Eine Frage des MILIEUs

"Wann darf man in Deutschland unbesorgt 'Jude' sagen?"

15.09.2014 - Dr. Walter Rothschild

Das Wort „Jude“ bedeutet nicht „geldgierig“, „Gangster“, „Kindermörder“, „Lügner“, „Christkiller“, „Ungläubiger“ oder ähnliches. Und deshalb sollte dieses Wort nicht für solche Zwecke missbraucht werden. Es ist beleidigend, da es absichtlich verletzen soll und dementsprechend von Juden empfunden wird.

Der Begriff leitet sich ursprünglich von dem hebräischen „Jehudi“ ab, womit jemand bezeichnet wurde, der aus Judäa, einem ehemaligen Teil Israels, welcher heute zur „Westbank“ gehört, stammte. Das Wort taucht zum ersten Mal in dem Buch Ester des Alten Testaments auf – vorher werden Juden in der Bibel häufig „Kinder Ya'akov's“ oder „Kinder Yisra'els“ genannt. Heute bezeichnet „Jude“ ein Mitglied des jüdischen Volks oder der jüdischen Religion. Eine genaue Definition kann dabei einige Probleme aufwerfen, da man ja nicht gläubig sein muss, um als Jude zu gelten: es gibt viele Juden, die nur wenig mit dem Judentum zu tun haben. Dazu wird die Bezeichnung Jude oftmals nur verwendet, wenn jemand als ein solcher geboren wurde, auch wenn er die Religion nicht praktiziert oder nur an wenig bzw. gar nicht daran glaubt und vielleicht sogar nicht einmal mehr ein Jude genannt werden möchte. Kann man auf dieselbe Weise einen Christen oder einen Muslim definieren? Vielleicht schon – leider.


Dem jüdischen Gesetz zufolge ist man ein Jude, wenn man eine jüdische Mutter hat oder man offiziell zum Judentum konvertiert ist. Wir sprechen nicht von „Halb-“ oder „Viertel-Juden“ - diese Bezeichnung wäre rassistisch und wurde während der Zeit des Nationalsozialismus verwendet. Folglich ist man entweder jüdisch oder nicht. Doch den Nationalsozialisten war es wichtig, ob eines der Elternteile oder die Großeltern jüdisch waren. Selbst christliche Priester wurden verfolgt, wenn ihnen eine jüdische Abstammung nachgewiesen werden konnte. Sie wurden dann sogar als Juden bezeichnet, obwohl sie Christen waren. Es kann somit durchaus problematisch sein, wenn jeder aus seiner eigenen Sicht heraus entscheiden möchte, wer ein Jude ist. Daher ist eine gewisse Sensibilität im Umgang mit Menschen sehr wichtig, die das Wort unabsichtlich oder auch bewusst falsch verwenden.

Wir dürfen nicht vergessen, dass Juden in Europa jahrhundertelang als Außenseiter angesehen wurden, da sie oftmals die einzigen Nichtchristen in einem Dorf, einer Stadt oder einem Land waren, wo überwiegend Christen lebten. Und die Tatsache, dass Juden, obwohl sie nicht an Jesus, dafür aber an Gott glaubten, war für viele Christen theologisch gesehen ein schwieriges Problem. Folglich wurde das Wort Jude oftmals auch als Schimpfwort benutzt und später wurden Juden mehrfach ausgegrenzt, vertrieben oder gar getötet. Deswegen sollte man im Umgang mit diesem Begriff vorsichtig sein, da er historisch betrachtet vielfach missbraucht wurde. Er wird dafür leider zu selten als Kompliment benutzt. Sollte jemand ''Hey, du Jude!'' rufen, ist zu erwarten, dass dieser nichts Gutes damit meint. Würde man in dem Moment ''Hey, du Muslim!'' zurückrufen?

Manchmal wird das Begriff „Antisemitismus“ verwendet, wenn Leute antijüdische Emotionen empfinden, Hetzparolen verbreiten oder diskriminierende Witze machen. Ursprünglich stammt das Wort „Semit“ von einem der drei Söhne Noachs (Genesis, Kapitel 6) –  Ham galt später in der Mythologie als Erzvater der Afrikaner, Japhet als der für die Europäer und Shem für alle Menschen im Nahen Osten. Somit könnte man mit dem Begriff „Antisemitismus“ technisch gesehen auch die Abneigung gegenüber Arabern bezeichnen. Aber heute wird er eher für eine ablehnende Haltung gegenüber Juden verwendet –  und die unterscheidet sich theoretisch von der theologischen Einstellung ''Anti-Judentum'' oder dem politischen Standpunkt ''Anti-Israel''. Doch in der Praxis wird alles wild zusammengeworfen und nicht genau voneinander unterschieden. Wenn Menschen in Europa nur jüdische Riten (z.B. die Beschneidung oder die Schechita) oder nur den einzigen jüdischen Staat immer wieder kritisieren, dann stellt sich die Frage, was sie wirklich dazu verleitet. Vielleicht die Liebe zu Kindern oder Tieren, die Befürwortung der Menschenrechte oder ist es doch nur eine neue Version des Judenhasses?

Die Antwort für heute ist relativ klar: Das Wort hat eine Bedeutung und wenn diese auf eine Person zutrifft, dann kann und sollte man es problemlos benutzen können. Ich bin ein Jude, wurde als Jude geboren und lebe als Jude. Wenn das in einer bestimmten Situation relevant ist, kann man mich als einen solchen bezeichnen, aber man könnte mich gleichermaßen als Mann, als Mensch, als Engländer oder als Berliner bezeichnen. Es gibt jüdische Gemeinden und jüdische Schulen. Es gibt jüdisches Essen, jüdische Musik (auch wenn die Definition davon umstritten ist) und jüdischen Humor, einen jüdischen Kalender und jüdische Feiertage. Es gibt sogar einen kleinen einzigen jüdischen Staat, wo übrigens 20% der Bevölkerung nicht jüdisch ist, wie z.B. die Christen, Muslime, Bahai und Buddhisten. Nicht alle Israelis sind demnach Juden, und auch nicht alle Juden sind Israelis. Diesbezüglich gibt es oftmals Missverständnisse. Nicht alle Juden sind fromm oder orthodox. Nicht alle tragen einen Bart (insbesondere die Frauen nicht), einen schwarzen Kaftan und einen Hut. Nicht alle Juden sind reich und von uns wird weder die Welt kontrolliert noch lenken wir die Banken, die Medien, die Waffenindustrie oder den Kegelverein um die Ecke.

 

 

 

 

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