Sprachkolumne

Von Krieg zu Krieg. Die Schlachtfelder in unserer Sprache und in unserem Leben

01.04.2021 - Daniela Ribitsch

Kriegsmetaphern

Ist Ihnen, liebe LeserInnen, jemals aufgefallen, dass wir das Leben als Krieg verstehen? Als ständigen Kampf zwischen Gewinnen und Verlieren? Welch große Rolle der Krieg in unserer Weltsicht tatsächlich spielt, davon zeugen die zahlreichen Kriegsmetaphern in unserem Vokabular. Zum Beispiel das Wort Schlachtfeld. Ein Schlachtfeld ist eigentlich ein Ort, an dem Menschen einander mit Waffen bekämpfen. Dennoch gibt es unzählige Situationen, in denen wir zwar keine Waffen benutzen, aber trotzdem von einem Schlachtfeld sprechen. Wenn wir etwa unser Leben, die Küche oder das Büro mit einem Schlachtfeld vergleichen, so scheint dieses Wort wohl genau das richtige Bild zu vermitteln.

Oder denken Sie etwa an Krankheiten: Wie ein riesiges feindliches Heer stürzen sich die Bakterien auf uns. Und wir zerstören sie, indem wir entweder unsere natürlichen Abwehrkräfte mobilisieren oder aggressive Medikamente schlucken. Schon lange führen wir insbesondere mit dem Krebs Krieg. Wir verstehen die Chemotherapie als Waffe und bezeichnen PatientInnen als Opfer. Die an Krebs gestorbene US-amerikanische Schriftstellerin Susan Sontag (1933 - 2004) sprach davon, dass wir PatientInnen nicht als Opfer eines verlorenen Krieges sehen sollten – als ob sie quasi zu schwach gewesen wären, um den Feind zu besiegen.

Voller Kriegsmetaphern sind auch Argumentationen. Die US-amerikanischen Linguisten George Lakoff und Mark Johnson bezeichnen Argumentationen als verbale Kämpfe, die von Angriff, Verteidigung und Gegenangriff leben. Lakoff und Johnson meinen, es wäre eine ganz andere Erfahrung, wenn es hier nicht um Gewinnen oder Verlieren ginge, sondern wenn Argumentationen Tänze mit DarstellerInnen statt GegnerInnen wären und diese gemeinsam nach Balance und Ästhetik strebten.

Könnten Sie, liebe LeserInnen, sich vorstellen, zu tanzen anstatt zu attackieren? Oder hätten Sie andere Begriffe, um Krankheiten zu beschreiben? Sie merken schon: Kriegsmetaphern sind tief in uns verwurzelt und daher schwierig auszutauschen. Eine Änderung unseres Vokabulars würde automatisch eine Änderung unser Weltsicht bedeuten: Wir könnten das Leben nicht mehr als ständigen Krieg begreifen.


Im Krieg

Wie sehr wir das Leben als ständigen Krieg verstehen, hat uns COVID-19 nur allzu deutlich vor Augen geführt. Seit über einem Jahr schon befinden wir uns im Krieg gegen diesen Feind, der einfach nicht aufgeben will. Dies zeigt sich deutlich an unserem zwangsweise veränderten Lebensstil wie auch an unserem Vokabular. Beispielsweise sprechen wir davon, im Krieg gegen diesen heimtückischen Feind zu sein, und diskutieren über mögliche Strategien, mit denen wir ihn besiegen können. Gerüstet haben wir uns mit Schutzmaßnahmen wie Isolation, Mund-Nasen-Schutz und Abstandhalten, da diese immer noch unsere effektivsten Waffen darstellen, während wir so schnell wie möglich unsere medizinischen Waffen, die Impfstoffe, an alle verteilen. Monat für Monat wurden wir mit erschreckenden Zahlen von Infizierten und Todesopfern bombardiert, sahen Bilder von Geisterstädten und analysieren auch jetzt noch permanent das Verhalten des Feindes.

Wir spüren nicht nur deutlich den Angriff auf unsere Gesundheit und unser Sozialleben, sondern auch auf unsere Wirtschaft. Natürlich sind wir an Nachrichten über Kriege gewöhnt und mittlerweile bis zu einem gewissen Grad wohl auch abgestumpft. Trotzdem: Dieser unsichtbare Feind befindet sich im eigenen Land und gibt uns ein Gefühl der Machtlosigkeit, während wir verzweifelt um unser körperliches und wirtschaftliches Überleben kämpfen. Seit über einem Jahr schon lösen Wörter wie Isolation, Ausgangssperre und Sicherheitsabstand bei zahlreichen Menschen Stress und Angst aus. Und genauso lange erzählen uns die Medien, wie hart es für alle sei, zu Hause eingesperrt zu sein. Und immer wieder hören wir, wie müde wir schon von all den Maßnahmen seien und dass wir mehr als alles andere eine Rückkehr zum geliebten Alltag vor dem Virus herbeisehnen.

Doch nicht alle sehnen sich nach dem gewohnten Alltag zurück. Mein Lebensstil zum Beispiel hat sich durch Corona kaum verändert. Ich war immer schon gern zu Hause. Letztes Jahr habe ich festgestellt, dass ich auch gerne von zu Hause aus arbeite, und jetzt, da ich wieder ins Büro fahren muss, vermisse ich es, nicht mehr von zu Hause aus arbeiten zu dürfen. Und ich genieße es auch nach über einem Jahr noch sehr, nicht gesellig und nicht an allerlei Veranstaltungen teilnehmen zu müssen.

Aber für kontaktfreudigere Menschen als mich ist dies zweifelsohne eine herausfordernde Zeit. Doch auch die wird eines Tages vorübergehen. Und wie mein Mann Rick beim ersten Lockdown so treffend bemerkte: „So viele Leute wünschen sich, die Welt stünde für eine kurze Weile still. – Jetzt ist es so weit!“ Doch statt Freude hören wir seit Beginn der Pandemie immerzu Klagen. Dabei hat sie uns so viel wertvolle Zeit beschert, sowohl unser Haus als auch unser inneres Selbst zu entrümpeln – um zu lernen, uns mit uns selbst und unseren Haushaltsmitgliedern zu beschäftigen. Schade, wenn diese Zeit ungenutzt verstrichen sein sollte…

In unserem Krieg gegen das Virus scheinen viele von uns zudem vergessen zu haben, dass diese Pandemie nicht unsere einzige Krise ist. Kaum jemand hat im letzten Jahr die Klimakrise erwähnt, obwohl ein bereits im März 2020 erschienener UN-Bericht die Klimabedrohung größer als das Virus einstufte. Freilich stellt das Virus immer noch eine akute Gefahr dar und schränkt uns gegenwärtig immer noch stark in unserer Freiheit ein, weil wir so lange schon auf Kreuzfahrten, Flüge und Massenveranstaltungen verzichten. Doch für unsere Erde ist das eine kleine und dringend notwendige Verschnaufpause.

Rückkehr zur Normalität

Der vielleicht am heißesten ersehnte Wunsch in Coronazeiten ist die bereits erwähnte „Rückkehr zur Normalität“. Mit dem Wort normal verbinden wir positive Gefühle wie Vertrautheit und Sicherheit. Gleichzeitig jedoch wird dieses Wort immer wieder heftig kritisiert, da unzählige Menschen von dem abweichen, was unsere Gesellschaft als normal bezeichnet, denken wir nur an Gender, sexuelle Orientierung oder Behinderungen.

Was bedeutet es also, wenn wir von einer „Rückkehr zur Normalität“ sprechen? Wir meinen damit natürlich unseren alten Lebensstil, so als wäre das Virus nie aufgetaucht: Massenveranstaltungen, Massenkonsum, Massenreisen. Und das wiederum würde bedeuten, unsere schwere Klimakrise weiterhin zu ignorieren.

Normalerweise wird das Wort Krise mit Begriffen wie Gefahr, Problemen, Sorgen und dringlichem Lösungsbedarf assoziiert. Dennoch bewerten wir die Dringlichkeit verschiedener Krisen unterschiedlich. Als unmittelbare Gesundheitskrise schaffte es COVID-19 schnell an die Spitze der Dringlichkeitsliste. Zahlreiche geschlossene Betriebe und arbeitslos gewordene Menschen schickten die Wirtschaftskrise sogleich hinterher. Doch wann haben wir der Klimakrise je eine solche Toppriorität zugestanden? Dürreperioden und der steigende Meeresspiegel erscheinen wohl nicht so bedrohlich wie das Virus oder unsere geschädigte Wirtschaft. Tatsächlich ist unsere Wirtschaft dermaßen mit unserem „normalen“ Lebensstil verflochten, dass wir wachsende Wirtschaft mit gesunder Gesellschaft gleichsetzen. Je mehr wir kaufen, desto besser. Begrenzte Ressourcen allerdings machen unendliches Wachstum unmöglich und der stetig steigende Konsum bedeutet für unseren Planeten nur noch mehr Verschmutzung und Zerstörung. Wir ignorieren so völlig die zahllosen Menschen und Nichtmenschen, die bereits an der Klimakrise gestorben sind, etwa durch Hitze, Hunger, Naturkatastrophen oder Verschmutzung.

Als Gewohnheitstiere möchten wir verständlicherweise wieder zu unserer „alten Normalität“ zurückkehren. Doch da wir auch intelligente und stolze Wesen sind, sollten wir drei Dinge tun:
1) Wir sollten einsehen, dass uns die Natur trotz unserer Spitzentechnologie immer noch überlegen ist. Ob wir uns das allerdings eingestehen können, bleibt fraglich. Immerhin spekulieren wir darauf, mit den Impfstoffen Corona unter Kontrolle zu bringen und somit doch noch unseren Triumpf über die Natur feiern zu können. Doch ganz unabhängig vom langfristigen Ausgang der Impfungen: Viren und Bakterien sind Teil der Natur, und wenn wir eine Krankheit besiegen – um eine Kriegsmetapher zu bemühen –, wird eine neue kommen. Denn auch das Sterben, das wir so sehr verdrängen, ist Teil unseres Lebens.
2) Wir sollten unseren Alltag nicht länger als ständigen Krieg begreifen. Statt immerfort gegeneinander zu sein, sollten wir uns lieber auf ein Miteinander konzentrieren und - wie Lakoff und Johnson vorschlagen - miteinander tanzen. Statt Stress sollten wir nach Ruhe und Gelassenheit streben.
3) Es ist höchste Zeit, uns nicht immerfort gegen die Natur zu stellen, sondern uns um ein Miteinander mit ihr zu bemühen und endlich diese zerstörerische Normalität des Massenkonsums mit ihrer Energie- und Ressourcenverschwendung zu hinterfragen und eine neue, eine „verantwortungsvolle Normalität“ zu schaffen, eine Normalität, die für uns, unsere Mitmenschen und Mutter Natur gesund ist. Aber wenn wir es nicht einmal schaffen, ein oder zwei Jahre auf die gewohnte Normalität zu verzichten, wie sollen wir es dann je schaffen, unseren Lebensstil so zu verändern, dass wir unsere Natur und unser Klima schützen können?

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