Terrorismus

Vom schmutzigen, aber profitablen Geschäft mit dem Tod

14.09.2013 - Walid Malik

28.05.2010, 15:06 Uhr MEZ, das Telefon klingelt – auf dem Display erscheint eine Nummer mit der Landesvorwahl Pakistans. „Hallo. Ich hörte dieses Handy klingeln und habe im Chaos des Anschlages sofort zurückgerufen. Der Inhaber dieses Mobiltelefons ist seinen schweren Wunden leider erlegen. Es tut mir unheimlich Leid. Möge Gott seiner Seele gnädig sein.“ – das Gespräch endet. Der Hintergrund: 5 Schüsse aus einer von Menschenhand gemachten und einem Taliban-Kämpfer geführten Todesmaschine, die das Leben einer ganzen Familie verändern. Die Frage, die man sich heute noch stellt: Warum? Der Autor sucht als Betroffener Antworten bei den Machenschaften der Waffenindustrie.

15 Jahre alt war ich, als ich zum ersten Mal im Beisein meines (heute verstorbenen) Onkels eine AK 47 in der Hand hielt. Sie gehörte dem Sicherheitsmann unserer mit dicken Mauern umgebenen Gemeinschaftssiedlung, die am Rande der pakistanischen Millionenstadt Lahore lag. Für die Anwohner und insbesondere für meine, von der religiösen Verfolgung geplagten, Familie war sie ein Segen - für mich ein anmutiges, edles Spielzeug und ein aufregendes Abenteuer, das eine gefährliche Neugier in mir weckte. Ihr bedrohlicher Name und die 600 Schuss pro Minute standen den Anwohnern als fast heiliges Symbol für Recht und Ordnung permanent zur Verfügung. Dieser allgegenwärtigen Sicherheit ging eine lächerliche, einmalige Investition in Höhe von 300 Euro voraus, die 181 wohlhabende Familien unter sich gerecht aufteilten. Gefühlte 10 kg hielt ich da nun zwischen meinen kümmerlichen Armen, das machte rund 20% meines Körpergewichts aus, und erfreute mich an dieser einzigartigen Gelegenheit. Die Handhabung war umständlich, das Kurvenmagazin groß, das Rohr zu lang, es zielte aufgrund des Gewichts immer in Richtung Boden. Der Sicherheitsriegel war währenddessen umgelegt, die Gefahrenlage machte eine immerwährende Bereitschaft der Waffe nötig.

 

Was ich nicht wusste und durch die Erfahrung viele Jahre später erst begriff: ich war in diesem Moment in den Körper eines unschuldigen Kindersoldaten geschlüpft - und in schockierender Weise war ich es gerne. Eines hatte das Schicksal nämlich im Jahre 2010 erwirkt: die Macht, die ich als Kind noch für unantastbar hielt, wurde durch den Tod eines Familienangehörigen gegen mich selbst eingesetzt. Ich musste mich ihrer entledigen. 

 

Eine nicht zu unterschätzende Bedrohung

Nach Angaben von Amnesty International stirbt jede Minute ein Mensch durch Waffengewalt. Schätzungsweise kommen so jährlich mehr als 500.000 Menschen weltweit ums Leben. Die Anwendungsgebiete sind vielfältig: der bloße Einsatz von Klein- und Leichtwaffen reicht von Mord und Massakern bis hin zu gewaltsamen Konflikten zwischen kriminellen Organisationen oder sich gegenseitig verachtenden Volksgruppen. 

 

Leidtragende sind dabei meist gar nicht die Bewaffneten, sondern unschuldige Zivilisten, die sich oftmals zwischen den gewaltsamen Fronten befinden. 80% der Opfer sind zivile Opfer und nicht zu unterschätzen ist die Nachwirkung auf wehrlose Kinder, die mit den Folgen von Armut, Kriegsleiden, Krankheit und zerstörter Infrastruktur zu kämpfen haben.

 

Das skrupellose Geschäft der Waffenschmieden boomt

Die Nachfrage nach Waffen boomt seit Menschengedenken. Heute ist der weltweite Waffenhandel von Klein- und Leichtwaffen im Wert von bis zu 600 Milliarden Euro ein sehr profitreiches Geschäft und deutsche Firmen (Deutschland ist der drittgrößte Waffenexporteur der Welt) kassieren mit ihrer fortschrittlichen Technologie massiv mit. Für Rüstungsunternehmen wie Heckler & Koch bedeutet das bei mehr als 200 Millionen Euro Umsatz pro Jahr nicht nur eine gute Rendite ihrer unternehmerischen Investition, sondern auch den Erhalt der wichtigen Rüstungsforschung, die Grundlage für eine profitable Produkterweiterung ist. Zur bekannten Produktpalette des HK-Unternehmens gehört beispielsweise das Schnell-Feuergewehr G36. Die Preise für dieses begehrte Sturmgewehr liegen zwischen 600 (Bundeswehr) und 2000 Euro pro Stück – Mengenrabatt inklusive. Dass die durch HK gepriesene „konstante Zuverlässigkeit“ des G36 nicht für den Export selbst, sondern lediglich für die Anwendung der Waffe gilt, zeigen Recherchen. So wurde das G36 nachweislich in den Drogengebieten Mexikos gefunden sowie von der libyschen Armee bei der Niederschlagung kritischer Stimmen im Land verwendet.

 

Auch Konkurrent Krauss-Maffei Wegman ist kein Waisenknabe. „Wir stellen lediglich wehrtechnische Produkte her“ antwortete einst Frank Haun, Geschäftsführer von Krauss-Maffei-Wegmann nervös auf die Frage eines ZDF Journalisten, ob es denn seine Firma ethisch verantworten könne, dass der Waffenhandel möglicherweise zu Menschenrechtsverletzungen missbraucht wird. Im Laufe des Gesprächs wurde dann Haun gefragt, ob er jemals ein schlechtes Gewissen gehabt habe und insofern ruhig schlafen könne. Der Mann schluckte und erwiderte schließlich selbstbewusst „Nein. Ich schließe das abends ab und sage alles ist gut“. Ob wohl die Mutter eines Demonstranten, der durch ein deutsches Militärfahrzeug getötet wurde, nachts auch gut schläft?

 

Die bei Rüstungsexporten so hochgehaltene Endverbleibserklärung, die eine Sicherstellung der ordnungsgemäßen Verwendung des Rüstungsgutes gewährleisten soll, hat einen rein symbolischen Charakter – das lässt sich am Beispiel Pakistan zeigen: das Land verfügt über große Lizenzbau-Reserven an der HK-MP5, der HK-G3 sowie der Rheinmetall MG3. Außenpolitisch ist Pakistan für die Terrorismusbekämpfung von enormer Bedeutung – seit jeher wird die Armee durch massive Investition aus dem Ausland aufgerüstet. Das Land selbst gab im Jahr 2012 mehr als drei Prozent seines Bruttoinlandsprodukts (6 Milliarden Dollar) für das Militär aus. Dem Menschenrechtsschutz widmet die Politik dagegen eine eher bescheidene Aufmerksamkeit. So verwehrt § 298-B und C des pakistanischen Strafgesetzbuches bestimmten religiösen Minderheiten die Religionsfreiheit, indem es ihre Religionsausübung gänzlich unter Strafe stellt. Würden nun Menschen eines möglichen pakistanischen Frühlings für ihre Religionsfreiheit auf die Straßen gehen, hätten sie eine Konfrontation mit deutschen Waffen zu erwarten. Besonders während der Militärdiktatur Musharrafs kamen solche Waffen bereits zur Anwendung, als 2007 bis 2009 tausende von Anwälten und Aktivisten für den Kampf gegen Korruption und Repression auf die Straßen gingen.

 

Insofern hat der Waffenhandel durchaus „Präventivcharakter“ – er behindert nämlich den effektiven Schutz von Menschenrechten. Ziel ist nicht mehr der Terrorist, der die Sicherheitslage gefährdet, sondern der Freiheitskämpfer als Mensch und Bürger des Landes. Ähnliche Skepsis ist auch bei der Rüstungszusammenarbeit mit Saudi-Arabien angebracht. Dort erhalten hemmungslose Zwischenhändler, die durch illegale Waffenhandel über dunkle Kanäle an die Güter kommen, in den ländlichen Regionen dieser Staaten regen Zulauf – der Kunde hat dabei nicht immer die Sicherheitsinteressen Deutschland im Blick, sondern seine eigenen.

 

Waffenhandel als Reproduktion menschlicher Natur

Die Herstellung von Waffen ist eine Reaktion auf die Wesensart des Menschen, bei Konflikten unberechenbare Gewalt anzuwenden. Insofern reagiert die Waffenindustrie nur auf den Markt und dessen potenziellen Kunden. Diese sehen das internationale System als ein anarchisches und unsicheres System an, das gegenseitiges Misstrauen erzeugt und so horrende Aufrüstung und nachhaltige Abschreckung notwendig macht.

 

Die Waffenindustrie und insbesondere ihre gut verdienenden Akteure tragen jedoch Verantwortung für die Endnutzung ihrer Produkte, denn die reibungslose Ausführung von Krieg und Gewalt hängt mit der Versorgung von Rüstungsgut zusammen. Dem Slogan „Exporte erhalten, Arbeitsplätze sichern“ muss man daher entgegenhalten: Aber nicht auf Kosten von Menschenleben.

 

Der Waffenhandel ist der Treibstoff für den Tod unschuldiger Menschen. Das Geschäft mit dem Tod ist schmutzig, unendlich schmutzig - und auch in der Zukunft werden wir immer wieder mit dieser Realität konfrontiert werden.

 

 

 

Foto: © brian.ch

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