Sprachkolumne

Versteckte Geschichten in unserem Sprachgebrauch

01.07.2021 - Daniela Ribitsch

Über die Auswirkungen versteckter Geschichten auf unseren Lebensstil und wie wir sie durch die Analyse unseres Sprachgebrauchs aufdecken können

Einflussreiche Geschichten

Als Geschichten definieren wir normalerweise gesprochene oder geschriebene Texte oder Bilder, die uns reale oder fiktive Begebenheiten erzählen, so etwa Biografien, Kurzgeschichten, Gedichte, Dokumentar- oder Spielfilme. Doch es gibt auch Geschichten, die wir Menschen als Richtlinie für unseren Lebensstil verwenden, ohne dass uns dies wirklich bewusst ist. Diese Geschichten können wahr oder unwahr sein und stark unsere Weltansicht und damit unser Verhalten beeinflussen. Und freilich sind einige dieser zahlreichen Geschichten beliebter als andere.

Eine beliebte Geschichte ist beispielsweise der Glaube, dass uns die Smart-Technologie mit smarten Häusern und selbstfahrenden Autos ein viel besseres Leben als jetzt bieten wird. Die weniger bekannte Gegengeschichte hingegen besagt, dass diese Technologie unheimlich viel Energie verbraucht, die momentan noch vornehmlich aus fossilen Brennstoffen gewonnen wird. Zudem wird jeder unserer Schritte aufgezeichnet und ein Verhaltensprofil von uns erstellt, um unser Verhalten zu beeinflussen und daraus Kapital zu schlagen. Die US-amerikanische Wirtschaftswissenschaftlerin Shoshana Zuboff nennt dies Überwachungskapitalismus (engl. surveillance capitalism)1.

Eine andere beliebte Geschichte ist, dass unsere Wirtschaft unaufhörlich weiterwachsen muss. Dieser Geschichte entsprechend fördern Unternehmen und Politik den Konsum und unterstützen die Ausbeutung unserer Erde. Eine weniger bekannte Geschichte erzählt allerdings, dass Ressourcen immer knapper werden, die Müllberge zunehmen und unser stetig steigender  Energiebedarf immer schwerer zu decken ist. Da nichts auf dieser Welt endlos ist, müssen wir die Wirtschaft dringend entschleunigen.

Eine weitere beliebte Geschichte versteht Fleisch, Fisch, Milchprodukte und Eier als notwendige Zutaten unserer Ernährung. Eine ziemlich unbekannte Gegengeschichte erzählt jedoch von Herzproblemen, Entzündungen, Diabetes, Krebs und anderen Krankheiten, die durch diese Nahrungsmittel gefördert werden. Zudem ist die Produktion dieser Lebensmittel eine der Hauptursachen für Klimawandel und Umweltverschmutzung.

Natürlich widerspiegeln sich solch einflussreiche Geschichten nicht nur unserem Lebensstil, sondern auch in unserer Sprache. Wenn wir unseren Sprachgebrauch aufmerksam beobachten, können wir die uns beeinflussenden Geschichten, denen wir schon ein Leben lang ohne großes Nachfragen folgen, sichtbar machen und viel über ihren Einfluss auf uns lernen. Oftmals ermöglicht uns auch erst die Analyse unserer Sprache den notwendigen neuen Blickwinkel auf diese Geschichten, um sie hinterfragen und gegebenenfalls auch ändern zu können. Doch sehen wir uns dazu zwei konkrete Beispiele an: unseren Umgang mit Pferden und unserer Zeit.

 

Pferde brechen

Das Englische verwendet für das Zureiten von Pferden den Ausdruck „to break a horse”, der im Gegensatz zum Deutschen deutlich widerspiegelt, was wir in Wirklichkeit mit unseren Pferden machen: Wir brechen ihren Willen, damit sie unseren Kommandos widerstandslos folgen. Natürlich lieben wir unsere Pferde innig, doch wie sehr sie sich dennoch unseren Wünschen beugen müssen, zeigt die Linguistin Karin Wullenweber anhand unseres Sprachgebrauchs in ihrem Aufsatz zur Sprache des Reitsports.

Pferde, so sagen wir, „haben Spaß an der Arbeit”, wenn sie tun, was wir wollen. Sie gelten dann als „willig”, „führig” und „rittig”. Sollten sie sich aber weigern, nennen wir sie „stur”, „schwierig”, „bösartig”, „aggressiv” und „Problempferde”. Um Pferde zu „kontrollieren”, verwenden wir „Hilfsmittel” wie Trensen, Gerten, Sporen und Hilfszügel, obwohl die für Pferde sehr schmerzhaft sind. Der Einsatz von Gerten kommt beispielsweise Schlägen gleich, während Trensen den empfindlichen Mund und die Zähne verletzen.

Als Fluchttiere drücken Pferde Schmerz durch nonverbale Kommunikation aus: Sie schlagen mit dem Schweif, blähen die Nüstern und sperren den Mund weit auf. Wenn sie in ihrer „Box”, die ja eigentlich ein „Käfig” ist, mit dem Kopf hin- und herpendeln, mit den Hufen scharren oder gegen die Boxenwand schlagen, wird dies oft als „Macke” abgetan. Die Pferde machen das aber, weil sie unter der Isolation leiden.

In seiner Reitkunstschule Nevzorov Haute École lehrt der russische Fernsehjournalist Alexander Nevzorov, wie wir uns ohne Reiten und Hilfsmittel wie Trensen oder Gerten auf erfüllende Weise mit unseren Pferden beschäftigen können. Wie das möglich ist? Bitte schauen Sie sich ein paar seiner Online-Videos an, indem Sie nach „Nevzorov Haute École” suchen.2Ich persönlich habe noch nie so viel Liebe und Vertrauen bei Pferden gesehen wie in seiner Gegenwart. Und es wäre so wunderschön, die gleiche Liebe und das gleiche Vertrauen auch bei Pferden außerhalb seiner Schule sehen zu dürfen!

Zeit ist Geld

Gehören Sie, liebe LeserInnen, zu den zahlreichen Menschen in den Industrieländern, die jede Sekunde ihres Tages verplanen? Vielleicht hat sich das ja während Corona geändert und Sie konnten ein bisschen zurückschalten. Oder war Ihr Alltag noch hektischer? Und wie wird es nach Corona weitergehen? Ebenso stressig oder etwas entspannter?

Ohne Uhr zu leben, ist in unserer heutigen wirtschaftsgetriebenen Gesellschaft wahrhaft purer Luxus. Nur sehr wenige von uns haben das Glück, sich Zeit gönnen zu dürfen. Warum? Weil Zeit Geld ist. Weil die Arbeit uns kaum Freizeit für eigene Interessen lässt. Und weil das Leben zu kurz ist, um alles unterzubringen. 

Die US-amerikanischen Linguisten George Lakoff und Mark Johnson bezeichnen die Beziehung zwischen Zeit und Geld als eine sehr enge. Wir erhalten beispielsweise Stundenlohn, verfügen über ein jährliches Budget und die Laufzeit unseres Kredits bestimmt dessen Konditionen. Wie Sie sehen, hat diese enge Beziehung zwischen Zeit und Geld unsere Sprache merklich beeinflusst. So investieren wir Zeit, sparen Zeit, budgetieren Zeit und fragen, wie viel Zeit etwas kostet.

Freilich brauchen wir Geld, um Grundbedürfnisse wie Nahrung und Unterkunft zu stillen. Doch viele von uns wollen mehr: reich genug sein, um sich einen gewissen Luxus gönnen zu können. Aber vielleicht ist es genau dieser Traum vom materiellen Luxus, der uns vergessen lässt, das Leben zu genießen.

1963 veröffentlichte Heinrich Böll seine Kurzgeschichte Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral. In dieser Geschichte findet ein Tourist einen ärmlich gekleideten Fischer dösend in dessen Boot vor. Da der Fischer ihm leidtut, fragt ihn der Tourist, warum er denn keine Fische fange. Als der genervte Fischer antwortet, er habe das bereits getan, ermuntert ihn der Tourist dazu, doch jeden Tag den ganzen Tag lang zu fischen, damit er sich ein profitables Unternehmen aufbauen könne. Nach Jahren der Arbeit hätte er schließlich genug Geld, um – den ganzen Tag in seinem Boot zu dösen. Als ihm klar wird, was er da gerade gesagt hat, verwandelt sich das Mitleid des Touristen in Neid. Natürlich stimmt es, liebe LeserInnen, dass der Fischer ein sehr schlichtes Leben hat. Aber er kann seine Bedürfnisse stillen und das Leben genießen.

Statt blindlings den hier dargestellten Geschichten oder anderen beliebten Geschichten in unserer Gesellschaft zu folgen, sollten wir unsere Sprache genauer beobachten, durch sie versteckte, uns leitende Geschichten aufdecken, zu diesen Geschichten kritische Fragen stellen und weniger bekannte Gegengeschichten erkunden - etwa die Entschleunigung der Wirtschaft, die Reduktion unseres Konsums, das Streben nach wertvoller Zeit anstelle von Geld und Erfolg, die Suche nach einer neuen Beziehung zu unseren Pferden und anderen Lebewesen sowie eine pflanzenbasierte Ernährung -, um gesunde Entscheidungen für uns selbst und Mutter Erde mit all ihren Lebewesen treffen zu können!


1) Zuboffs Buch Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus (engl. Original: The Age of Surveillance Capitalism) ist zwar sehr dick, aber absolut lesenswert.

2) Bitte beachten Sie, dass Nevzorov in einigen Videos auch reitend gezeigt wird. Bis vor einigen Jahren war es nämlich erlaubt, 15 Minuten pro Tag zu reiten. Doch da dies mittlerweile als zu schmerzhaft und schädlich für die Pferde erachtet wird, hat die Schule das Reiten nun völlig gestrichen.

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