacken aus?

Ususmango : Es gibt sehr viele Kurse, logisches Denken und auch Themen wie Fallhöhe etc – alles erlernbare Techniken. Was einen jedoch ausmacht ist der generelle Sinn für Humor und der Blick auf Dinge, die für andere als scheinbar 'normal' gelten. Dazu muss man auch noch sehr sozial aufgewachsen sei und viel Liebe erfahren haben, denn wer viel Liebe in jungen Jahren erfährt, entwickelt auch viel Empathie – und wer sich in den anderen hineinversetzen kann, kann diesem dann auch Geschichten bewusst erzählen. Das heißt, dass mir dann auch klar wird, was ich mit welcher Erzählung bei dem anderen bewirke.

Als Comedian stehe ich alleine mit dem Mikrophon auf der Bühne. Meine Aufgabe ist es, den Leuten nun einen Kinofilm in ihrem inneren Auge zu zeichnen. Die Möglichkeit des freien Erzählens, die Rhetorik und auch die Sicherheit auf der Bühne haben wenige Menschen. Dazu muss du natürlich selbstsicher sein und eine große Selbstironie besitzen.

DAS MILIEU: Sind das auch Eigenschaften, die am besten jeder Mensch haben sollte?

Ususmango: Also Empathie und soziale Intelligenz sollte auf jeden Fall jeder Mensch haben. Es ist eine Sache, die leider in unserem Schulleben zu wenig gefördert wird, obwohl sie im Umgang miteinander eine sehr große Rolle einnimmt. Während der verrückte Blickt auf die Dinge vielleicht nicht so bedeutsam ist, muss die emotionale und soziale Intelligenz bei uns für fast alle Lebenslagen ausgebildet sein.

DAS MILIEU: „Rechts neben mir war so ein Fettsack. Er hat einfach sehr viel gegessen in seinem Leben: Er ist ein Fettsack!“ - und dein Publikum lacht. Macht es Dinge einfacher, wenn wir so etwas Offensichtliches ansprechen?

Ususmango: Bei solchen Sachen entsteht oft eine Pause, wo man doch noch darüber anfängt nachzudenken. Ich schreibe grade an etwas, wo ich mir die Frage stelle: „Wonach schmeckt Cola?“ Jetzt mal ganz ehrlich, wonach schmeckt denn Cola überhaupt? Keine Ahnung wonach das schmeckt. Bei Kaffee kannst du in etwa sagen wonach es schmeckt, du kannst in etwa sagen wonach Apfelsaft schmeckt usw... Aber wonach schmeckt nun Cola? Es ist eine allgegenwärtige, offensichtliche Sache und bei solchen Sachen möchte ich eine kurze Pause machen, um so etwas mal zu reflektieren und darüber nachzudenken. Auch das Beispiel mit der offensichtlichen Ansprache, dass es ein Fettsack ist, führt das dazu, dass Dinge hinterfragt werden oder aber auch in anderen Beispielen Dinge wertgeschätzt werden. Wie wenn wir aus dem heißen Ausland nach Deutschland kommen und sagen: „Wow, wie grün ist eigentlich Deutschland!“.

DAS MILIEU: In deiner Familie gab es unter euch Jungs einen Wettbewerb, immer lustiger als der andere sein zu wollen. Heute nutzt du diese Fähigkeiten und darfst mit einer Sache, die du liebst teilweise dein Geld verdienen. Stell dir vor, du könntest in die Vergangenheit reisen: Würdest du dem jungen Ususmango empfehlen weniger für die Schule zu machen und stattdessen mehr an seinen Comedy-Fähigkeiten zu arbeiten?

Ususmango: Ich glaube nicht. Meine Schulzeit war sehr intensiv und sehr streng, dabei habe ich aber auch eine gewisse Bildung erfahren und gelernt, wie ich mich auch selbst weiterbilde. Das ist einfach das Handwerk des Lebens. In der Schule habe ich gelernt, Dinge zu betrachten und vor allem auch kritisch an etwas heranzugehen. Als Comedian sitze ich ja nicht nur am Schreibtisch mit Papier und Stift, ich stehe auch auf der Bühne mit Mikrophon. Ich philosophiere auch über meinen Lebensweg und plane meine Zukunft. All das hat mit Charakterentwicklung zu tun, die ich während meiner Jahre auf dem Gymnasium erlebt habe. Ich war dort der einzige Ausländer, was absolut kein Spaß war, denn ich wurde teilweise gehasst. Dennoch habe ich dort sehr viel gelernt, wie beispielsweise mein Durchsetzungsvermögen. Das Ziel im Leben sollte also nicht sein, ein Weltstar zu werden, sondern eine innere Zufriedenheit zu erlangen und ein gutes Vorbild für die Kids zu sein. Das habe ich natürlich sowohl von meinen Eltern, als auch durch meine Schulzeit gelernt. Genau diese Dinge sind mir wichtig.

DAS MILIEU: Was macht es mit dir, wenn das Publikum nicht über deine Witze lacht?

Ususmango: Im Prinzip nichts, weil ich mein Handwerk schon beherrsche. Wenn ich aber nun zehnmal mit einer Sache nicht ankomme, dann wird mir klar, dass etwas nicht stimmt. Falls aber bei acht von zehn Auftritten gelacht wird, weiß ich, dass der Kram gut ist.

DAS MILIEU: Beende bitte folgenden Satz: „Wenn wir aufhören zu lachen, ...“

Ususmango: (lacht kurz und überlegt) „...dann können wir alle einfach zu Hause bleiben und nie wieder rausgehen!“. Es ist ein Aufeinander-Zukommen, eine Erleichterung des Lebens durch den Humor. Die Härte des Lebens kann so ausgehebelt und Distanz zwischen Menschen verkürzt werden. Ansonsten kannst du direkt zu Hause bleiben (lacht).

DAS MILIEU : Vielen Dank für das Gespräch, Ususmango!

 

 


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