Buchauszug

Vom Playboy zum Pilger. Mein langer Weg nach Hause

01.02.2021 - Giuseppe Pino Fusaro

Pellegrino - italienisch für "Pilger, Reisender, Wanderer" -, dieses Wort beschreibt Giuseppe "Pino" Fusaro wohl am besten. Er war Nürnbergs Vorzeige-Italiener: Promi-Wirt und Männer-Model mit Samtaugen. Schon früh hatte er alles, wovon er als Gastarbeiterkind geträumt hatte: ein glamouröses Leben, Erfolg, Geld, die schönsten Frauen und prominente Freunde. Heute hat Pino Fusaro so gut wie nichts mehr von alledem - und ist glücklicher denn je. Denn nach unzähligen Alkohol- und Drogenexzessen, einem Gefängnisaufenthalt, schweren Depressionen und einem gescheiterten Suizid-Versuch hat der getriebene Sinn- und Glückssucher zwischen Buddhismus und Jakobsweg schließlich etwas gefunden, wofür es sich wirklich zu leben lohnt ...

Im Folgenden ein Buchauszug aus "Pellegrino – Vom Playboy zum Pilger":

Mir war klar, ich musste mich auf den Weg machen, um Erleuchtung zu finden und innere Reichtümer anzusammeln. Meinen Weg finden, im wahrsten Sinne des Wortes. Statt der eigentlich angedachten Weltreise mit dem VW-Bus schien es mir aber zu einer spirituellen Suche passender, zu Fuß zu gehen. Ganz entgegen meinem früheren Entschluss, niemals wieder auf den Jakobsweg zu gehen, beschloss ich – ich weiß nicht mehr genau, warum –, doch noch mal den Pilgerweg nach Santiago einzuschlagen.

Diesmal wollte ich aber die ganze Strecke von Deutschland aus zu Fuß gehen – wenn schon, denn schon. Sobald ich den Entschluss gefasst hatte, füllte sich mein Herz mit Freude. In mir breitete sich ein richtiges Gefühl der Euphorie aus. So, wie es einst Prinz Siddhartha, der Buddha, getan hatte, wollte auch ich nun alles Gewohnte und vermeintlich Sichere aufgeben, um Erleuchtung und innere Freiheit zu erlangen. Wie Buddha traf ich so gut wie keine Vorbereitungen und wollte genau wie er von meinem Zuhause aus losgehen. Heilfroh und glücklich, ohne schweres Gepäck losziehen zu können, begann ich meine Reise zu mir selbst direkt vor der Haustür in Nürnberg.

Dass es irgendwie seltsam sein könnte, als Buddhist einen so stark christlich geprägten Pilgerweg zu gehen, kam mir keinen Moment in den Sinn. Für mich passte das wunderbar zusammen, ich hatte ja auch kein Problem mit Gott, und dieser hatte sicherlich nichts dagegen, wenn Menschen nach Erleuchtung strebten. Und tatsächlich gehen den Camino nicht nur Christen, sondern so ziemlich jede Art von Menschen, die irgendwie spirituell auf der Suche sind und die Hoffnung haben, dass sie unterwegs besondere Erlebnisse haben, und sich selbst auf die Spur kommen.

Wenig später hatte ich alles verkauft oder auch verloren: mein Traumlokal, die Wohnung, die Möbel und alles, was ich sonst noch so hatte an weltlichen Dingen. Und nun warteten rund 2.900 Kilometer zu Fuß auf mich. Am 9 . Juni 2007 sollte es losgehen.

In der Nacht davor konnte ich nicht schlafen. Immer wieder wälzte ich mich im Bett hin und her. Ich hatte Angst, ob ich das, was ich mir da vorgenommen hatte, überhaupt schaffen würde. Seit meiner Jugend war ich es gewohnt, ein komfortables Leben zu führen, immer Menschen um mich zu haben, bewundert und hofiert zu werden. Von meiner ersten Jakobsweg-Erfahrung war mir noch bewusst, dass es wahrlich kein Spaziergang war, was mich erwartete . Und diesmal würde der Weg ja noch viel beschwerlicher und weiter werden.

Eros Ramazzotti hatte mich, als ich ihm von meinem Vorhaben mit dem Pilgerweg berichtet hatte, rundweg für verrückt erklärt. Ich hatte ihm hoch und heilig versprechen müssen, mich von Zeit zu Zeit bei ihm zu melden, damit er wusste, dass alles in Ordnung war, was ich dann auch brav tat.

Zum Abschied hielt Pfarrer Weidinger eine heilige Messe mit einer wunderbaren Predigt in der Jakobskirche in Nürnberg für mich, und dann marschierte ich los. Noch musste ich nicht allein gehen: Auf der ersten Etappe nach Wendelstein, das unmittelbar am Jakobsweg liegt, begleiteten mich meine Freunde Celina, Babs, Jasmin, Michaela und Valentin.

Mein erstes Ziel war das Zuhause meiner Eltern. Dort konnte ich noch eine Nacht in Ruhe schlafen. Früh am nächsten Morgen setzte ich mir meinen Rucksack auf und lief voller guter Erwartungen und Unternehmungslust los. Ich war überglücklich darüber, dass ich diese Entscheidung getroffen hatte. Insgeheim hatte ich mir noch gewünscht, auf einen erfahrenen Jakobspilger zu treffen, denn ich hatte nie gelernt, Wanderkarten zu lesen oder mich orientieren zu müssen. Außerdem war der Jakobsweg in Deutschland damals noch nicht so gut beschildert wie heute nach dem Pilgerhype, der durch das Buch „Ich bin dann mal weg“ von Hape Kerkeling entstanden ist.

An wen ich diesen Wunsch aber gerichtet hatte, wusste ich selbst nicht so genau. Ganz klar war für mich, dass ein höheres Wesen existierte, das stellte ich nicht infrage – es hatte aber keine weiteren Auswirkungen auf mein Leben. Dass im Buddhismus die Existenz Gottes verleugnet wird, war mir nicht so bewusst. So weit war ich noch nicht.

 

Judith Blüthner, Giuseppe "Pino" Fusaro: "Pellegrino - Vom Playboy zum Pilger. Mein langer Weg nach Hause", adeo-Verlag, 224 Seiten, 20,00 €

Giuseppe "Pino" Fusaro wurde 1962 als Kind kalabrischer Gastarbeiter in Nürnberg geboren. Schon mit 17 Jahren eröffnete er seine "Pizzeria Pino" und geriet früh auf die schiefe Bahn. Mit 19 landete er für 2 Jahre im Gefängnis. Danach betrieb er verschiedene Gastronomieobjekte, die alle sehr erfolgreich wurden. Er war als Model und George-Michael-Double unterwegs und zählte viele Promis zu seinen Freunden. Nach der Hinwendung zum Buddhismus gründete er im Jahr 2000 mit Schauspieler Ralf Bauer das Hilfswerk "Children's Smile". 2007 ging er zu Fuß von Nürnberg 3.000 km auf dem Jakobsweg nach Santiago de Compostela. Nach der Rückkehr litt er unter schwersten Depressionen. In seiner Verzweiflung suchte und fand er Halt im christlichen Glauben. 2019 ließ er sich im Jordan taufen und ist seither als Friedensbotschafter unterwegs.

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