Kurzgeschichte

Verstricktes Netz

01.11.2013 - Felix Kroll

Rastlose Augen huschen hektisch hin und her, vertieft in einem Meer aus Bildern. Das helle Licht wird trübe im fahlen Gesicht, dessen Verzerrungen auf das angestrengte Saugen am zerkauten Strohhalm hinweisen. Eine hagere Gestalt hämmert in die Tastatur, mit einer Anzahl an Anschlägen, dass es dem stürmischen Regen gleichkommt, der die Tristesse seines funktional eingerichteten Quartiers zu unterstreichen scheint. Die Nacht umhüllt den tagezeitenunabhängig finsteren Raum, den Michel zu schätzen gelernt hat. Manchmal fragt er sich warum überhaupt, aber nur in den kurzen Momenten, in denen sich sein Blick vom Monitor loslöst und keinen Platz zum verweilen findet. Überall nur verblasste Vergangenheit, ach Dulari.

Jetzt hat Michel eh keine Zeit für Sentimentalität, keiner hat nunmehr irgendwann Zeit für so etwas. Die Arbeit ruft, die Freiheit stöhnt, und dennoch - bequem ist es allemal. „Nur noch ein paar Stunden!“, flüstert er mantraartig ins Mikrofon seines Headset. Niemand antwortet ihm am anderen Ende, doch die Polster isolieren ihn von äußeren Störungen. „Dieser Scheißregen“, entfährt es seiner rechten Gehirnhälfte, da die Linke mittlerweile konzentrationsgeschwächt rebelliert. Der Strohhalm schlürft vergebens auf dem Boden der Energy-Dose, die einem Fass gleicht.


Der Kühlschrank ist nur wenige Meter entfernt, doch Michel ist froh, dass er leer ist. Er schmeißt seufzend die USB-Kaffeemaschine an und starrt auf die Jalousie direkt neben ihm. In einem Anflug von Sehnsucht reißt er sie hoch und schaut zum Mond, der zwischen den unzähligen Wohnblocks der Umgebung und den riesigen Wolkenkratzern in der Ferne überlegen auf die Szenerie hinabblickt und verächtlich sein Licht auf den düsteren Beton spuckt.


Trotzdessen findet Michel Gefallen am Naturschauspiel, nippt am noch zu heißen Kaffee und schwelgt zugleich in Erinnerung. Wie gern verbrachte er die Tage bei seinen Großeltern auf dem Land und kuschelte sich in die mit Mustern verzierte Bettdecke, die so dick und wohlriechend wie nirgends sonst war. Bei Unwetter zählte er dann die Sekunden vom Blitz bis zum Donner, um die Unmittelbarkeit der Gefahr auszuloten. Und war das Gewitter auch noch so nah, fühlte er vollkommene Geborgenheit und genoss dieses scheinbar widersprüchliche Gefühl.


Hypnotisiert von den bizarren Tänzen des Lichts und dem Rhythmus des Wassers versucht Michel sich an die Formel zur Berechnung  der Entfernung des Gewitters zu erinnern, als es urplötzlich fast simultan blitzt und donnert, sodass es ihn in selten gewordener Intensität zusammenfahren lässt. Eine Schreckbewegung, ein brauner Fleck und brennender Schmerz. Doch damit nicht genug: Die vergilbte Tastatur wurde arg in Mitleidenschaft gezogen und ging mit der brodelnden Brühe eine zerstörerische Verbindung ein.


Jedoch, eine reinigende. Anstatt des vermuteten cholerischen Anfalls oder weinerlicher Depressivität, erwischt Michel sich selbst, wie ein Lächeln unverhohlen und bar jeglichen Zynismus über sein von Pickeln vernarbtes Antlitz huscht. Ach Dulari, wie könnt ich vergessen. Wir guckten uns beide gerne tief in die Webcam und befand sich dein Internetanschluss auch auf entlegenem Kontinent, so fühlte ich mich dir so nah. Bei einem unserer heiteren Gespräche, musstest du einst so losprusten, dass auch deine Tastatur einen feuchten Tod starb. Tränen vor Lachen, statt Weinen vor Einsamkeit. Während Michel gedanklich abwesend vor sich her grinste, merkte er nicht, wie der koffeinhaltige Lavastrom sich seinen Weg Richtung Mainboard bahnte.

Das Unheil nahm seinen Lauf und Michel wurde erst aufmerksam darauf, als abrupt die letzte Lichtquelle erlosch und sein Zimmer nun endgültig von Dunkelheit erfüllt war. Die konturlose Tapete reflektiert zwar noch genügend die Wetterphänomene, sodass er nicht gänzlich blind war, trotzdem beginnen seine Mundwinkel zusammenzufallen. „Und nun?“, resümiert er knapp die verfahrene Gesamtsituation. Einerseits muss er noch Berge an Arbeit erledigen, diverse Projekte pitchen und so. Andererseits fühlt er sich in dieser Situation der zwangsversetzen Untätigkeit nicht gänzlich unwohl.


Diese für seine Verhältnisse fast schon meditative Minute veranlasst seinen Geist, einige der gedanklichen Pfade zu bewandern, die sonst zumeist unausgetreten bleiben. „Ersma ne Kippe“, beschließt er und öffnet dafür das erste Mal sein Fenster, stellt sich an den Sims und pustet genüsslich den Rauch gen Mond. Danach inhaliert er einen tiefen Zug Frischluft, wobei er seinen Kopf soweit aus dem Fenster streckt, dass ihm seine zu lang gewachsenen Haare um die Ohren fliegen. Er spürt die Tropfen seine Wangen herunter fließen und überlegt mit geschlossenen Augen, wie weiter vorzugehen sei. Ersatztastaturen hat er immer parat und auch eine Reparatur des Computers wäre für einen Nerd seines Kalibers kein aussichtsloses Unterfangen. Allein, die Lust dazu vermag nicht aufzukommen.


Wieder taucht Dulari vor seiner inneren Mattscheibe auf, mitsamt Screenshots ihrer zahlreichen Chatprotokolle. Allesamt dokumentieren sie, wie viel Nähe die beiden trotz geografischer Distanz verband. Selten teilte er so offenherzig Emotionen mit einem anderen Menschen, was mit den Monaten eine unwirkliche Bindung zu ihr entstehen ließ. Tragischer weise wurde die immense Bedeutung dieser Beziehung offenkundig ziemlich einseitig empfunden. Michel stalkte sie regelrecht virtuell und war eifersüchtig, wenn sie online war, aber ihm mal nicht sofort antwortete. Irgendwann löschte sie ihn aus der sogenannten Freundesliste, wobei eine „Eigentlich-unbekannt-Liste“ sich zugegebenermaßen auch ziemlich blöd anhört. Naja, so läuft das halt im Netz.


Nicht weiter dramatisch möchte man meinen, er hat ihrem Faible für extraordinäre Unterschichts-Lyrik eh nie viel abgewinnen können und vielleicht war das schon Grund genug für ihr Auseinanderdriften. Näher kamen sie sichden Umständen entsprechend nie. „Warum?“, sinnierte Michel, warum also zum digitalen Teufel muss er immer noch an sie denken, nach all den Jahren? Weshalb tat er nie den Schritt und besuchte sie in der realen Welt? Wahrscheinlich aus dem gleichen Grund, weswegen er auch sonst nie einen Fuß nach draußen setzt, solange davon nichts Überlebenswichtiges abhängt. Oder hätte er dieser Prämisse folgend sich etwa sofort in den nächsten Flieger setzen müssen?


Je mehr er an Dulari dachte, desto mehr wurde im gewahr, was er täglich zu verdrängen versuchte. Im Grunde bisher ein gelungenes Unterfangen. Weshalb also erfolgreiche Strategien, die sich bewährt haben, verwerfen und sich auf unsicheres Terrain begeben. Er drehte sich um und sah im Spiegel, wie er dastand. Ein begossener Pudel, versklavt von Emotionen, die eh keinen Sinn ergeben. Sich selbst nicht mehr erkennend versuchen ihn alte Reflexe aus der Starre zu reißen. Er späht zum verdienstvoll gestorbenen Computer, zückt sein Smartphone, checkt seine E-Mails.


Im Rauch der Zigarette starrt er angestrengt aufs Display, doch sein Gehirn scheint vernebelt. Es rülpst übersättigt vom Buchstabensalat und nach einer halben Minute unterbricht Michel den Versuch weiterzulesen. Er bemüht den Fernseher, doch nimmt nur ein flackerndes Flimmern wahr, welches ihn nicht unterhält und ablenkt, sondern seine Sinne stresst. Die gereizten Pupillen suchen Zuflucht unter den Augenliedern, obendrein malträtiert die mediale Kakophonie des in den letzten Jahrzenten noch stumpfer gewordenen TV-Programms sein Trommelfell so arg, dass er unversehens das Spracherkennungsprogramm anschreit: „Aufhören!“. „Ich verstehe nicht. Meinten Sie:  ‚ausschalten‘ ?“, entgegnete ihm eine sonore Stimme, die versucht empathisch zu klingen. Wieder ein Schrei, ein Wurf und tausend Scherben. Das Handy - zweckentfremdet als frustrationsbewältigendes Wurfgeschoss - und der Fernseher lagen ruhig auf dem Boden, wie vom Fegefeuer geläuterte Seelen. Michels Seele hingegen erfuhr ganz weltliche Wohltat in Form transzendenter Stille. In Embryostellung verweilte er einige Sekunden, bis es er unwillkürlich an Dulari dachte. Ach, was wäre es schön, wenn sie jetzt neben ihm säße. Sein Kopf läge in ihrem Schoß und sie würde ihm darüber streicheln, während sie spaßen oder schweigen.

 

Michel rafft sich auf, faltet die Hände und kräuselt die Stirn. Ein seelischer Seufzer verlässt seinen Mund, woraufhin das Rumoren im Bauch sich beruhigt. Er klopft sich auf die Schenkel, steht auf und geht zielstrebig –wie von unsichtbarer Hand geleitet - zur Abseite. Als er zurückkommt hält er seltsame Objekte in seinen Händen, die schon vor Jahren, aufgrund mangelnden Absatzes, aus dem Sortiment des Onlinehandels gestrichen wurden. Er zündet die Kerzen an und stellt eine alte, aber gut erhaltene Holzkiste auf den Tisch, die aus mehreren aufklappbaren Fächern bestand und auf dessen Oberfläche handgemalte Blumenornamente prangten. 

 

Erneut übermannen ihn nostalgische Erscheinungen und er wünscht sich den alten Schaukelstuhl seiner Oma herbei. Darin saß sie, während sie ihm ihr Handwerkszeug lehrte und unglaubliche Ruhe ausstrahlte. Er genierte sich – wie damals schon – kurz ob seiner Männlichkeit, aber erinnerte sich auch daran, wie viel Vergnügen ihm das Häkeln früher bereitete. Nur Dulari hatte er mal von seiner heimlichen und größtenteils unterdrückten Leidenschaft aus der Vergangenheit erzählt. Ein leises Knirschen begleitet den fast schon zeremoniellen Akt, bei dem Michel behutsam das Nähkästchen öffnet und die darin befindlichen Strickutensilien begutachtet. Das vertraut anfühlende Ritual befreit ihn von der Enge in der Brust und lässt ihn ruhig atmen, wie lange nicht mehr. Er greift zu einer Nadel mit einem Haken an der Spitze. Er entwickelte ganz zwanglos eine Neigung zu dieser speziellen Technik, weil er schon als Kind eine gesonderte Affinität für seines Erachtens lustige Wörter besaß.
Besonders schlimm erwischte ihn das Häkelfieber damals immer im Bett, kurz vorm Schlafengehen. Masche für Masche, lief durch ein von ihm selbst geschaffenes Netz der flüssigscheinende Faden, welcher nicht unbedingt rot sein musste. Pure Farbfroheit prägten seine Werke, oder auch manchmal apartes Grau, nie mangelte es an Kreativität. Ästhetischer Hochgenuss und Höhepunkt seiner künstlerischen Karriere, waren diverse Puppen, die mit liebvollen Details verarbeitet, realen Personen aus seinem Umfeld ähnelten. Er machte stets ein Foto von jedem Exemplar und schenkte das Original anschließend den menschlichen Doppelgängern, zumeist Freunde und Verwandte. Er hatte viele Bilder, doch längst keine Kontakte mehr. Eigentlich, so kam er ins Grübeln, fehlt Dulari in dieser Sammlung.

 

Das Wetter draußen hatte sich beruhigt und im Inneren entstand inmitten der Ödnis eine Oase harmonischer Gleichgültigkeit. Der Mond lächelte nun milde und beobachtete interessiert Michel bei der Gestaltung seines Werkes. Das Kopftuch im obligatorischen Grün und die unorthodoxe Latzhose fingen den typischen Stil Dularis ein und betonten ihre Unverkennbarkeit. Michel liebte diese Form intrinsischer Betriebsamkeit und war erstaunt, als er nach ein paar Stunden eifrigen Strebens – Dynamik statt Drang verspürend - das Resultat seiner ihm Ausgleich verschaffenden Mühen  bestaunte. Er betrachtet das liebevolle Netz, bestehend aus warmer Wolle, nicht kalter Kabel. Keine chaotischen Irrungen, alles ergab einen Sinn, den man nicht gezielt hinterfragen muss. Er konnte es berühren und es berührte ihn. Ach, Dulari. Ob es dir gefallen würde?

 

Indessen die Sonne langsam aufging, und bei Michel ein Müdigkeitsgefühl eintrat, malte er sich aus, wie er Dulari das Präsent persönlich überreicht und sie in den Arm schließt. Die Puppe am Herzen versetzt ihn in einen seltengewordenen Zustand der Glückseligkeit. Er schläft ein, Dularis Duplikat in fester Umarmung, als wollte er sie nie wieder loslassen.

 

 

 

Foto: © Ian Browne

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