Sprachkolumne

Von Sprachdiversität bis Haiku. Eine kleine Reise in das spannende Forschungsfeld der Ökolinguistik

01.02.2022 - Daniela Ribitsch

Die Ökolinguistik – eine Kombination aus Ökologie und Linguistik – ist ein sehr junger Zweig der Sprachwissenschaft, der sich in den frühen 1990ern etablierte. Während die Ökologie sich mit den Interaktionen zwischen Organismen und ihrer physischen Umwelt beschäftigt, untersucht die Sprachwissenschaft Sprachstrukturen und -gebrauch. Beide Disziplinen vereint erforschen als Ökolinguistik, wie Sprachen mit ihrer Umwelt interagieren.

Daraus ergeben sich Fragen sowohl zu Sprachdiversität als auch zu sprachlichen Darstellungen der Natur.

1)      Sprachdiversität:

·         Welche Lokalsprachen (d. i. Minderheitssprachen) verwenden die Menschen?

·         Gedeihen ihre Sprachen oder sind sie bedroht?

·         Inwieweit beeinflusst die physische Umgebung (z. B. die Regierung, ein veränderter Lebensstil, wirtschaftlicher Druck) das Gedeihen oder die Gefährdung ihrer Sprachen?

·         Was bedeuten gedeihende Sprachen für die örtlichen Gemeinschaften und deren Biodiversität? Was passiert, wenn eine dominante Sprache wie Englisch Lokalsprachen ersetzt?

·         Wie können wir Minderheitssprachen erhalten?

 

2)      Sprachliche Darstellungen der Natur:

·         Unsere Sprache reflektiert, wie wir die Welt sehen. Zum Beispiel nennen wir nichtmenschliche Tiere und Pflanzen Ressourcen, weil wir sie als Produkte verstehen. Auch unseren Kindern bringen wir bei, sie Ressourcen zu nennen und als solche zu sehen.

·         Wie werden Menschen, nichtmenschliche Tiere und Pflanzen in der geschriebenen und gesprochenen Sprache dargestellt, z. B. in Werbung und Politik oder im akademischen Rahmen und Alltag?

·         Inwieweit beeinflusst diese Darstellung, wie wir über sie denken und sie behandeln? Haben sie in diesen Darstellungen Eigenwert oder wirtschaftlichen Wert?

·         Wie sollten wir Bilder, Wörter und Grammatik gestalten, um den Eigenwert der Natur darzustellen?

 

Wie Sie sehen, sind ÖkolinguistInnen in höchstem Maße am Erhalt von Diversität interessiert, sei es nun Sprachen, Kulturen, Menschen, nichtmenschliche Tiere oder Pflanzen. Sie machen uns auf sterbende Sprachen aufmerksam und auf die Ungerechtigkeiten, die sich in der Sprache widerspiegeln. Und sie machen auch Vorschläge, wie wir Sprachdiversität pflegen und die Gleichbehandlung von menschlichen und nichtmenschlichen Lebewesen durch unsere Ausdrucksweise fördern können.


Sprachenvielfalt

Ein Forschungsbereich der Ökolinguistik ist also, wie oben besprochen, die Sprachdiversität. Wie wichtig dieser Bereich ist, zeigt sich an dem aktuellen globalen Trend der Menschen, dominanten Sprachen wie Englisch, Deutsch oder Französisch den Vorzug zu geben und Minderheitssprachen verkommen zu lassen.

Schätzungen zufolge gibt es zwischen 6.500 und 7.000 Sprachen auf dieser Welt. Ungefähr zwei Drittel davon werden in Afrika und Asien gesprochen. Mit 840 Sprachen gibt es in Papua-Neuguinea die größte Sprachenvielfalt, gefolgt von Indonesien mit 710 Sprachen. Doch trotz all unserer Sprachenvielfalt werden nur 23 der 7.000 Sprachen von jeweils mehr als 50 Millionen Menschen gesprochen. Diese 23 Sprachen sind:

·    Chinesisch

·    Spanisch

·    Englisch

·    Arabisch

·    Hindi (Indien)

·    Bengali (Bangladesch)

·    Portugiesisch

·    Russisch

·    Japanisch

·    Lahnda (Pakistan)

·    Javanisch (Indonesien)

·    Türkisch

·    Koreanisch

·    Französisch

·    Deutsch

·    Telugu (Indien)

·    Marathi (Indien)

·    Urdu (Pakistan)

·    Vietnamesisch

·    Tamil (Indien)

·    Italienisch

·    Persisch (Iran)

·    Malaiisch (Malaysia)

Während diese Sprachen gedeihen, gibt es in anderen Sprachen nicht einmal mehr 1.000 SprecherInnen. Tatsächlich sind etwa 2.500 Sprachen vom Aussterben bedroht. Obwohl freilich der Tod von Sprachen ein natürlicher Prozess ist, kommt der Tod in letzter Zeit viel zu schnell. Immer mehr Menschen ziehen in die Stadt und ersetzen ihre indigene Sprache durch eine globale Sprache wie Englisch oder Spanisch, durch die sie sich bessere Chancen erhoffen. Vor allem in der Wirtschaft und im Bildungswesen verdrängen dominante Sprachen stigmatisierte Minderheitssprachen. In Schulen beispielsweise werden Dialekte oft als minderwertig angesehen. Aus meiner eigenen Schulzeit kann ich berichten, dass meine Deutschlehrerin sich immer wieder ganz unglücklich bei meinen Eltern über meinen Dialekt beklagt hat. Da Dialekte in der Schule also generell unwillkommen sind, wird SchülerInnen die Standardsprache gelehrt, was folglich zu einer Verringerung der Sprachenvielfalt führt.

Sprachen sind besonders gefährdet, wenn sie nur gesprochen, nicht aber verschriftlicht werden. Wenn kleine Sprachen sterben, so sterben auch die Kulturen und Traditionen, die sich zusammen mit diesen Sprachen entwickelten. Solch ein sprachlicher Verlust bedeutet auch den Verlust von traditionellem ökologischem Wissen über einheimische Tiere und deren Verhaltensweisen sowie einheimische Pflanzen und deren medizinischen Nutzen. Wenn Menschen von den dominanten Sprachen und deren Kulturen verschluckt werden, verlieren sie ihre Wurzeln und ihr Erbe, zusammen mit ihrem Stolz und ihrer Identität.

Haiku

Der zweite Forschungsbereich der Ökolinguistik beschäftigt sich mit der Darstellung der natürlichen Welt in gesprochenen und geschriebenen Texten. Hier wird untersucht – und auch das haben wir oben angesprochen –, ob die Texte nützlich oder schädlich sind, also ob sie den Eigenwert der Natur anerkennen oder nur an ihrem wirtschaftlichen Nutzen interessiert sind. Als besonders nützliche Text erweisen sich Haiku, die - wie ich persönlich finde – zudem einfach nur wunderschön sind und uns tief im Herzen berühren können.

Haiku sind kurze reimlose japanische Gedichte, die einen Augenblick im Alltag nichtmenschlicher Tiere und Pflanzen in deren natürlicher Umgebung darstellen und ihnen somit Eigenwert zusprechen. In jedem Haiku wird die Jahreszeit entweder genannt oder durch ein für diese Jahreszeit typisches nichtmenschliches Tier oder eine typische Pflanze, etwa Rehe (Herbst) oder Krokusse (Frühling), angedeutet. Haiku beinhalten zumeist auch unübersetzbare Wörter wie keri, ya oder zo, die dem Beschriebenen Nachdruck verleihen und durch einen Gedankenstrich oder Wörter wie ach und oh ausgedrückt werden.

Haiku folgen dem Silbenmuster fünf – sieben – fünf. Jedes Mal, wenn unser Kiefer beim Sprechen nach unten klappt, zählen wir eine Silbe. So hat das Wort Silbe zwei Silben: Sil-be. Hai-ku hat ebenso zwei Silben im Deutschen, jedoch drei im Japanischen, da i extra ausgesprochen wird: ha-i-ku. Im Japanischen werden die Vokale a, i, u, e, o entweder getrennt ausgesprochen oder mit Konsonanten wie k, n und r verbunden:

·         ka, ki, ku, ke, ko

·         na, ni, nu, ne, no

·         ra, ri, ru, re, ro

 

Doch lesen wir nun ein Gedicht von Matsuo Bashō (1644 – 1694), einem der bedeutendsten Haiku-Dichter: 

kirishigure (fünf Silben: ki-ri-shi-gu-re)

fuji o minu hi zo (sieben Silben: fu-ji-o-mi-nu-hi-zo)

omoshiroki (fünf Silben: o-mo-shi-ro-ki)

 

Und hier die Übersetzung des deutschen Japanologen Robert F. Wittkamp:

Nebliger kalter Herbstregen (acht Silben)

der Fuji war heut‘ nicht zu sehen – (neun Silben)

wie interessant … (fünf Silben)

Wie Sie erkennen können, benötigt die deutsche Übersetzung mehr Silben und Wörter als das Original. Japanische Silben sind sehr kurz, deutsche hingegen variieren: kal-ter, Herbst-re-gen. Auch kann eine Silbe ein ganzes Wort bilden: war, nicht. Eine möglichst poetische Übersetzung ohne zu viele zusätzliche Silben und Wörter ist daher eine echte Herausforderung.

Und nun, liebe LeserInnen, sind Sie dran. Gehen Sie hinaus in die Natur und beschreiben Sie in einem Haiku – in welcher Sprache auch immer –, was Sie sehen. Die Silben sind dabei gar nicht so wichtig. Wichtig ist nur, dass Sie die Natur aufmerksam beobachten und genau das festhalten, was Sie sehen. Sie werden sich nach einigen Haiku anders fühlen, besser, auf eine unbeschreiblich schöne und tiefsinnige Weise. Sie werden sich mit der Natur und den vielen großen und kleinen Lebewesen, die Sie vermutlich sonst überhaupt nicht beachten, verbunden, vielleicht sogar verschmolzen fühlen. Und Sie werden plötzlich Schönheit in unbedeutend erscheinenden Pflanzen und ungeliebten Insekten erkennen. Ich wünsche Ihnen viel Inspiration bei der Suche nach Ihren Haiku und viel Spaß dabei!

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