Massenpsychologie

Warum es wieder Krieg in Deutschland und Europa geben wird

01.12.2018 - Michael Griesemer

Zeitgenosse Stefan Zweig zur Kriegseuphorie in der Bevölkerung beim Ausbruch des 1. Weltkriegs: „Was wussten 1914 nach fast einem halben Jahrhundert des Friedens die großen Massen vom Kriege? Er war Legende - und gerade die Ferne hatte ihn heroisch und romantisch gemacht. Sie sahen ihn immer noch aus der Perspektive der Schullesebücher: Blendende Reiterattacken in blitzblanken Uniformen, der Feldzug ein schmetternder einziger Siegesmarsch.“

Es gab in der Geschichte eines Landes noch niemals einen unveränderlichen, ewigen „status quo“, wie wir ihn heute in Deutschland aber für den heutigen Zustand „einfach so“ anzunehmen scheinen. Es gibt kein Bleiben einer Staatsform in einem Land. Es gibt kein Bleiben von Demokratie in einem Land. Und es gibt kein Bleiben von Frieden in einem Land. Letzteres – und warum – lässt sich aus der Geschichte lernen:

Selbst Linke, Intellektuelle und alternative Künstler wie der Expressionist August Macke zogen 1914 abenteuerbegeistert in den 1. Weltkrieg, weil (wie ihre Schriften jener Zeit zeigen) die langweiligen und bedrückenden Jahrzehnte von Bürokratie im „friedlichen“ Staat bei jungen Männern ihr Bedürfnis nach Erleben von Männlichkeit und Heroismus zu ersticken schienen, wie sie das erlebten - und weil die bürokratisch verwalteten und geordneten Missstände der Ordnungswesen in Europa – denn was heißt das anders, „Frieden“? - bei Unzähligen (nicht nur bei August Macke) den Wunsch nach dem bombastischen Krieg bewirkte: Als ein die Kultur reinigendes Gewitter. Der Frieden wird diesen Bedürfnissen nicht gerecht. Es gilt sogar: Je länger er dauert, desto mehr löst er aus dem obigen Grund sogar die Sehnsucht erst aus. Nach einer irgendwie die Bedrückung endenden - archaischen - Entladung. Mit Hoffnungen auf Änderung des Stillstands im Frieden, seiner Langeweile, und seiner anders nicht behebbaren Konservierung von Missständen. 

Dieses Gefühl kann so quälend werden, dass man - wie augenscheinlich August Macke - für eine Art "freudiger Erlösung" von Stillstand, Leiden am bürokratisch unveränderlichen Elend und von Langeweile im Wohlstand - lieber sogar wissentlich in die Apokalypse und ins eigene Ende geht: Hauptsache "Raus!".

Denn der Mensch ist für das Ertragen ein und des selben Zustands auf ewig nicht geschaffen - was die ewige Sinuskurve der Menschheit zwischen Krieg und Frieden bereits erklärt: Die Vorzüge werden zur Gewöhnung und emotional damit bedeutungslos. Ob wir uns ein neues Auto kaufen, euphorisch wegen einer neuen Freundin sind oder ein Haus in der Lotterie gewinnen: Der "Glückseffekt" ist laut Experimenten nach durchschnittlich 12 Wochen weg - und man fühlt sich genauso unglücklich, gelangweilt oder unausgefüllt wie vorher: Es treibt zu anderem.

Wollte man die psychologischen Erkenntnisse meines Fachs über die menschliche Beschaffenheit auf den politischen Raum oder die großen Menschheitsfragen anwenden: Zentralnervös ist der Mensch auf Erregungskitzel angelegt - weil aus zentralnervösen Gründen alles, was konstant ist, zur Gewöhnung wird, emotional bedeutungslos - und am Ende quälende Monotonie. Aus der es auszubrechen gilt.

Schon mit den „unerklärlichen“ Auswanderungen deutscher junger Männer aus der Sicherheit der BRD und aus der bürgerlichen Langeweile in den Krieg des Islamischen Staates ab 2010 hat man ein Symptom der Sache - dass es bereits angefangen hat bei jungen Leuten, gesellschaftlich in diese Richtung auszuschwenken: Gequälter Friedensüberdruss. Und da es seither immer mehr neue Rechte, Neonazis und AfD-Spinner gibt inzwischen, die wie Höcke und Gauland nostalgisch von der Wiederkunft der Zeit „Friedrichs des Großen und Wilhelms II.“ träumen, mit ihren romantisierten Kriegen als „blendende Reiterattacken" in "blitzblanker Uniform“ und „Feldzügen als heroischem Siegesmarsch“ (Stefan Zweig); wie sie auch das folterische, kriegsblutige "christliche Abendland" verkitschen mit seinen Scheiterhäufen gegen Andersdenkende: Ist die besagte Entwicklung auch längst schon weiter im Progress.

 

 

Michael Griesemer ist ein deutscher Psychologe in freier Praxis. Sein Büro für Forensik, Prognostik und Entwicklungspsychologische Intervention, bietet unter anderem Diagnostik, Therapie- und Beratung und auch Begutachtung.

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